Ungarn Und morgen ein KönigSeite 3/3

Gábor Halmai zum Beispiel. Aus der Sicht des Professors für Verfassungsrecht wird in seinem Land gerade der Rechtsstaat abgeschafft. Was bleibe, sei eine demokratische Hülle, mehr nicht. Viele der alten Regelungen seien unzureichend gewesen, räumt Halmai ein. Aber die Art, wie Orbán die Änderungen angehe, mache ihm Angst. So sehr, dass er darüber nachdenke, das Land zu verlassen. Für einige Jahre.

Das andere, konservative Ungarn verkörpern Menschen wie Gabór Borókai. Er ist Ende 40, wirkt jugendlich, die Stimme klingt weich. Seine Karriere begann er als Sportreporter. Während der ersten Regierung Orbáns war Borókai sein Pressesprecher. Heute ist er Chefredakteur der zweitgrößten Wochenzeitung in Ungarn, Heti Válasz. Sie steht Orbáns Partei Fidesz nahe. Es habe Fehler bei dem Mediengesetz gegeben, räumt Borókai ein. Aber es sei überarbeitet worden. »Die Pressefreiheit kann durch das Gesetz nicht eingeengt werden. Durch das Internet ist es unmöglich, alle Medien zu kontrollieren.« Man müsse abwarten, um sagen zu können, wie sich die Gesellschaft verändere.

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Und die Ängste vieler ungarischer Intellektueller darüber, was mit ihrem Land passiert? »Die meisten Intellektuellen hier sind linksliberal. Sie sind viel mehr in die Politik verwickelt, als gesund ist.« Sehr viele dieser Intellektuellen, die noch Anfang der neunziger Jahre Massen auf die Straße gebracht haben, könnten heute nicht einmal ein paar Dutzend in ihr Haus als Gäste kriegen. »Sie haben ihre Glaubwürdigkeit verloren. Die Politik hat sie mit sich gerissen«, sagt Borókai. Er meint damit Schriftsteller wie Péter Esterházy, Péter Nádas und György Konrád, deren Stimmen im Ausland viel Gewicht haben.

György Konrád lebt in einem schönen Gründerzeithaus im 2. Bezirk von Budapest. Es sind Altweibertage, noch einmal scheint die Sonne mit Kraft in sein Arbeitszimmer, bevor der Sommer geht. 77 Jahre alt ist Konrád, das Gehen fällt ihm schwer. »Es war fast ein Blitzkrieg«, sagt Konrád mit gemessener Übertreibung über den Elitentausch. »Fabelhaft schnell.« Wer auf der falschen Seite stehe, werde auch in der Privatwirtschaft Schwierigkeiten haben. »Die ungarische Gesellschaft kennt das Gefühl noch«, sagt Konrád. »Man hat noch Reflexe. Man sagt: Aha, jetzt muss ich wieder diese Attitüde aufwärmen.«

Er beobachte, wie sich die Gesellschaft verändere. Plötzlich würden Begriffe wie »Nation« zum Ausschlusskriterium: »Wer nicht genug national ist, ist fremd«, sagt Konrád.

Kaum an der Macht, berief Orbán eine sechsköpfige Kommission ein, die er mit ihm vertrauten Personen besetzte. Die Kommission soll eine neue Verfassung ausarbeiten, um die alte, durch Änderungen in die demokratische Zeit herübergerettete von 1949 abzulösen. Ideen einzelner Mitglieder sickerten durch. Zum Beispiel die, in Ungarn wieder die Monarchie einzuführen.

Es war natürlich nur eine Idee, mehr nicht.

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Leser-Kommentare
    • Reber
    • 10.09.2010 um 12:01 Uhr

    Guter Artikel, Sie lassen nüchtern die Fakten sprechen, die das schauerliche Mosaik ergeben. Natürlich wäre auch die Prognose für die junge ungarische Demokratie (nicht nur deren Hülle) interessant, aber das wäre Spekulation. Hoffentlich überlebt sie diese Aushöhlung.

  1. "Erst vor 21 Jahren erlebte Ungarn seine bislang letzte echte Revolution, als der Eiserne Vorhang fiel. Sie verlief unblutig, äußerst schnell und fegte den Kommunismus samt seinen Eliten fort."

    Sehr schoen formuliert - klingt wie ein Sommermärchen.

    Unblutig? Ja, es war. Aber eine Revolution?
    Sie fegte bestimt nicht den Kommunismus (Sozialismus?!) und seinen Eliten fort.
    Die Elite hat von der Geschehen sehr wohl profitiert und
    höchstwahrscheinlich auch aktiv beigetragen.

    Nur eine Beispiel:
    Ferenc Gyurcsány (Ministerpräsident [2004 - 2009];
    Mitglied und von 2007 bis 2009 Vorsitzender der MSZP)
    Zitat aus Wikipedia (sorry, auf Englisch):
    "In 1981 he assumed function in the KISZ, the Organisation of Young Communists, ... Then between 1988 and 1989 he was the president of the central KISZ committee of universities and colleges. After the political change in 1989 he became vice-president of the organisation's short-lived quasi successor, the DEMISZ."
    "By 2002, he was listed as the 50th richest person in Hungary, an oligarch who earned most of his money by leveraging on his ex-communist contacts to make contracts to transfer government property into his private property."

  2. ...auch mal einen Artikel zu lesen, der klar benennt, dass a) die Sozialisten Ungarn in den Ruin getrieben haben und dass b) die Politik und Gesellschaft in Ungarn in höchstem Maße polarisiert sind und die jeweils regierende Partei ihre Ideologie in einem Maße durchsetzt, die für eine westliche und gestande Demokratie wie unsere undenkbar wäre.
    Dinge, die heute Orbán auch in internationalen Medien vorgeworfen werden, waren auch unter den Sozialisten Alltag. Warum Politiker wie Gyurcsány im Gegensatz zu Orbán jedoch jahrelang von den internationalen Medien hofiert wurden, so wurde er auch als "Tony Blair Ungarns" tituliert, bleibt ein unbeantwortetes Geheimnis.
    Trotz der sehr starken Bauchschmerzen, die Orbán und sein Kurs auch bei mir erzeugen, bleibt festzuhalten, dass trotz aller Nachteile seiner Ideologie er die letzte Chance der ungarischen Demokratie verkörpert. Scheitert er ebenfalls, die wirtschaftliche Lage Ungarns zu verbessern, sehe ich in Zukunft ein extremes Erstarken der Rechtsradikalen in Ungarn mit den entsprechenden Folgen. Ich hoffe das zwar nicht, es würde natürlich jedoch zu der Mentalität und Geschichte der Ungarn passen, in einer weiteren Zeit der unglaublichen Chancen sich durch die falschen Entscheidungen wieder mal in das politische Abseits zu manövrieren...

    • jutaka
    • 02.12.2010 um 15:17 Uhr

    László Kéri ist seit langer Zeit Infogeber aller deutschen Journalisten, Hand in Hand mit Herrn Konrad und neulich dem Professor Halmai, der so große Angst hat, dass er das Land für einige Jahre verlassen möchte. Warum denn?
    Diese Namen kennzeichnen die Kontinuität des nach der Wende fortlebenden kommunistischen Elite. Und wenn es nur so wenige wären...
    Herr Kéri, der keine kräftigen Gesichtszüge hat (laut Beschreibung), im Gegenteil, er ist ein Prototyp des Feigen, des ewig Charakterlosen, arbeitete bislang bei einem Institut der Ungarischen Akademie , namens Institut für Politische Wissenschaften. Es wurde ihm zusammen mit sogenannten konservativen Politologen, wie Janos Simon und Tamas Fritz gekündigt, also anscheinend nicht auf ideologischem Basis, sondern viel mehr deshalb, weil der neue Leiter von seinen Mitarbeitern in erster Linie wissenschaftliche Forschung, und nicht parteiisch-politische Essays und Publizistik erwartet. Ich glaube, zu Recht.

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