Zum Prozessauftakt am Montag dieser Woche hat Jörg Kachelmann die Mannheimer Strafjustiz eines Besseren belehrt. Entgegen den Prognosen der Staatsanwaltschaft und der Richter der 5. Großen Strafkammer, die ihn – mit der Begründung, er würde andernfalls flüchten – in Untersuchungshaft halten wollten, ist er zur Hauptverhandlung erschienen und nimmt zwischen seinen Verteidigern auf der Anklagebank des Landgerichts Platz. Da sitzt der ARD-Wetteransager mitten im Medientrubel und sieht aus wie einer, der nicht viel isst und nicht gut schläft in letzter Zeit.

Auch die Frau, die ihn auf diese Bank gebracht hat, ist gekommen. Eine 37-jährige Radiomoderatorin aus Schwetzingen, mit der Kachelmann über elf Jahre hinweg immer wieder intim war und die ihn am 9. Februar 2010 beschuldigt hat, sie am Abend zuvor vergewaltigt zu haben. Blass und schwarz gewandet sitzt die Nebenklägerin neben ihrem Anwalt: Ein Verbrechensopfer, das im Angesicht des Vergewaltigers sein Recht bekommen will? Eine Enttäuschte, die ihre gescheiterte Beziehung zu einem Prominenten mit den Mitteln der Strafjustiz fortsetzt?

Nach fünf Minuten wird die Hauptverhandlung unterbrochen. Der Angeklagte lehnt den Vorsitzenden Richter Michael Seidling und eine beisitzende Richterin durch die Verteidigung wegen der Besorgnis der Befangenheit ab: Der Vorsitzende soll den Vater der Opferzeugin aus privaten Zusammenhängen kennen.

Wer sich das bisherige Verfahren und den vorgesehenen Verhandlungsverlauf ansieht, könnte wirklich auf die Idee kommen, dass die Mannheimer Strafjustiz dem Angeklagten Kachelmann nicht unvoreingenommen begegnet. Die Staatsanwaltschaft Mannheim glaubte der Opferzeugin von Anfang an: Kachelmann, der die Tat immer bestritten hat, wurde verhaftet. Das Zutrauen der Ermittler in die Opferzeugin blieb auch bestehen, als sich vier Wochen nach seiner Festnahme herausstellte, dass die Frau in ihren Vernehmungen Polizei und Staatsanwaltschaft in wesentlichen Punkten der unmittelbaren Tatvorgeschichte belogen hatte (siehe ZEIT- Dossier Nr. 26/10). Zu der Überzeugung, dass sie nicht die wahrheitsliebende Zeugin ist, als der sie sich den Ermittlern präsentierte, war auch ein Rechtsmediziner gelangt, der von Kachelmanns Verteidigung mit der Beurteilung der angeblichen Vergewaltigungsverletzungen beauftragt worden war. Sein Fazit: Hämatome und Abschürfungen müsse die Frau sich selbst zugefügt haben. Der rechtsmedizinische Erstgutachter der Staatsanwaltschaft hatte Selbstbeibringungen lediglich für möglich gehalten.

Nun ließ die Staatsanwaltschaft Mannheim die Glaubwürdigkeit der Opferzeugin überprüfen. Sie beauftragte damit eine Bremer Aussagepsychologin. Die kam nach ausführlicher Befragung des angeblichen Opfers zu dem Ergebnis, dass dessen unplausible und bruchstückhafte Schilderung der Vergewaltigung nicht einmal den Mindestanforderungen an eine tragfähige Aussage genüge. Derart mangelhaft seien die Angaben, dass auf dieser Basis der Erlebnishintergrund einer möglichen Vergewaltigung nicht zu beweisen sei.

Trotz alledem rückten die Strafverfolger in Mannheim von ihrem dringenden Tatverdacht nicht ab. Noch während die Aussagepsychologin an ihrem Gutachten saß, erhob die Staatsanwaltschaft Anklage und fütterte das öffentliche Interesse mit der Behauptung, der Verdacht gegen Kachelmann habe sich durch das Gutachten verfestigt. Auch nach Eintreffen der entlastenden Expertise beantragte sie die Haftentlassung des Angeschuldigten nicht.

Im Gegenteil: Die Staatsanwälte redeten das Gutachtenergebnis klein und deuteten es im Sinne der Anklage um. Das war schwierig. Schließlich beauftragten sie einen Traumatologen mit der Beantwortung der Frage, inwieweit die – der Aussagepsychologin aufgefallene – fehlende konkrete Erinnerung der Opferzeugin an Einzelheiten der Vergewaltigung aus psychotraumatologischer Sicht zu erklären sei. Beim angesprochenen Experten, dem Heidelberger Psychotraumatologen Günter Seidler, handelte es sich aber nicht etwa um einen unabhängigen Sachverständigen, sondern um den Arzt der Nebenklägerin, bei dem sie sich seit Kachelmanns Inhaftierung in Therapie befand.

Die Staatsanwaltschaft machte sich damit von der Auskunft eines Arztes abhängig, den seine Patientin erst einmal von der Schweigepflicht entbinden musste. In der Hauptverhandlung wird Seidler gehört werden: Sollte er allerdings als Sachverständiger vernommen werden, so kann die Verteidigung dieses verhindern, wenn die Staatsanwaltschaft dem Angeklagten vor dem Auftrag kein rechtliches Gehör angeboten haben sollte. Setzt sich das Gericht über einen solchen Widerspruch hinweg, so könnte der Angeklagte den Gutachter Seidler wegen Besorgnis der Befangenheit ablehnen, weil dieser nachweisbar im Lager der Nebenklägerin steht.

 

Aber noch aus einem anderen Grund ist die Verpflichtung Seidlers problematisch: Der Arzt hatte bei seiner Patientin die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung gestellt, als deren Ursache er eben die Vergewaltigung ansah, die doch erst noch erwiesen werden soll. Die Frau habe, so Seidler in seiner gutachterlichen Stellungnahme, aufgrund einer peritraumatischen Dissoziation (also eines angstbedingten Neben-sich-Stehens während der Vergewaltigung) die Wahrnehmung der Realität nicht mehr korrekt abspeichern können. Dadurch erkläre sich die schlechte Qualität ihrer Aussage und auch die Tatsache, dass sie nicht schildern könne, wie der Vergewaltiger ihr die Verletzungen beigebracht habe.

Viele forensische Sachverständige halten allerdings wenig von der Traumatologie. So geißelt der Berliner Aussagepsychologe Max Steller, der den Bundesgerichtshof bei der Entwicklung von Standards für Glaubhaftigkeitsgutachten beriet, in einem Aufsatz den Ansatz der Traumaforscher: Diese gingen davon aus, dass eine – beispielsweise durch eine Straftat – traumatisierte Person aufgrund spezieller psychobiologischer Prozesse keine tragfähigen Aussagen liefere. Diese – falsche – Prämisse führe letztlich dazu, dass Traumatologen gerade »inhaltlich defizitären Aussagen besondere Glaubhaftigkeit zusprächen« – also einer belastenden Aussage umso mehr Glauben schenken, je mangelhafter sie ist. Die Glaubhaftigkeitsbegutachtung werde durch eine derart »absurde Weiterentwicklung« in ihr glattes Gegenteil verkehrt, schreibt Steller. Eine solche Begutachtungsstrategie sei ausschließlich auf eine Bestätigung der belastenden Aussage ausgerichtet.

Obwohl es sich bei Seidler nicht nur um den Vertreter einer durchaus umstrittenen Disziplin, sondern noch dazu um einen Arzt der Opferzeugin handelt, hat das Landgericht Mannheim seine Verurteilungsprognose auch auf diesen Traumatologen gestützt und den Haftbefehl gegen Jörg Kachelmann am 1. Juli 2010 wegen dringenden Tatverdachts aufrechterhalten. Eine gute Woche später haben die Richter das Hauptverfahren gegen den Angeklagten eröffnet.

Erst als Kachelmann in einer Haftbeschwerde das Oberlandesgericht Karlsruhe als Kontrollinstanz anrief, wendete sich das Blatt. Die Oberlandesrichter hoben den Haftbefehl auf, da sie ihrerseits keinen dringenden Tatverdacht zu erkennen vermochten: Die Zeugin habe die Ermittler über mehrere Befragungen hinweg zu täuschen versucht. Es sei nicht auszuschließen, dass die Vergewaltigungsbehauptung auf Bestrafungs- und Belastungsmotiven der Frau beruhe. Und zum Thema Seidler: Sollte die schlechte Aussagequalität der Opferzeugin nun mit einem durch extreme Angst ausgelösten Trauma begründet werden, bestehe die Gefahr, einem Zirkelschluss aufzusitzen. Denn ob es eine Vergewaltigung überhaupt gegeben habe, müsse erst bewiesen werden.

Das Landgericht Mannheim hat die Opferzeugin inzwischen vom Berliner Kriminalpsychiater Hans-Ludwig Kröber auf ihre Aussagetüchtigkeit hin untersuchen lassen. Der Sachverständige soll prüfen, ob die Qualität der Vergewaltigungsschilderung durch ein (vom Therapeuten Seidler angenommenes) Trauma beeinträchtigt worden sein könnte. Kröber wird sein Gutachten erst Mitte Oktober erstatten, wenn die Opferzeugin, die nun Nebenklägerin ist, ihre Aussage vor den Richtern wiederholt.

Es ist mehr als ungewöhnlich, dass eine Hauptverhandlung nicht mit der Aussage der angeblich geschädigten Person beginnt, sondern diese erst gegen Ende des Prozesses gehört werden soll. Im Fall Kachelmann will das Gericht vor der Nebenklägerin eine ganze Parade früherer Bettgenossinnen des Schürzenjägers Kachelmann aufmarschieren und aussagen lassen. Warum? Zu welcher Wahrheit sollen die verflossenen Geliebten beitragen? Keine von ihnen war in jener Februarnacht dabei. Viele wollen von Kachelmann betrogen oder verlassen worden sein und sind deshalb entsprechend schlecht auf ihn zu sprechen. Ist von ihnen eine Aussage zu erwarten, welche die moralische Abwertung des Angeklagten und weitere Verletzungen seiner Persönlichkeitsrechte rechtfertigen könnte?

Zwei der Exgeliebten haben sich vorab auch schon geäußert, in der Bunten, einer Münchner Frauenillustrierten. Dort haben sie sich – der allgemeinen, gegen den Angeklagten gerichteten Stimmung folgend – als Kachelmann-Opfer inszeniert und der Öffentlichkeit aus dem gemeinsamen Intimleben berichtet. Eine 23-Jährige behauptete Anfang September passend zum Prozessbeginn in dem Blatt, Kachelmann habe 2006 bei einem Treffen im Hotel gegen ihren Willen sexuell mit ihr verkehrt: »Ich sagte mehrfach: ›Nein, hör bitte auf!‹ Ich weinte, doch er nahm keine Rücksicht.« Fünf Monate zuvor hatte dieselbe Frau bei der Polizei ausgesagt, sie habe bei jenem Treffen mit Kachelmann eigentlich über die unglücklich verlaufende Beziehung reden wollen, und er habe mit ihr geschlafen, obwohl sie geweint habe.

Die Frage der Beamten, ob sie Kachelmann denn damals gesagt habe, dass sie keinen Verkehr wünsche, hatte die Zeugin verneint.