Früh am Morgen, wenn die Sonne die Plattform hinter dem Friedhof am Hang mit Nektarinenlicht flutet, werden selbst die kargen Pyrenäen weich. Portbou, der Tatort, das spanische Dorf an der Bucht, liegt im Schatten versunken. Nur der Kirchturm ragt heraus, ein paar Dächer, Antennen, der riesige Bahnhof. Züge stolpern über Weichen. Vögel zwitschern in Olivenbäumen. Die Gräber der Toten gehen aufs Meer. Ein Moment von ungerechter Schönheit.

Die meisten Reisenden kennen Portbou bestenfalls von einem kurzen Aufenthalt beim Umsteigen, zwischen zwei Zügen. Zweimal in der Geschichte aber war der Ort mehr als irgendein Kaff an der spanisch-französischen Grenze. 1939, am Ende des Bürgerkriegs, wurde er zum Nadelöhr für die besiegten Republikaner, auf ihrer Flucht ins Exil. Ein Jahr später, 1940, nach dem Einmarsch der Deutschen in Frankreich, setzte sich erneut ein Flüchtlingsstrom in Bewegung in entgegengesetzter Richtung. Hitlers Truppen trieben die deutsche Emigration vor sich her, in Richtung Süden.

Man kann versuchen, die Erinnerung an alte Fotografien wie Folien über dieses Panorama zu legen. Auf die ockerbraunen Hügel die schwarz-weißen Karosserien umgestürzter Automobile. Auf die Landstraße, die sich in langen Kurven bergauf windet, einen schwarz-weißen Strom von Menschen. Für viele führte der Weg über Portbou damals in die Freiheit. Das Dorf hätte zu einem Symbol der Rettung werden können. Stattdessen lastet der Selbstmord eines Mannes wie Blei auf seiner Geschichte. Seine Leiche wurde auf dem Friedhof bestattet, umgebettet und ging später in einem Massengrab verloren. Walter Benjamin, Philosoph und Kritiker, geboren am 15. Juli 1892 in Berlin, gestorben am 26. September 1940 an einer Überdosis Morphium in Portbou, Katalonien.

Sein Exil hatte 1933 begonnen, mit der Auswanderung nach Paris. 1940, erneut auf der Flucht vor Hitlers Truppen, versuchte er in Marseille erfolglos, sich als französischer Matrose verkleidet auf einem Frachter einzuschiffen. Das Institut für Sozialforschung hatte ihm ein Visum für die USA besorgt. Auch verfügte Benjamin über die nötigen Transitvisa für Spanien und Portugal. Was fehlte, war die Ausreiseerlaubnis für Frankreich – seinerzeit heikel zu beschaffen, weil das Vichy-Regime nicht wenige Antragsteller direkt an die deutschen Besatzer auslieferte.

An einem späten Abend im September 1940 klopft ein Mann mit grauem Haar, dichtem Schnauzbart und runder Brille an der Haustür der deutschen Exilantin Lisa Fittko in der Avenue Puig del Mas Nr. 16, Banyuls-sur-Mer. "Gnädige Frau, entschuldigen Sie bitte die Störung, hoffentlich komme ich nicht ungelegen." In ihren Memoiren schrieb Fittko später: Die Welt gerät aus den Fugen, dachte ich, aber Benjamins Höflichkeit ist unerschütterlich . Zusammen mit ihrem Mann hat Lisa Fittko, als Jüdin selbst vom Naziregime verfolgt, in den Jahren 1940/41 Dutzenden von Flüchtlingen über die grüne Grenze nach Spanien geholfen, ehe auch sie aus Europa fliehen mussten.

Die Zugfahrt von Portbou nach Banyuls dauert zehn Minuten. Vor einem Jahr erst wurde der genaue Verlauf der Fluchtroute rekonstruiert, auf Grundlage historischer Dokumente. Seitdem trägt der alte Schmugglerpfad den Namen Ruta Walter Benjamin, gelb markiert in Frankreich, bordeauxrot in Spanien. Sie beginnt am Strand von Banyuls, wo am Mittag Familien in der Sonne braten und auf Tischen im Schatten von Platanen die schweren Weine der Region in Gläsern dämmern. Die Fittkos trafen sich mit ihren Schützlingen im Morgengrauen am Stadtrand. Am Ortsausgang von Banyuls, nachdem man den silbernen kleinen Fluss überquert hat, führt der Weg durch Puig del Mas. Heute parken Autos im trockenen Flussbett. An der Brücke weist ein erstes Schild den Weg. Die Sonne steht hoch hinter Schleierwolken. Wenn wir mit den Weinbauern morgens vor Sonnenaufgang, zwischen vier und fünf Uhr, aus dem Dorf in die Hügel hinaufziehen, wenn wir uns in nichts von ihnen unterscheiden, kein Gepäck tragen – et surtout pas de rucksack! (der Rucksack ist das sprichwörtliche Kennzeichen der Deutschen) –, dann kann kein Gendarm und kein Zöllner uns von den Einheimischen unterscheiden.

Eine Frau Gurland und ihr Sohn hatten Benjamin nach Banyuls begleitet, auch sie auf der Flucht vor den Nazis. Gemeinsam war die Gruppe schon am Vorabend in die Berge gewandert. Lisa Fittko ging den Weg zum ersten Mal und wollte sich zunächst orientieren. Benjamin soll eine schwere Aktentasche bei sich gehabt haben. Er war damals 48 Jahre alt, herzkrank. Dennoch ließ er nicht von seinem schweren Gepäck. "Wissen Sie", erklärte er, "diese Aktentasche ist mir das Allerwichtigste. Ich darf sie nicht verlieren. Das Manuskript muss gerettet werden. Es ist wichtiger als meine eigene Person." Als die Gruppe am späten Nachmittag umkehrte, blieb Benjamin auf einer Lichtung in den Bergen zurück. Er wolle die Nacht im Freien verbringen, sagte er, und hier am nächsten Morgen auf sie warten. Benjamin fürchtete, die Strecke nicht am Stück bewältigen zu können.