Der Niesen verhält sich zum Matterhorn wie Howe Gelb zu Mick Jagger. Beide sind eindrücklich, und doch ist der eine eher ein Fall für Kenner und der andere Allgemeingut. Mit 2326 Metern Höhe ist der Niesen südlich des Thunersees im Berner Oberland deutlich niedriger als das weltberühmte Matterhorn. Aber seine fast symmetrische Form eines gleichschenkligen Dreiecks macht ihn unvergessen für alle, die jemals vor ihm standen.

Das gilt besonders für Maler. Paul Klee, Ferdinand Hodler, Cuno Amiet, August Macke, Johannes Itten, Jean-Frédéric Schnyder, alle haben sie den Niesen zum Motiv gemacht – kubistisch abstrakt, symbolisch-naturalistisch, expressionistisch, konkret, als ironisches Zitat der Romantik.

Eine sehr schöne Idee liegt dem neuen Buch Wandern wie gemalt. Auf den Spuren bekannter Gemälde im Berner Oberland zugrunde. Es stellt diese Bilder zusammen mit vielen anderen Beispielen der Bergmalerei vor. Daneben zeigen Fotos, wie diese Landschaften heute aussehen – fast unverändert. Der Wanderführer verrät auch, wie man die Orte erreicht, an denen die Staffeleien der Künstler gestanden haben müssen.

Die Bergmalerei der Schweiz kam im späten 18. Jahrhundert auf und erlebte ihre Hochzeit im 19. Jahrhundert. Ihre ersten Vertreter versuchten nicht nur, die Erhabenheit der Landschaft einzufangen. Zahlreiche frühe Panoramen wurden auch erstellt, um Reisende anzulocken. "Die besten Künstler haben dabei immer erkannt, dass ein Bild mehr leistet als reine Beschreibung des Sichtbaren", schreibt der Aargauer Kunsthistoriker Stephan Kunz in seinem Vorwort. "In der Moderne gewinnt der Eigenwert von Form und Farbe zunehmend an Bedeutung und steigert den Ausdruckswert der Berge."

Neben dem Niesen behandelt das Buch ausführlich etwa auch die Grimsel, die Staubbachfälle und natürlich das Jungfraumassiv. Es zeigt, dass sehr viele der abgebildeten Szenen in der Natur tatsächlich so aussehen, sie sind nicht komponiert, wie etwa Caspar David Friedrichs Rügener Kreidefelsen.

Warum malten Künstler aller Stile und Epochen gerade im Berner Oberland häufig auffallend maßstabsgerecht und detailgetreu ab, was sie sahen? Womöglich gibt diese Landschaft mit ihren Lichtstimmungen und Felsformationen selbst eine Antwort. Vielleicht ist die Autorität der Natur hier einfach zu stark, die Landschaft zu ergreifend, als dass ein Künstler sie verdichten möchte. Und vielleicht ist auch das der Grund, warum es gerade im Berner Oberland gelungen ist, die völlige Zersiedlung der Landschaften zu verhindern. Der Anblick ist so schön, dass es sich von selbst verbietet, ihn zu überbauen oder mit Werbebotschaften zu überziehen.

Ruth Michel-Richter, Konrad Richter: Wandern wie gemalt: Auf den Spuren bekannter Gemälde im Berner Oberland . Rotpunktverlag, Zürich. 360 Seiten, 33 €.ISBN 3858694312