Auf ihrem Schreibtisch steht eine weiße Kaffeetasse mit schwarzer Aufschrift: »Claudia on the move«. Zwei bis drei Tage in der Woche arbeitet die promovierte Sportwissenschaftlerin hier, in ihrem Büro an der privaten Bremer Jacobs University, und forscht über den Zusammenhang zwischen der kognitiven Entwicklung älterer Menschen und ihrer Motorik. An den anderen Tagen ist Claudia Voelcker-Rehage selbst in Bewegung: Zurück nach Bielefeld, zweieinhalb Stunden Autofahrt, zu ihrem kleinen Sohn und ihrem Mann Daniel, der als Produktentwickler bei einem mittelständischen Unternehmen arbeitet. Als der Sohn unterwegs war, freuten sich die werdenden Eltern, und sie fingen an zu diskutieren: »Daniel und ich wollten beide im Beruf auf unsere Kosten kommen«, sagt Claudia Voelcker-Rehage, »ohne dass unser Sohn darunter zu leiden hat.« Seit fast zwei Jahren versuchen sie nun, das alles miteinander in Einklang zu bringen: unterschiedliche Arbeitszeiten, unterschiedliche Anforderungen im Job, unterschiedliche Arbeitsorte – und einen Sohn, dessen Bedürfnisse sich weder nach Papas Arbeitszeiten noch nach den Zeitplänen internationaler wissenschaftlicher Kongresse richten. Und dann ist da ja noch eine Beziehung, die geführt werden will.

Der Begriff für Paare wie die Rehages ist so lang, wie ihr Alltag kompliziert ist: Doppelkarrierepaare werden sie genannt. An deutschen Universitäten spricht sich gerade erst herum, dass Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler nicht nur lehren und forschen, sondern oft auch jemanden lieben – jemanden, der meist so gut ausgebildet und so ehrgeizig ist wie sie selbst. »Potenzielle neue Mitarbeiter fragen uns in letzter Zeit immer wieder: Und was kann meine Partnerin beziehungsweise mein Partner hier machen?«, sagt Ulrich Vetter, Pressesprecher der Universität Rostock. »Im Wettbewerb um die besten Köpfe kann es ein Vorteil sein, wenn auch der begleitende Partner oder die Partnerin ein für sie passendes Jobangebot bekommen kann«, sagt Dieter Lenzen, Präsident der Universität Hamburg.

An US-amerikanischen Universitäten gehört der dual career service, der mitziehende Partner von Wissenschaftlern bei der Fortsetzung der eigenen Karriere unterstützt, schon seit Jahren dazu. An deutschen Universitäten sind entsprechende Angebote relativ neu, mit unterschiedlichen Strategien.

In Rostock etwa haben die Institutsleiter einen Brief an die örtliche Arbeitsagentur geschrieben mit der Bitte, die Partnerinnen und Partner ihrer Bewerber bei der Suche nach einem neuen Job zu unterstützen . Ein eigenes Büro soll nicht eingerichtet werden, denn, so Vetter, wozu eine zweite Arbeitsagentur an der Universität einrichten, wenn es in Rostock schon eine gibt?

Andernorts gleichen die dual career services tatsächlich kleinen Arbeitsagenturen. An der Universität Konstanz analysiert die Soziologin Kerstin Melzer seit drei Jahren Lebensläufe und Berufswünsche und vermittelt Kontakte an Unternehmen in der Bodenseeregion. Bis zu 40 Paare, sowohl Professoren als auch der wissenschaftliche Nachwuchs, nehmen im Jahr ihre Dienste in Anspruch. Meistens sind es die Männer, die einen Arbeitsplatz an der Universität bekommen haben. Ihre Partnerinnen ziehen mit. »Wissenschaftlerinnen nehmen viel häufiger in Kauf, dass ihre Karriere nach einem Umzug einbricht«, sagt Kerstin Melzer. Deshalb versucht sie, mitziehende Wissenschaftlerinnen im eigenen Haus zu vermitteln. Dazu kann für die Partnerin eines Wissenschaftlers mittels der sogenannten Anschubfinanzierung eine neue Stelle geschaffen werden. Weil der Verdacht der Vettern- beziehungsweise Partnerwirtschaft dabei naheliegt, wird die neue Stelle nur zum Teil aus dem Budget des dual career service finanziert, während der aufnehmende Bereich 25 Prozent übernimmt. »Das bringt den Bereich dazu, sich genau zu überlegen, ob er die Kandidatin wirklich haben will«, sagt Melzer. Zwei Drittel der mitziehenden Partnerinnen finden auf diesem Weg laut Kerstin Melzer einen neuen Arbeitsplatz. Wie viele Stellen in den vergangenen Jahren geschaffen wurden, dazu möchte man sich an der Universität Konstanz nicht äußern, auch nicht über das Budget des dual career service.

Die Universitäten in Hamburg und Kiel haben im vergangenen Jahr eine Kooperationsvereinbarung geschlossen, um im Konkurrenzkampf um die besten Köpfe mithalten zu können. Das Projekt ist zunächst auf drei Jahre angelegt, jedes Jahr investiert jede der beiden Universitäten 100.000 Euro in den Service, der, im Gegensatz zur Universität Konstanz, zurzeit nur den Partnerinnen und Partnern von Professorinnen und Professoren angeboten wird. An der Elbe und an der Förde setzt man auf Austausch, um den Verdacht der Bevorteilung mitziehender Partner auszuschließen. Vor Kurzem wurde für die Partnerin eines neuen Hamburger Professors eine Stelle an der Universität Kiel geschaffen, die von der Universität Hamburg finanziert wird.

Work-Life-Balance heißt das Zauberwort, wenn Arbeitgeber sich auch um die Karriere der Partnerinnen und Partner ihrer Mitarbeiter Gedanken machen. Aber wie finden Paare selbst die Balance zwischen zwei zeit- und energieraubenden Karrieren auf der einen und der Beziehung auf der anderen Seite? Claudia Voelcker-Rehage und ihr Mann versuchen, ihre Laufbahnen gleichberechtigt voranzutreiben. Flexibler seien sie und ihr Mann geworden, etwa was die Vorstellung von einem erfüllten Arbeitstag angeht, meint Claudia Voelcker-Rehage. Nicht jede Konferenz muss besucht werden. Nicht jeder Arbeitstag darf erst dann enden, wenn auch alle anderen Kollegen ihre Büros verlassen. Doppelkarriere ist ein Lernprozess für die Paare – und für die Arbeitgeber.