Lehrer müssen nicht nur ihr Fach beherrschen, sondern mit Schülern umgehen, wie dieser Gymnasiallehrer in Kerpen © Oliver Berg/dpa

Lehramtsprüfungen sagen wenig darüber aus, ob sich jemand für den Beruf tatsächlich eignet – das ist die Erfahrung von Johann Beichel ; er muss es wissen, er leitet das Landeslehrerprüfungsamt in Karlsruhe. Gemeinsam mit Wissenschaftlern vom Karlsruher Institut für Technologie sucht er nach einer besseren Methode, um gute Lehrer zu finden

DIE ZEIT: Wie ist es Ihrer Meinung nach um die Lehrerausbildung in Deutschland bestellt?

Johann Beichel: Sie ist aufwendiger als in anderen europäischen Ländern. Sie ist aber von den Juristen in eine Scheinobjektivität gedrängt worden. Wir fokussieren auf Messbares, geben den Lehrern Zehntelnoten. Messbar ist zum Beispiel die Medienkompetenz. Ob einer den Overheadprojektor richtig herum aufgestellt hat. Aber was wirklich wesentlich ist, die Beziehung zu den Schülern, ist schwer messbar, nur subjektiv erkennbar. Der eine mag einen Lehrer für humorvoll halten, den ein anderer langweilig findet. Das sind Werturteile, um die drücken wir uns herum und haben damit ein System der Lehrerprüfung entwickelt, das zwar justiziabel ist, aber nicht hinreichend valide. Wir prüfen nicht das, was wir vorgeben zu prüfen und was wir prüfen sollten, damit wir die guten und geeigneten Lehrer finden. Wir haben gescheite Lehrer, aber viele davon sind für den Beruf nicht geeignet.

ZEIT: Wie ließe sich denn Zwischenmenschliches wie Kommunikationsfähigkeit messen?

Beichel: Wir müssen beim Handeln zuschauen und nicht nur beim Reden über mögliches Handeln zuhören! Das Lehrerhandeln ist ja immer einmalig und niemals standardisierbar. So wie es beispielsweise bei den Quereinsteigern unter den Berufsschullehrern schon erfolgt. Die werden ohne vorgeschaltete Ausbildung erst einmal für ein Jahr an die Schule geschickt. In dieser Zeit zeigt sich der Schulleitung nicht nur deren Fachwissen, sondern auch ihr Wollen und ihre Beteiligung in Konferenzen, bei Elternabenden, ihr Verhalten bei der Hofaufsicht, bei Konflikten und Disziplinarmaßnahmen. Es zeigt sich dann das gesamte Handlungsrepertoire. Maßgeblich gesteuert von Intuition, der persönlichen Werturteilsfähigkeit, von subjektiven Leitbildern, zum Beispiel auch von Ansichten über Sekundärtugenden – der eine findet Zuspätkommen überhaupt nicht schlimm, der andere hält es sozial für äußerst problematisch. Dieses Beobachten eines Lehreralltags führt zu sehr viel exakteren und belastbareren Erkenntnissen und valideren Prüfungsergebnissen.

ZEIT: Das ist aber ein längerer Prozess, als ein paar Prüfungen abzulegen…

Beichel: Der prozessuale Beobachtungsaufwand ist größer, er kann aber auch dezentralisiert werden. Im Moment bestätigt das Prüfungsamt einem Lehrer eine sogenannte allgemeine Berufstauglichkeit. Die ist aber völlig überholt, denn die Anforderungen an den Schulen entwickeln sich auseinander, man will ja differente Schulprofile. Im Moment ist es doch so: Der Lehrer mit Schwerpunkt Musik muss als Solist nicht unbedingt ein Beethoven-Klavierkonzert meisterhaft spielen können. Aber ich bestätige ihm dafür eine Eins, und dann wird er eingestellt. Das Allerschlimmste am derzeitigen System ist ja, dass diese fragwürdigen Prüfungen zu Einstellungen oder zur Arbeitslosigkeit führen. Wir stellen möglicherweise Lehrer mit Prädikatsexamen ein, die für die konkrete Schule mit den dortigen Anforderungen und Erwartungen überhaupt nicht geeignet sind.

ZEIT: Und dieses System möchten Sie mit Ihrer Untersuchung reformieren?

Beichel: Ja, denn die Zweiten Staatsprüfungen, die wir veranstalten, ergeben ja nicht nur wenig Sinn, sie sind auch noch organisatorisch recht aufwendig und teuer. Der Referendar sollte besser an die Schule gehen und schauen, ob er dort erzieherisch, im Unterricht und außerhalb des Unterrichts erfolgreich und berufszufrieden sein und werden kann. Wenn Lehrer scheitern – und das sind nicht wenige, auch im Gymnasialbereich –, dann nie an mangelnder Fachkompetenz, sondern immer auf der Beziehungsebene. Die fachliche Exzellenz ist eine Sache, die andere ist die Berufseignung. Die muss künftig anders geprüft und höher gewichtet werden.