Langsam wird die Sache selbst für hochschulaffine Beobachter unübersichtlich. Vor ein paar Wochen erst wurde das aktuelle Shanghai-Ranking veröffentlicht, vor ein paar Tagen erschien das siebte "QS World University"-Ranking und jetzt also das – ebenfalls siebte – "Times Higher Education World University"-Ranking . Was soll diese auffällige Häufung umstrittener Uni-Ranglisten? Und woher kommt diese seltsame Namensgleichheit zwischen den beiden letztgenannten Vergleichsstudien, die zudem auch noch beide von sich behaupten, zum siebten Mal zu erscheinen?

Die kurzgefasste Antwort: Die schon bislang umstrittene Ranking-Industrie ist in eine neue Phase der Absurdität eingetreten. Lange Zeit gab es unter den wie Bundesligatabellen anmutenden internationalen Hochschulvergleichen zwei Marktführer, die mit ihrem Angebot gut verdienten: die Shanghaier Jiatong-Universität und das britische Magazin Times Higher Education (THE) . Deren Ranglisten übrigens fielen immer gleich aus: Unter den Top Ten fanden sich fast ausschließlich britische und amerikanische Universitäten, die ersten deutschen standen irgendwo ab Platz 40, 50. Gerade diese Simplizität war das Geheimnis ihres weltweiten Erfolgs, eignete sie sich doch so – und nur so – für die ganz großen Schlagzeilen. Die Unis, die in den Rankings erfolgreichen zumindest, machten bei dem Spiel brav mit und rühmten sich in euphorischen Pressemitteilungen ihrer jeweiligen Platzierung. Welcher Bildungsexperte aber glaubte schon ernsthaft, dass sich die Qualität ganzer Universitäten mit Dutzenden, oftmals extrem unterschiedlichen Fachbereichen mithilfe einer Handvoll Indikatoren wirklich hinreichend messen ließe?

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Offenbar zuletzt nicht einmal mehr die Macher: Im Juni gestand der Times- Chef-Ranker Phil Baty in der ZEIT , die bisherigen sechs Ausgaben des THE- Hochschulvergleichs hätten "schwerwiegende Mängel" aufgewiesen. Die Erhebungsmethode sei fehlerhaft gewesen, die Zahl der befragten Experten zu gering, die Kriterien habe man zum Teil falsch gewählt und gewichtet. Ergo: Die Liste sei nicht viel wert gewesen. Dann gab Baty die Trennung vom bisherigen Kooperationspartner bekannt, der die Daten geliefert hatte. Der Name des Instituts: Quacquarelli Symonds oder kurz: QS. Was folgte, war ein öffentlicher Schlagabtausch zwischen Times und QS, nach dem für die meisten Beobachter nur klar war, dass es ein – siebtes – QS-Ranking und ein – siebtes – THE- Ranking geben werde. Letzteres, wie Baty versprach, mit neuem Partner (Thomson-Reuters) und verlässlicher Methode. Ein Ziel hat Batys Fehlerbekenntnis indes bislang verfehlt: Die Zweifel an den internationalen Ligatabellen, ob von Jiatong, THE oder QS, sind größer denn je.

Der letzte, nicht weniger skurrile Akt war, dass QS seinen Exgeschäftspartnern vergangene Woche noch eins auswischte, indem es mit der Veröffentlichung seines Rankings den Times- Leuten überraschend zuvorkam. Die reagierten fast panisch und schickten, neun Tage vor der gerade erst angekündigten Veröffentlichung, schon mal eine Art Vorabversion ihres Vergleichs an die Zeitungsredaktionen, in der sie bekanntgaben, welche Länder die meisten Spitzen-Unis in ihren Ranking sammeln konnten (wenig überraschende Antwort: USA und Großbritannien).

Was angesichts des Ranking-Durcheinanders von vielen gar nicht mehr wahrgenommen wird: Sowohl Briten als auch Chinesen bieten nicht nur die eine, umstrittene Tabelle, sondern auch weitaus sinnvollere Übersichten einzelner Wissenschaftsfelder wie Geisteswissenschaften oder Naturwissenschaften. So präsentierten die Chinesen unlängst einen zumindest für einige wenige Fächer aufgegliederten Uni-Vergleich, was etwa, für jeden leicht nachvollziehbar, eine gute Platzierung in Wirtschaft, aber eine schlechtere in Mathematik ermöglicht. Das neue THE- Ranking wiederum, das heute weltweit veröffentlicht wird, versucht ebenfalls, einige der hinlänglich bekannten Kritikpunkte aufzunehmen. Die Stichprobe der befragten Hochschulexperten und Wissenschaftler wurde auf über 13000 erweitert, auch die Indikatoren, die über die Platzierung entscheiden, wurden von einigen Schwachpunkten befreit. Wie stark aber hat sich nun dank der von THE- Chef Baty als "stark verbessert" gefeierten Methodik die Reihenfolge der vermeintlich weltbesten Hochschulen im Times- Ranking tatsächlich verändert? Die Antwort: überraschend stark. Die beste deutsche Uni laut Times ist jetzt plötzlich Göttingen auf Platz 43 (im Vorjahr Platz 186) vor der Ludwig-Maximilians-Universität München auf Rang 61 und Heidelberg auf 83. Insgesamt finden sich unter den laut THE 200 besten Hochschulen weltweit 14 deutsche – eine enorm gute Quote. Times- Ranker Baty sieht denn auch die deutschen Universitäten im Aufwind: "Ihr Abschneiden ist ein Beleg, dass die Exzellenzinitiative sich gelohnt hat." Aber auch wenn die Zahl der deutschen Unis unter den Top 200 hoch sein mag, ihr Großteil ist erst jenseits der 150 zu finden. Doch gerade der Vergleich einzelner Wissenschaftsfelder zeigt ein differenziertes Bild: So liegt Göttingen bei den Naturwissenschaften sogar noch weiter vorn (nämlich auf Platz 22), die gar nicht unter den besten 200 Hochschulen vorkommende FU Berlin schafft es in den Geisteswissenschaften unter die Top 40.

Ob die neue THE- Methodik damit die Qualität des internationalen wie des deutschen Hochschulsystems verlässlicher abbildet? Fest steht zumindest: Den Münchner TU-Präsidenten sollte man nicht anrufen, wenn man ein Hohelied aufs reformierte Times- Ranking hören möchte. Denn das ist die größte Überraschung: Die in den Vorjahren im gemeinsamen Ranking von THE und QS besonders gut gewertete und auch von deutschen Experten häufig über den grünen Klee gelobte Technische Universität stürzte laut Times dieses Jahr geradezu ab – von Platz 55 auf die 101. Laut QS dagegen ist sie immer noch der deutsche Klassenprimus.