Es ist sieben Uhr früh auf dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin, als Florence fast die Hoffnung verliert. Sie hält einen Pappbecher mit Kaffee in der Hand, fröstelt vor Müdigkeit. Sie hat kaum geschlafen vergangene Nacht, weil sie auf Flüchtlingsfrauen wartete, die bei ihr übernachten wollten. Die an diesem Tag mitdemonstrieren sollten gegen ihre Unterbringung in Asylbewerberheimen, gegen die Gutscheine, mit denen sie bezahlen müssen, und gegen die Residenzpflicht, die ihnen verbietet, ihre Landkreise zu verlassen. Es kam keine einzige. Florence versucht ein Lächeln. Das Gesicht ihrer einzigen Mitstreiterin Betty ist verschlossen, gemeinsam hoffen sie auf die Ankunft von ein paar weiteren Frauen. Am Ende stößt nur noch Kelly aus Luckenwalde zu ihnen. Zu Beginn wollten zehn Frauen nach Cottbus fahren, um auf sich aufmerksam zu machen, auf den »vergessenen Teil der Gesellschaft«, wie sie sich selbst nennen. Dann waren es acht, dann sechs. Jetzt sind sie zu dritt.

Außer Florence und Betty heißen alle Flüchtlinge in dieser Geschichte in Wahrheit anders, weil ihre Asylverfahren noch nicht entschieden sind und weil sie fürchten, gegen eine der vielen Regeln zu verstoßen, die für sie erfunden wurden. Kelly zum Beispiel ist an diesem Morgen um fünf aufgestanden, um nach Berlin zu reisen. Einen »Urlaubsschein« der Ausländerbehörde hat sie nicht. Das heißt: Sie macht sich strafbar. Vierzig Euro kostet es, wenn sie von der Polizei außerhalb ihres Landkreises erwischt wird.

Um kurz nach sieben sieht sich Florence noch einmal auf dem Bahnsteig um, dann steigt sie in den Regionalexpress nach Cottbus. Florence kommt aus Kamerun, Betty und Kelly stammen aus Kenia. Ihre Haut ist schwarz, sie tragen bunte Kleidung, und sie reden laut englisch. Die anderen Fahrgäste schauen immer wieder zu ihnen herüber. Seitdem Florence aufgehört hat zu rauchen, wird ihr Körper immer mächtiger, ihre Haare trägt sie zu kleinen Zöpfen geflochten. Sie setzt sich in den oberen Teil des Waggons und holt große Pappschilder aus einer Plastiktüte, bohrt mit einer Schere ein Loch hinein und zieht eine Schnur hindurch. Sie bereitet die Protestschilder vor. Auf ihnen steht: »Wir sind Flüchtlinge, aber auch Frauen« und »Residenzpflicht, Gutscheine, Lager abschaffen«. Draußen wird es langsam hell, ein grauer Morgen.

Fast einen Monat lang hat Florence für die Mobilisierung gearbeitet, ist durch Brandenburg gereist, hat Asylheime besucht, mit Flüchtlingen, Sozialarbeitern und Heimleitern geredet. Jetzt ruht Florence’ Hoffnung auf Cottbus, vielleicht stoßen dort noch Frauen hinzu.

»In diesem Land musst du deine Rechte kennen, sonst kriegst du Ärger«

Früher, Anfang der neunziger Jahre, kamen bis zu einer halben Million Flüchtlinge im Jahr nach Deutschland. Aus dieser Zeit stammen die Bilder von brennenden Asylbewerberheimen, die sich ins deutsche Gedächtnis einprägten. Nach dem Asylkompromiss 1993 und seit im Jahr 2002 die Innenminister der Europäischen Union die Dublin-II-Verordnung beschlossen haben, gibt es weniger Asylbewerber in der Bundesrepublik. Laut der Verordnung darf jeder Flüchtling in der Europäischen Union nur einen Asylantrag stellen, und zwar in dem Land, in dem er erstmals seinen Fuß auf europäischen Boden setzte. Seit drei Jahren steigt die Zahl der Asylanträge wieder – von 19164 im Jahr 2007 auf 27649 im Jahr 2009. Afghanistan, der Irak, Iran – die Krisen der Gegenwart treiben immer mehr Menschen aus ihren Ländern. Trotzdem wurde 2009 nur 452 Flüchtlingen Asyl gewährt.

Im Juli 2010 forderte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle mehr Zuwanderung. Schon jetzt fehlen 65.000 Fachkräfte im Bereich Mathematik, Informatik und Technik, aber auch im Handel, in der Gastronomie und im Gesundheitswesen. Im Jahr 2020 wird der Expertenmangel bereits bei einer viertel Million Menschen liegen. Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages hat jedes zweite Unternehmen Probleme, offene Stellen zu besetzen. Alle gehen davon aus, dass es in Zukunft noch schwieriger wird.

Zur selben Zeit leben etwa 80.000 Flüchtlinge in deutschen Asylheimen. Vergessen von einer Gesellschaft, die kaum etwas über deren Lebensumstände weiß. Ihre Bildungs- und Berufsabschlüsse werden nirgendwo erfasst. Es gibt keine Zahlen, keine Statistiken. »Wir wissen schlicht nicht, was die können«, sagt Klaus J. Bade, Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Sehr wahrscheinlich wohnen einige der Fachkräfte, die der Wirtschaftsminister sucht, seit Jahren unentdeckt in Deutschland. Wie zum Beispiel Florence. Sie hat in Kamerun Jura und Politik studiert, spricht vier Sprachen fließend. Seit acht Jahren kümmert sie sich um andere Flüchtlinge, hat die kleine Hilfsorganisation Women in Exile gegründet.

Als Florence in Cottbus aussteigt und mit eiligen Schritten die Bahnhofshalle durchquert, sind keine weiteren Mitstreiterinnen zu sehen. Sie setzt sich mit Betty und Kelly in eine Bäckerei und wartet. Nach einer Viertelstunde erscheinen noch drei Frauen. Sie beraten kurz darüber, wie sie später bei ihrer Protestaktion auf der Brandenburgischen Frauenwoche vorgehen sollen. »In diesem Land musst du deine Rechte kennen, sonst kriegst du Ärger«, sagt Florence. Seit zwölf Jahren ist sie in Deutschland, und seit 2004 hat sie eine Aufenthaltserlaubnis, weil sie einen Deutschen geheiratet hat. Kelly und die anderen Frauen sind noch mitten im Asylverfahren. Da kann jede Regelverletzung gefährlich werden. »Was machen wir, wenn die Veranstalter die Polizei rufen?«, fragt Florence. Die Frauen wirken ratlos. Florence entscheidet schließlich: »Dann gehen wir raus. Das ist ein gutes Statement.« Die anderen nicken erleichtert.

Berlin ist für die Flüchtlinge so unerreichbar wie New York

Das Hotel Lindner liegt neben einem Einkaufscenter, von Neubauten umzingelt. Drinnen raunt eine der Veranstalterinnen Florence bei der Anmeldung zu: »Nachher gibt es noch ein kostenloses Büfett.« Die Flüchtlingsfrauen setzen sich in die letzte Reihe des Konferenzsaals, ihre Protestschilder legen sie unter die Stühle. Eine von ihnen faltet auf ihrem Schoß eine Karte des Landkreises Spree-Neiße auf, nur innerhalb dieses Landkreises darf sie sich frei bewegen. Die wenigsten Deutschen kennen die exakten Grenzen ihres Landkreises, Flüchtlinge müssen sie sich sehr genau einprägen. Jeder unerlaubte Übertritt ist ein Verstoß gegen das Asylverfahrensgesetz, gegen die Residenzpflicht, die in Europa einzigartig ist, und wird bestraft. Berlin ist für Flüchtlinge in Brandenburg fast so unerreichbar wie New York.

Die Tagung wird eröffnet, der Oberbürgermeister spricht Grußworte. Florence und die anderen Frauen stehen auf und hängen sich ihre Protestschilder um den Hals. Der Bürgermeister redet von Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Gleichstellung, als wären die Frauen gar nicht da. Dieses Gefühl, anwesend zu sein und doch nicht gesehen zu werden, kennt Florence, seitdem sie in Deutschland ist.

Nach dem Bürgermeister redet eine der Veranstalterinnen vom Frauenpolitischen Rat Brandenburg. Sie fordert die Flüchtlingsfrauen auf, ihre Schilder vorn neben dem Mikrofon aufzustellen, damit jeder sie sehen könne. Florence erscheint von dieser positiven Wendung einen Augenblick lang überrascht. Wenig später stehen die Schilder da vorn, als hätten sie nichts mehr mit ihr zu tun.

An einem Mittwochmorgen, der nie richtig hell wird, ist Florence auf dem Weg nach Althüttendorf, Landkreis Barnim. Ihr Blick ist finster. Die Integrationsbeauftragte von Brandenburg nennt das dortige Asylbewerberheim das schlimmste des Landes. Mehrmals schon sollte es geschlossen werden, gerade ist wieder ein Versuch, den Betreiber zu wechseln, gescheitert.