Es ist sieben Uhr früh auf dem Bahnhof Friedrichstraße in Berlin, als Florence fast die Hoffnung verliert. Sie hält einen Pappbecher mit Kaffee in der Hand, fröstelt vor Müdigkeit. Sie hat kaum geschlafen vergangene Nacht, weil sie auf Flüchtlingsfrauen wartete, die bei ihr übernachten wollten. Die an diesem Tag mitdemonstrieren sollten gegen ihre Unterbringung in Asylbewerberheimen, gegen die Gutscheine, mit denen sie bezahlen müssen, und gegen die Residenzpflicht, die ihnen verbietet, ihre Landkreise zu verlassen. Es kam keine einzige. Florence versucht ein Lächeln. Das Gesicht ihrer einzigen Mitstreiterin Betty ist verschlossen, gemeinsam hoffen sie auf die Ankunft von ein paar weiteren Frauen. Am Ende stößt nur noch Kelly aus Luckenwalde zu ihnen. Zu Beginn wollten zehn Frauen nach Cottbus fahren, um auf sich aufmerksam zu machen, auf den »vergessenen Teil der Gesellschaft«, wie sie sich selbst nennen. Dann waren es acht, dann sechs. Jetzt sind sie zu dritt.

Außer Florence und Betty heißen alle Flüchtlinge in dieser Geschichte in Wahrheit anders, weil ihre Asylverfahren noch nicht entschieden sind und weil sie fürchten, gegen eine der vielen Regeln zu verstoßen, die für sie erfunden wurden. Kelly zum Beispiel ist an diesem Morgen um fünf aufgestanden, um nach Berlin zu reisen. Einen »Urlaubsschein« der Ausländerbehörde hat sie nicht. Das heißt: Sie macht sich strafbar. Vierzig Euro kostet es, wenn sie von der Polizei außerhalb ihres Landkreises erwischt wird.

Um kurz nach sieben sieht sich Florence noch einmal auf dem Bahnsteig um, dann steigt sie in den Regionalexpress nach Cottbus. Florence kommt aus Kamerun, Betty und Kelly stammen aus Kenia. Ihre Haut ist schwarz, sie tragen bunte Kleidung, und sie reden laut englisch. Die anderen Fahrgäste schauen immer wieder zu ihnen herüber. Seitdem Florence aufgehört hat zu rauchen, wird ihr Körper immer mächtiger, ihre Haare trägt sie zu kleinen Zöpfen geflochten. Sie setzt sich in den oberen Teil des Waggons und holt große Pappschilder aus einer Plastiktüte, bohrt mit einer Schere ein Loch hinein und zieht eine Schnur hindurch. Sie bereitet die Protestschilder vor. Auf ihnen steht: »Wir sind Flüchtlinge, aber auch Frauen« und »Residenzpflicht, Gutscheine, Lager abschaffen«. Draußen wird es langsam hell, ein grauer Morgen.

Fast einen Monat lang hat Florence für die Mobilisierung gearbeitet, ist durch Brandenburg gereist, hat Asylheime besucht, mit Flüchtlingen, Sozialarbeitern und Heimleitern geredet. Jetzt ruht Florence’ Hoffnung auf Cottbus, vielleicht stoßen dort noch Frauen hinzu.

»In diesem Land musst du deine Rechte kennen, sonst kriegst du Ärger«

Früher, Anfang der neunziger Jahre, kamen bis zu einer halben Million Flüchtlinge im Jahr nach Deutschland. Aus dieser Zeit stammen die Bilder von brennenden Asylbewerberheimen, die sich ins deutsche Gedächtnis einprägten. Nach dem Asylkompromiss 1993 und seit im Jahr 2002 die Innenminister der Europäischen Union die Dublin-II-Verordnung beschlossen haben, gibt es weniger Asylbewerber in der Bundesrepublik. Laut der Verordnung darf jeder Flüchtling in der Europäischen Union nur einen Asylantrag stellen, und zwar in dem Land, in dem er erstmals seinen Fuß auf europäischen Boden setzte. Seit drei Jahren steigt die Zahl der Asylanträge wieder – von 19164 im Jahr 2007 auf 27649 im Jahr 2009. Afghanistan, der Irak, Iran – die Krisen der Gegenwart treiben immer mehr Menschen aus ihren Ländern. Trotzdem wurde 2009 nur 452 Flüchtlingen Asyl gewährt.

Im Juli 2010 forderte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle mehr Zuwanderung. Schon jetzt fehlen 65.000 Fachkräfte im Bereich Mathematik, Informatik und Technik, aber auch im Handel, in der Gastronomie und im Gesundheitswesen. Im Jahr 2020 wird der Expertenmangel bereits bei einer viertel Million Menschen liegen. Laut einer Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertages hat jedes zweite Unternehmen Probleme, offene Stellen zu besetzen. Alle gehen davon aus, dass es in Zukunft noch schwieriger wird.

Zur selben Zeit leben etwa 80.000 Flüchtlinge in deutschen Asylheimen. Vergessen von einer Gesellschaft, die kaum etwas über deren Lebensumstände weiß. Ihre Bildungs- und Berufsabschlüsse werden nirgendwo erfasst. Es gibt keine Zahlen, keine Statistiken. »Wir wissen schlicht nicht, was die können«, sagt Klaus J. Bade, Vorsitzender des Sachverständigenrates deutscher Stiftungen für Integration und Migration. Sehr wahrscheinlich wohnen einige der Fachkräfte, die der Wirtschaftsminister sucht, seit Jahren unentdeckt in Deutschland. Wie zum Beispiel Florence. Sie hat in Kamerun Jura und Politik studiert, spricht vier Sprachen fließend. Seit acht Jahren kümmert sie sich um andere Flüchtlinge, hat die kleine Hilfsorganisation Women in Exile gegründet.

Als Florence in Cottbus aussteigt und mit eiligen Schritten die Bahnhofshalle durchquert, sind keine weiteren Mitstreiterinnen zu sehen. Sie setzt sich mit Betty und Kelly in eine Bäckerei und wartet. Nach einer Viertelstunde erscheinen noch drei Frauen. Sie beraten kurz darüber, wie sie später bei ihrer Protestaktion auf der Brandenburgischen Frauenwoche vorgehen sollen. »In diesem Land musst du deine Rechte kennen, sonst kriegst du Ärger«, sagt Florence. Seit zwölf Jahren ist sie in Deutschland, und seit 2004 hat sie eine Aufenthaltserlaubnis, weil sie einen Deutschen geheiratet hat. Kelly und die anderen Frauen sind noch mitten im Asylverfahren. Da kann jede Regelverletzung gefährlich werden. »Was machen wir, wenn die Veranstalter die Polizei rufen?«, fragt Florence. Die Frauen wirken ratlos. Florence entscheidet schließlich: »Dann gehen wir raus. Das ist ein gutes Statement.« Die anderen nicken erleichtert.

Berlin ist für die Flüchtlinge so unerreichbar wie New York

Das Hotel Lindner liegt neben einem Einkaufscenter, von Neubauten umzingelt. Drinnen raunt eine der Veranstalterinnen Florence bei der Anmeldung zu: »Nachher gibt es noch ein kostenloses Büfett.« Die Flüchtlingsfrauen setzen sich in die letzte Reihe des Konferenzsaals, ihre Protestschilder legen sie unter die Stühle. Eine von ihnen faltet auf ihrem Schoß eine Karte des Landkreises Spree-Neiße auf, nur innerhalb dieses Landkreises darf sie sich frei bewegen. Die wenigsten Deutschen kennen die exakten Grenzen ihres Landkreises, Flüchtlinge müssen sie sich sehr genau einprägen. Jeder unerlaubte Übertritt ist ein Verstoß gegen das Asylverfahrensgesetz, gegen die Residenzpflicht, die in Europa einzigartig ist, und wird bestraft. Berlin ist für Flüchtlinge in Brandenburg fast so unerreichbar wie New York.

Die Tagung wird eröffnet, der Oberbürgermeister spricht Grußworte. Florence und die anderen Frauen stehen auf und hängen sich ihre Protestschilder um den Hals. Der Bürgermeister redet von Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Gleichstellung, als wären die Frauen gar nicht da. Dieses Gefühl, anwesend zu sein und doch nicht gesehen zu werden, kennt Florence, seitdem sie in Deutschland ist.

Nach dem Bürgermeister redet eine der Veranstalterinnen vom Frauenpolitischen Rat Brandenburg. Sie fordert die Flüchtlingsfrauen auf, ihre Schilder vorn neben dem Mikrofon aufzustellen, damit jeder sie sehen könne. Florence erscheint von dieser positiven Wendung einen Augenblick lang überrascht. Wenig später stehen die Schilder da vorn, als hätten sie nichts mehr mit ihr zu tun.

An einem Mittwochmorgen, der nie richtig hell wird, ist Florence auf dem Weg nach Althüttendorf, Landkreis Barnim. Ihr Blick ist finster. Die Integrationsbeauftragte von Brandenburg nennt das dortige Asylbewerberheim das schlimmste des Landes. Mehrmals schon sollte es geschlossen werden, gerade ist wieder ein Versuch, den Betreiber zu wechseln, gescheitert.

 

Vieles hängt vom Glück ab auf dem Weg nach Deutschland. Und auch wenn ein Flüchtling es nach Deutschland geschafft hat, darf das Glück ihn nicht verlassen. Dann geht es darum, in welches Bundesland, in welchen Landkreis, an welchen Beamten der Ausländerbehörde er gerät. Wer Glück hat, kommt nach Berlin, wo Asylbewerber schon nach drei Monaten in Wohnungen untergebracht werden. Wer Pech hat, kommt nach Bayern, wo die »Förderung der Bereitschaft zur Rückkehr ins Heimatland« im Vordergrund steht. Wer in Brandenburg Glück hat, kommt nach Potsdam – und wer Pech hat, nach Althüttendorf.

Im Asylbewerberheim sind die Leiter Könige in ihrem Reich

Ein paar Baracken im Wald tauchen auf, ihre Wände sind vom Wetter vergilbt. Drinnen riecht es nach Bratfett, Schweiß und alten Kleidern. Florence klopft an eine Tür. Sie ist mit Grace verabredet, sie will sie für eine Aktion ihres Flüchtlingsvereins gewinnen. Es ist elf Uhr, und Grace ist gerade aufgestanden. Sie trägt Badelatschen und Trainingshosen, wie die meisten hier. Nach ein paar Wochen im Heim erscheint das Äußere nebensächlich. Grace bittet Florence in ein kleines Zimmer mit drei Betten. Die Gardinen sind aus den siebziger Jahren, orange-braun gemustert. Auf dem Bett liegen Plastiktüten, Koffer und Kleider übereinander, an den Wänden hängen bis zur Decke Mäntel und Jacken. Florence hockt sich auf ein altes Sofa, dessen Vorbesitzer tiefe Kuhlen auf der Sitzfläche hinterlassen haben. Grace ist 25 und kommt aus Kenia.

Florence stellt sich vor: »Ich bin aus Kamerun und war in Hennigsdorf.« Oft nennt sie nur Hennigsdorf, das Asylbewerberheim, in dem sie ihre ersten fünf Jahre in Deutschland verbrachte. Als wäre das Heim ihre Heimat, als erklärte es alles. Ein verhasster Bezugspunkt für Gemeinsamkeiten. Sie sagt: »Es ist wichtig, dass du weißt, dass Women in Exile existiert. Wir können dir helfen.« In diesem Augenblick geht die Tür auf, und der Heimleiter steht im Zimmer. Laut regt er sich darüber auf, dass sich der Besuch nicht bei ihm angemeldet hat. Die Heimleiter sind Könige in ihrem Reich. Sie können jederzeit jedes Zimmer betreten. Privatsphäre gibt es nicht. In den meisten Asylbewerberheimen müssen sich Gäste vorher anmelden und ausweisen. Wie im Gefängnis.

Als Grace im Januar in Althüttendorf ankam, war es schon Abend, die Baracken lagen im Dunkeln. Sie dachte, es sei nur ein kurzer Haltepunkt. Dass diese windschiefen Häuschen ihre neue Bleibe sein sollten, mochte sie nicht glauben. In den ersten Tagen funktionierte die Heizung nicht, Grace lag mit ihrem Mantel im Bett, durch die dünnen Wände und die einfach verglasten Fenster zog die Kälte. Die Toiletten liegen in einer anderen Baracke. Die Flüchtlingsfrauen trauten sich nachts nicht dorthin, erzählt Grace. Immer wieder kommt es zu sexuellen Übergriffen. Florence nickt. Sie hat früher einen Topf in ihr Heimzimmer gestellt, um im Dunkeln nicht auf den Flur zu müssen. »Viele halten die alleinreisenden Frauen aus Afrika für Prostituierte«, sagt sie.

Wenn man Grace fragt, was sie den ganzen Tag macht, senkt sie den Blick. »Eat and sleep«, sagt sie schließlich. Essen und schlafen. Es gibt nichts zu tun, arbeiten darf sie nicht, solange ihr Asylverfahren noch nicht endgültig abgeschlossen ist. Das kann manchmal Jahre dauern. Dabei hat Grace die Ablehnung ihres Antrags schon bekommen, nach zwei Wochen. Sie hat sich einen Anwalt genommen und gegen die Entscheidung Widerspruch eingelegt. Nun wartet sie wieder auf einen Brief vom Gericht. Alle im Heim warten auf Post vom Gericht oder vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, darauf ruht ihre ganze Hoffnung und ihre ganze Furcht. Asylbewerber existieren in der Warteschleife. Die Tage sind nur durch den Wechsel von hell und dunkel voneinander zu unterscheiden.

Bis zum nächsten Bahnhof sind es zehn Minuten zu Fuß, der Weg führt durch den Wald. Von dort kann Grace nach Eberswalde fahren. Eberswalde ist ihr Tor zu Welt. Dort sitzt die Ausländerbehörde. Wenn Grace ihren Landkreis verlassen will, braucht sie einen Urlaubsschein. Von der Laune der Sachbearbeiter hängt ab, wie viele Tage Urlaub sie bekommt. Grace muss lange im Voraus planen, denn die Ausländerbehörde hat nur dienstags Sprechstunde. Und die Fahrt dorthin kostet hin und zurück 5 Euro. Viel Geld für Grace und die anderen Flüchtlinge. Sie bekommen 40 Euro im Monat bar und im Wert von 158 Euro Gutscheine, mit denen sie nur in ausgesuchten Supermärkten »Waren des täglichen Bedarfs« kaufen dürfen. Dafür müssen sie zu Supermärkten in Eberswalde reisen oder in Joachimsthal. Um mehr Bargeld zu bekommen, verkaufen viele Asylbewerber ihre Gutscheine an andere Flüchtlinge – vor allem an Vietnamesen. Die ziehen 33 Euro »Tauschgebühr« ab. Grace bleiben dann noch 125 Euro. Florence und verschiedene Gruppen wie die Flüchtlingsräte der Länder oder Pro Asyl kämpfen seit Jahren gegen die Vergabe von Gutscheinen. In einigen Landkreisen wurden sie daraufhin abgeschafft, in den meisten nicht. »So habe ich mir Deutschland nicht vorgestellt«, sagt Grace. Aber eigentlich hatte sie überhaupt keine Vorstellung von diesem Land, das ihre neue Heimat werden soll. Nur von Adolf Hitler hatte sie in der Schule gehört.

Es sind die Flüchtlinge mit den besten Abschlüssen, die nach Europa kommen

Wie sie nach Deutschland gekommen ist? Florence sagt: »Darauf wird man nie eine richtige Antwort bekommen.« Die Wahrheit ist oft kompliziert, und sie ist gefährlich. Meist führt sie direkt zur Abschiebung. Die Flüchtlinge kennen die Drittstaatenregelung und die Dublin-II-Verordnung. Deshalb bauen sich viele eine Legende zusammen. Das macht jeden Bericht über Asylbewerber schwierig, weil man nicht immer weiß, welche Teile stimmen und welche nicht.

Wie ein Land Notleidende behandelt, sagt viel über das Land aus. Besonders in einer Zeit, in der die Bundesregierung bis 2014 rund 80 Milliarden Euro einsparen will, die Rentenzuschüsse und das Elterngeld für Hartz-IV-Empfänger streichen möchte. In einer Zeit, in der Unionspolitiker Intelligenztests für Zuwanderer fordern. In einer solchen Zeit sagen selbst aufgeklärte Deutsche über Flüchtlinge: Niemand hat sie gebeten zu kommen! Die Frage bleibt: Hat nicht jeder ein Recht auf ein menschenwürdiges Leben, auf Hoffnung, Arbeit, Familie, Glück, Zukunft? Und die zweite Frage ist: Kann sich Deutschland einen solchen Umgang mit Asylbewerbern noch leisten – bei einer Bevölkerung, die so schrumpft, dass in 20 Jahren sechs Millionen Arbeitskräfte fehlen werden?

Auch Grace’ Geschichte hat Lücken, oft kann sie sich an Details nicht erinnern. Ihr Vater, erzählt sie, sei Mitglied der kriminellen Mungiki-Sekte gewesen, die immer wieder durch Zwangsbeschneidungen von Frauen, Schutzgelderpressungen und Morde auffällt. Grace sagt, ihr Vater habe sich von der Sekte lösen wollen und diese habe ihn daraufhin umgebracht. Grace flüchtete nach Nairobi, wo sie eines Tages einen Weißen traf, der ihr half, nach Europa zu kommen. An dieser Stelle bricht ihre Geschichte ab. Wahrscheinlich hat sie für ihre Reise bezahlt.

»Wie hast du im Heim früher überlebt?«, fragt Grace Florence. »Wir haben gekämpft«, antwortet Florence. Wenn ihr etwas missfiel, veranstaltete sie Sit-ins im Büro der Heimleitung. Bei der Erinnerung daran muss Florence lachen. Grace beobachtet sie verschüchtert.

Auf dem Flur wartet der Heimleiter. Er deutet auf den Bodenbelag, der sich wellt. »Wir wollen etwas am Heim machen, aber die sollen ja nicht integriert werden«, sagt er. Die Asylsuchenden sollen sich nicht heimisch fühlen in Deutschland. Es gilt das Prinzip der Abschreckung. Die Baracken von Althüttendorf stammen noch vom Autobahnbau während des »Dritten Reichs«. Als der ZEIT- Fotograf später ein paar Bilder von ihnen macht, fordert ihn der Heimleiter auf, alle Fotos zu vernichten. Den Zustand dieses Heimes soll niemand sehen.

Auf der Rückfahrt von Althüttendorf schweigt Florence. Sie ist über die Jahre misstrauisch geworden. Nach ihrer Erfahrung stellen Deutsche ständig Fragen. Gleich beim ersten Gespräch mit einem Deutschen geht es für die Flüchtlinge um alles. Es ist das Gespräch mit dem »Entscheider« vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Es entscheidet über die Zukunft der Asylbewerber – ob sie bleiben können oder gehen müssen.

 

Auch bei Florence war es so. Am 1. Oktober 1998 flog sie mit einem Touristenvisum nach Frankfurt am Main. Sie besuchte eine Freundin in Köln und stellte dort einen Asylantrag. Sie bekam einen Zettel mit ihrer neuen Adresse, darauf stand: »Eisenhüttenstadt«. Noch nie hatte sie von diesem Ort gehört. Dort ist die »Erstaufnahmeeinrichtung« des Landes Brandenburg. Die Flüchtlinge werden vom Bundesamt nach einem komplizierten System über Deutschland verteilt, es heißt Easy. Die Aufnahmequoten der einzelnen Bundesländer ergeben sich aus dem Königsteiner Schlüssel, der für jedes Jahr entsprechend Steuereinnahmen und Bevölkerungszahl der Länder errechnet wird. Brandenburg bekommt demnach zurzeit nur 3,15 Prozent der Flüchtlinge, Nordrhein-Westfalen hingegen 21,4 Prozent.

Florence stieg in Köln in den Zug und fuhr nach Berlin. Dort nahm sie die falsche Regionalbahn. Als sie schließlich in Eisenhüttenstadt ankam, war es ein Uhr nachts, und Florence war noch zuversichtlich: »Ich hatte viele Romane über Europa gelesen. Darin gibt es an den Bahnhöfen immer eine Gaststätte, in der man auch übernachten kann.« Der Bahnhof von Eisenhüttenstadt lag in der Finsternis. Er ist seit Jahren geschlossen. Allmählich bekam Florence Panik. Eine genaue Adresse von der Einrichtung hatte sie nicht. Irgendwann hielt sie einen Mann auf einem Fahrrad an, der ihr ein Taxi rief. Der Fahrer verlangte 50 Euro für eine Strecke, die sonst 8 Euro kostet. Aber das wusste Florence damals noch nicht.

Als es am nächsten Morgen hell wurde, schaute sie auf ein Gefängnis. Brandenburg ist das einzige Bundesland, in dem Aufnahmestelle und Abschiebeknast direkt nebeneinanderliegen. Jeder Flüchtling hat dort vor Augen, was geschieht, wenn seine Leidensgeschichte nicht überzeugend genug klingt, wenn er wieder zurück muss. Wenn alle Mühe umsonst war.

Wenn man Florence fragt, warum sie nach Deutschland gekommen ist, fängt sie an zu lachen. Es ist ein Lachen, das stumm macht. Laut genug, um die Traurigkeit zu übertönen.

Vielleicht saß Florence damals Rainer Borchardt gegenüber. Sie kann sich an den Namen ihres Entscheiders nicht mehr erinnern. Rainer Borchardt steht am Fenster der Aufnahmestelle Eisenhüttenstadt und deutet auf die Straße. Früher warteten dort manchmal schon morgens 600 Asylbewerber vor dem Eingangstor. »Das war Wahnsinn«, sagt Borchardt. Er ist 55, ein stiller Mann, der lange überlegt, bevor er etwas sagt. Er prüft, ob die Geschichten der Flüchtlinge »schlüssig und glaubhaft« klingen. Viele Berichte hörten sich allerdings »strategisch« an und »einstudiert«, sagt er. Sie hätten stets das gleiche Muster: Der Himmel tut sich auf, ein weißer Mann steigt herab und bringt den Asylbewerber kostenlos nach Deutschland. Borchardt nennt das die »schleppergesteuerte Geschichte«.

Sobald Kinder sechs Jahre alt sind, werden auch sie befragt. »Kinder sind ehrlich«, sagt Borchardt.

Die Anhörungen dauern etwa zwei Stunden, und Borchardt weiß schon währenddessen, wer Chancen hat, aufgenommen zu werden, und wer nicht. Aber er sagt nichts, deutet nur an, wenn er mit einer Antwort nicht einverstanden ist. Sonst kämen die Asylsuchenden noch einmal zu ihm, sagt er, sie forderten dann eine neue Anhörung oder würden aggressiv. Sie haben nichts mehr zu verlieren. Zwei Drittel von ihnen werden abgelehnt, weil sie aus wirtschaftlichen Gründen gekommen, aus einem sicheren Drittland eingereist sind oder eine unglaubwürdig erscheinende Geschichte erzählt haben. Dabei kann Borchardt ihre Sorgen oft verstehen. Er sagt: »Wir entscheiden über Schicksale.«

Es gibt Nächte, in denen Borchardt keinen Schlaf findet. Er ist auch für die traumatisierten Flüchtlinge und für die Folteropfer zuständig. Manchmal ist er unsicher, ob er die richtige Entscheidung getroffen hat.

Die Beamten vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge haben für jedes Land Richtlinien formuliert, an denen sich die Entscheider orientieren sollen, damit alle Außenstellen zu ähnlichen Ergebnissen kommen. Bis 2005 bestimmte ein Entscheider allein über die Zukunft eines Flüchtlings. Jetzt prüft Borchardts Chef Uwe Hanschmann, ob der Entscheider sich an die Hinweise des Amtes gehalten hat.

Im vergangenen Jahr haben 810 Menschen in Brandenburg einen Asylantrag gestellt, und das Amt hat sieben Anerkennungen empfohlen.

In Eisenhüttenstadt ruhen noch 50 unbearbeitete Fälle aus dem Jahr 2007. Uwe Hanschmann nennt sie die »Karteileichen«: »Die haben wir einfach nicht geschafft.« Drei Jahre leben diese Asylbewerber nun in einem Heim in Deutschland. Wenn das Bundesamt sie später ablehnt, können sie vor Gericht ziehen. Die Verfahrensdauer der Verwaltungsgerichte in Brandenburg ist eine der längsten bundesweit. Da kann es passieren, dass die Flüchtlinge noch einmal vier Jahre auf eine Antwort warten. Am Ende halten sie nach acht Jahren vielleicht ihre Ablehnung in den Händen. Acht Jahre, in denen sie in Deutschland gelebt und gehofft haben. Wenn sie dann keinen Pass besitzen und ihre Botschaft ihnen keinen ausstellt, können sie nicht abgeschoben werden. Das bedeutet aber auch, dass sie kein Bleiberecht in Deutschland bekommen. Das Amt verlangt Identitätsnachweise, und der Asylsuchende hat eine Mitwirkungspflicht. Aber es gibt Botschaften, die nicht einmal bestätigen, dass man einen Pass beantragt hat. Dann bestrafen die Behörden wiederum den Flüchtling, streichen ihm Geld. So werden die Flüchtlinge zu ewig Geduldeten, die meist nicht arbeiten dürfen. »Ein geschlossener Kreis«, sagt Karin Weiss, die Integrationsbeauftragte des Landes Brandenburg. »Da kommt man nicht raus.«

Das führt dazu, dass Florence in ihrer freien Zeit Menschen wie Francis in Prenzlau oder John in Garzau besucht. John aus Kamerun wird seit 16 Jahren in Deutschland geduldet. In den Jahren im Wartestand hat er eine Psychose entwickelt. Francis wohnt seit vier Jahren im Asylbewerberheim Prenzlau und ist seit 12 Jahren in Deutschland. Seine Staatsangehörigkeit ist ungeklärt, deshalb kann auch er nicht abgeschoben werden.

 

Francis und John führen eine Existenz im Schatten der deutschen Gesellschaft. Je länger ihr Status ungeklärt bleibt, desto geringer wird die Hoffnung, sie jemals wieder irgendwo zu integrieren. Sie werden zu Entwurzelten auf Lebenszeit.

An einem Sonntagabend sitzen in Florence’ Hinterhauswohnung in Berlin-Wedding neun Frauen um einen Glastisch. Gemeinsam wollen sie an diesem Abend Women in Exile offiziell als Verein gründen. »Damit wir eigene Gelder beantragen können«, erklärt Florence. Die Frauen nicken, sie stammen aus Kenia oder Kamerun und wohnen in verschiedenen Asylbewerberheimen Brandenburgs. Der Flüchtlingsrat hat ihre Zugtickets bezahlt, damit sie nach Berlin reisen konnten.

Florence redet, ihre Stimme füllt den Raum: »Wenn jemand vier Jahre lang mit einem kleinen Kind im Heim lebt, können wir was machen.« Später am Abend wählen die Frauen sie und ihre Kollegin Betty zu Vorsitzenden des Vereins. Am Ende gibt es noch Streit, weil die 90 Euro Fahrgeld vom Berliner Flüchtlingsrat nicht für alle reichen. Florence bemüht sich, zu beschwichtigen. »Flüchtlinge müssten lernen, sich selbst zu helfen«, ist einer ihrer liebsten Sätze.

Florence ist inzwischen 43 und hat, seitdem sie in Deutschland ist, noch keine Arbeit gefunden. »Was für eine verlorene Zeit mit meinem Potenzial!«, sagt sie. Die Gedanken daran, wie es weitergehen soll, kommen nun öfter. Manchmal denkt sie darüber nach, wieder nach Afrika zu gehen. Aber auch dort ist sie jetzt eine Fremde. Ihre Bearbeiterin im Jobcenter sagt zu ihr: »Wir haben Probleme mit euch hochqualifizierten Flüchtlingen.« Oft können sie nicht genügend Deutsch, oder ihre Abschlüsse werden nicht anerkannt. Für Florence’ Sprachniveau gibt es keinen Deutschkurs mehr. In Deutschland wurde sie zur IT-Trainerin ausgebildet, zusätzlich hat sie noch einen Masterstudiengang in Public Health an der Charité in Berlin abgeschlossen. Geholfen hat es ihr nicht. Nun hört sie, sie sei überqualifiziert. Vor ein paar Wochen hat Florence sich bei einem Verein beworben, der sich um psychisch Kranke kümmert. Sie sollte die Öffentlichkeitsarbeit übernehmen, etwas, das sie seit Jahren für Women in Exile macht. Das Vorstellungsgespräch verlief hervorragend, die Mitarbeiter waren begeistert, aber der Verein wird vom Berliner Senat mitfinanziert. Der forderte einen Ausbildungsabschluss im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Florence musste wieder gehen. Hunderte solcher Gespräche hat sie durchlebt, und am Ende klappte es nie. Warum? »Vielleicht bin ich zu frech«, sagt Florence.

Seit Jahren arbeitet sie ehrenamtlich für Flüchtlinge. Wenn man mit ihr durch Brandenburg fährt, berufen sich Sozialarbeiter und Hilfsorganisationen auf sie. Auch in diesem Bereich gibt es Jobs. Aber die freien Stellen kriegen immer andere. Weiße. Manchmal ist es dann schwer, gerecht zu bleiben. Florence sagt: »Plötzlich vermutet man überall Rassismus, auch bei denen, die einen unterstützen.«

Florence hat versucht, sich zu integrieren. Bereits im Heim in Hennigsdorf fing sie an, Deutsch zu lernen. Die Volkshochschule im nahen Berlin lag außerhalb von Florence’ Landkreis. Sie fuhr trotzdem dreimal in der Woche hin. Und sie besuchte alle Sommerfeste der umliegenden Dörfer, um Einheimische kennenzulernen. Die anderen Flüchtlinge frotzelten: »Was verlierst du deine Zeit mit den Weißen?!« Jetzt gibt es Tage, an denen auch Florence zweifelt, ob ihr Weg der richtige ist.

In diesem Sommer fordert der FDP-Generalsekretär Christian Lindner eine »gesteuerte Zuwanderung« von hochqualifizierten Ausländern. Und Bildungsministerin Annette Schavan verlangt eine »Willkommenskultur für Zuwanderer«. Gleichzeitig kämpft der Flüchtlingsrat in Brandenburg für die Arbeitserlaubnis von Ellis aus Kenia, Diplom in Hotelmanagement, seit drei Jahren im Asylheim Neuruppin. Er kämpft um Azad aus Iran, Diplom-Ingenieur, Flugzeugmechaniker, seit zwei Jahren im Asylheim Prenzlau. Um Farhat aus Iran, Diplom-Informatiker, seit drei Jahren im Asylheim Potsdam. Um Sameer aus Pakistan, Ingenieur, seit vier Jahren im Asylheim Brandenburg an der Havel. Um Teku aus Kamerun, seit zehn Jahren in Deutschland, geduldet, mit einem Abschluss in Technischer Chemie. Oft werden diejenigen mit den besten Abschlüssen von ihren Familien für die Flucht nach Europa ausgewählt.

Auch Florence besuchte das Gymnasium und lernte als dritte Sprache Deutsch. Später studierte sie, aber danach fand ihre Karriere ein jähes Ende. »Meine Familie hatte keinen Namen. Bei uns geht es immer um den Namen, wenn du einen Job, eine Zukunft haben willst.« Sie sah ihre Kommilitonen, die Kinder bekannter Familien, an sich vorüberziehen, ein soziales Netz spinnen, zu dem sie nie gehören würde. Sie hätte Geld bezahlen können, um weiterzukommen. Aber das hätte lebenslange Abhängigkeit von einem korrupten System bedeutet. »Und was machst du, wenn du keine Hoffnung hast?«, fragt Florence. »Du verlässt das Land.«

Florence erzählt, sie habe sich in Kamerun in der Studentenbewegung politisch engagiert und sei den Herrschenden unangenehm aufgefallen. Diese Tatsache betonte sie in ihrer Anhörung beim Bundesamt besonders stark. Die erste Ablehnung ihres Asylantrages bekam sie nach zwei Jahren. »Nach einem Jahr könntest du vielleicht noch überlegen, ob du zurückgehst.« Sie nahm sich eine Rechtsanwältin und klagte gegen die Entscheidung. Fünf Jahre nach ihrer Ankunft, im Januar 2003, bekam sie einen Hinweis: Florence, du bist dran! Es gibt einen Abschiebetermin! Florence besaß keinen Pass mehr, ihre Botschaft hatte aber die nötigen Reisedokumente ausgestellt. Drei Monate waren sie gültig. Florence zog aus dem Asylheim aus, tauchte bei Freunden unter. Einen Tag bevor ihre Reisedokumente ungültig wurden, stellte sie einen Folgeantrag, und im Dezember 2003 heiratete sie ihren deutschen Freund. Seit 2004 hat sie eine Aufenthaltserlaubnis, die sie alle drei Jahre verlängern muss.

»Die Prinzipien hier sind schwer zu verstehen«, sagt Florence. »Selbst die, die wirklich verfolgt werden, werden nicht als Flüchtlinge anerkannt, aber auch nicht abgeschoben.« Es ist ein Dickicht aus etwa 40 verschiedenen Aufenthaltserlaubnissen entstanden, alle verbunden mit unterschiedlichen Rechten und Verboten. »Wir hatten noch Vertrauen in das Asylrecht. Die Flüchtlinge, die jetzt kommen, haben das nicht mehr.« Sie wissen, dass sie oft nur eine einzige Möglichkeit haben, legal in Deutschland zu bleiben: einen Deutschen heiraten oder ein Kind bekommen.

Im Cottbuser Heim werden die Frauen gefragt: »Und, wieder jemand schwanger?«

An manchen Tagen fragt sich Florence, ob ihr Einsatz für die Flüchtlinge sinnvoll ist. An anderen arbeitet sie einfach weiter. Wie an einem Freitagabend in Potsdam. Das Asylbewerberheim heißt unter Flüchtlingen das »Luxusheim«. Die Straßenbahnhaltestelle liegt vor der Tür, und die Bewohner leben in renovierten Apartments. Dreißig Menschen sind zu Florence’ Diskussionsrunde »Die Gefahr, Frauen in Lagern unterzubringen« erschienen.

Als Erste spricht Elizabeth aus Kenia, seit einem Jahr lebt sie im Heim in Frankfurt an der Oder. Sie hat keinen Kontakt zu Deutschen, kann keinen Besuch empfangen. »Müssen wir uns wie Kriminelle behandeln lassen?«, fragt sie laut. »Ist das das Leben, was wir wollen?«, ruft sie in den Raum. Applaus. Als Nächstes spricht Kelly aus dem Heim in Luckenwalde. Seit zwei Jahren wohnt sie dort mit ihrem zweieinhalbjährigen Sohn. Sie erzählt, dass viele Flüchtlinge alkoholabhängig seien und bis spät in der Nacht auf den Fluren randalierten. »Ich will zum Steuersystem beitragen. Ich will arbeiten, aber ich darf nicht.« Auf dem Weg zum Bahnhof seien schon einige Heimbewohner von Neonazis zusammengeschlagen worden. »Wenn 2010 nichts passiert, I go verrückt«, sagt Kelly. Verrückt ist das einzige Wort, das sie auf Deutsch sagt. Ihre Stimme überschlägt sich dabei.

 

Nach den Gefühlsausbrüchen der Frauen traut sich erst mal keiner der Zuhörer, etwas zu sagen. Ein Deutscher mit Dreadlocks fragt schließlich: »Wie denkt ihr über den internationalen Kampf der Flüchtlinge in Italien?« Stille. Florence antwortet: »Wenn du zu Hause keinen Frieden hast, kannst du nicht rausgehen und kämpfen. Wir wollen, dass die Heime hier geschlossen werden.«

Eine ältere Deutsche, die zufällig auf diese Veranstaltung geraten ist, sagt ein wenig ratlos: »Mit so viel Kraft könnten diese Frauen in Afrika ein ganzes Land umkrempeln.« Es ist eine doppelte Tragödie: Diese Frauen konnten in der alten Heimat ihre Fähigkeiten nicht entwickeln, aber auch in der neuen liegen sie brach.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, auf das sich alle Hoffnungen und Ängste der Asylsuchenden konzentrieren, sitzt in Nürnberg in einem riesigen Klinkerbau in der Nähe des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes. In einem großen Büro warten zwei Abteilungsleiter, Michael Kleinhans und Ursula Gräfin Praschma. Die wichtigste Frage zuerst: Warum dauern die Asylverfahren so lange? Das hänge damit zusammen, dass jeder Fall gründlich geprüft werde und etwa oft langwierige Auskünfte von Ärzten eingeholt werden müssten, antworten sie. Außerdem sei die Zahl der Asylanträge gestiegen. Dazu kämen noch 41 600 Verfahren aus der Vergangenheit, die überprüft würden. »Das hat uns in eine schwierige Lage gebracht.« Zudem sei es kompliziert, den richtigen Umgang mit langjährigen Asylbewerbern zu finden. Praschma und Kleinhans wissen auch, dass Gerichtsverfahren nach einer Ablehnung des Asylantrags in Deutschland oft Jahre dauern. »Eine konkrete Perspektive fehlt in dieser Zeit. Dieser Schwebezustand kann für die Betroffenen sehr belastend sein«, sagt Praschma.

Wissen Praschma und Kleinhans, wie ein Leben im Asylbewerberheim aussieht, waren sie schon einmal in einem? Die beiden schauen sich an. Sie können sich an keinen Besuch erinnern.

Sieben Jahre nachdem Florence das Heim in Hennigsdorf verlassen hat, steigt sie die Treppen des Neubaublocks hinauf in den dritten Stock. Ganz am Ende des langen Flures liegt ihr altes Zimmer: Nummer 328. Fünf Jahre lang lebte Florence hier. Die Tür ihres Zimmers ließ sich nicht von innen abschließen. Auf dem Gang war ununterbrochen Lärm. Es gab Alkohol, Drogen, Prostituierte. Die Flüchtlinge untereinander waren nicht unbedingt solidarisch. »Auch in den Heimen gibt es eine rassistische Struktur«, sagt Florence. Im Sommer glühten immer drei Grills vor dem Heim, um den ersten standen die Araber und Perser, um den zweiten die Afrikaner und um den dritten die Flüchtlinge vom Balkan. Die Vietnamesen hielten sich fern. Florence redete stets gern mit allen, die anderen nannten sie Frau Florence, die Vermittlerin.

Es ist Vormittag, Florence’ ehemaliges Zimmer ist verriegelt. Seit ihrem Auszug war Florence nur einmal wieder in Hennigsdorf. Dieser Ort erinnert sie an eine Zeit, die sie vergessen will. Außerdem wissen viele Asylsuchende, dass sie sich politisch engagiert, sprechen sie an und erwarten ihre Hilfe. »Ich bin manchmal überfordert«, sagt Florence.

Und wenn sie sich dann für sie einsetzt, wird sie nicht selten von ihnen versetzt wie bei der Protestaktion in Cottbus. An jenem grauen Tag steigen Florence und die Frauen nach der Veranstaltung im Hotel in die Straßenbahn. Von der Endstation laufen sie 15 Minuten bis zum Asylheim am Rande des Neubaugebiets. Die Dame am Empfang fragt die Frauen zur Begrüßung: »Und, wieder jemand schwanger?«

Florence setzt sich an einen Tisch im Gemeinschaftsraum. Eine der Frauen berichtet denen, die nicht dabei waren: »Unsere Aktion war erfolgreich.« Keiner der verantwortlichen Politiker hat etwas versprochen, es hat sich nichts verändert. Dass sie überhaupt wahrgenommen wurden, ist für sie schon ein kleiner Sieg.

Auch July aus Kenia sitzt mit am Tisch. Sie sagt, sie sei 18, aber sie sieht aus wie 30. July hatte keine Ahnung, dass ihr Schlepper sie nach Deutschland bringen würde. Es war ihr auch egal – Hauptsache Europa, Hauptsache weg.

Und wie war ihr erster Tag in Deutschland? »Chaos«, antwortet July. Zwei Wochen habe sie in einem Keller verbracht. Sie habe dort gefesselt gelegen, Männer hätten sie vergewaltigt. Ihr Schlepper habe sie so die Flucht abbezahlen lassen. Dann habe er July gehen lassen und gesagt, sie solle bei der Post nachfragen, wohin sie sich wenden müsse. July erzählt das beiläufig, als wäre es nichts Besonderes. Es gibt keine Beweise für ihre Geschichte, und selbst wenn es Beweise gäbe, würde July sie vermutlich niemandem zeigen.

Florence hat solch eine Geschichte noch nicht gehört, sie hält sie aber für möglich. Vor ein paar Wochen hat sie nun eine Ausbildung zur Altenpflegerin angefangen. Sie glaubt, dass es in dem Bereich genügend Stellen gibt. Auch für sie. »Irgendwann muss ich in das deutsche System reinkommen.« Nach zwölf Jahren kann sie die Hoffnung unmöglich aufgeben.