Altruismus : Die Gene des Guten

Ist der Mensch von Natur ein Altruist, oder handelt er stets eigennützig? Belohnt die Evolution wirklich die Egoisten? Ein Streitgespräch mit dem Darwin-Anhänger Richard Dawkins.

Sind wir als Egoisten geboren? Im Jahr 1976 veröffentlichte Richard Dawkins, ein damals völlig unbekannter Biologe aus Oxford, ein aufsehenerregendes Buch. Es hieß Das egoistische Gen . Dawkins beschrieb darin eine Welt, in der die Gene uns programmieren, zutiefst eigennützige Wesen zu sein. Aber schon bei meiner ersten Lektüre regten sich Zweifel: Könnte es nicht sein, dass Menschen in Wirklichkeit weniger egoistisch sind, als sie scheinen? Möglicherweise siegt auf lange Sicht gerade nicht das egoistische Gen, sondern die Selbstlosigkeit. Diese Gedanken ließen mich nicht mehr los, schließlich schrieb ich sogar ein Buch darüber.

Seit seinem spektakulären Erstling hat sich Dawkins in vielen Werken höchst eloquent starkgemacht für eine darwinistische Weltsicht, er wurde Professor für Wissenschaftsvermittlung an der Universität Oxford. Zuletzt trat er als heftiger Kritiker aller Religionen hervor. »Darwins Rottweiler« nennt man ihn. Doch der Mann, der mich auf der Terrasse seines sehr britischen Hauses empfing, stellte sich als ein hinreißender Gesprächspartner heraus.

Stefan Klein: Professor Dawkins, Sie haben auf einer Kreuzfahrt mit geladenen Gästen ein interessantes T-Shirt getragen. Auf Ihrer Brust stand: »Atheisten für Jesus«. Ließ die tropische Sonne Sie Ihre Liebe zum Christentum entdecken?

Richard Dawkins: Das nicht. Aber Jesus war ein guter Mann. Dass er an Gott glaubte, versteht sich von selbst: Jeder war zu seiner Zeit religiös. Hätte Jesus gewusst, was wir heute wissen, wäre er wahrscheinlich Atheist, aber ebenso menschenfreundlich gewesen. Immerhin hat er der Grausamkeit der damaligen Religion abgeschworen.

Klein: Anstelle der Regel »Auge um Auge, Zahn um Zahn« setzte er das Gebot, seine Feinde zu lieben und ihnen, wenn nötig, auch noch die andere Wange hinzuhalten.

Dawkins: Kein Wunder, dass sie ihn ans Kreuz genagelt haben: In seinem Willen zu Versöhnung war er subversiv. Nun lassen die Gesetze der Evolution ein gewisses Maß an Nettigkeit gegenüber anderen zu. Aber Jesus war supernett. Sein Verhalten war geradezu eine Perversion des Darwinismus – man könnte auch sagen, aus Sicht der Evolution und der rationalen Entscheidungstheorie völlig bescheuert.

Klein: Er war und ist ja nicht der Einzige, der selbstlos handelte. All die Menschen, die sich für das Wohl anderer einsetzen, die Geld oder Blut spenden, oder sogar ihr Leben riskieren, sind aus Ihrer Sicht völlig bescheuert?

Dawkins: Von einem darwinistischen Standpunkt aus gesehen, ja. Gewiss sollten wir Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit kultivieren. Aber ich weiß nicht, wie viel uns die Natur dabei hilft. Die Evolution ist überaus grausam. Schon Darwin berichtete von Schlupfwespen, die ihre Eier in Raupen ablegen, damit die Larve die Raupe anschließend von innen her auffrisst. Jedes Mal, wenn sich ein Parasit eines Wirtstiers bemächtigt, ein Jäger seine Beute erlegt, gibt es Leid. Die Natur kümmert sich nicht darum. Im Gegenteil: Wo zu wenig gelitten wird, ist der optimale Zustand noch nicht erreicht. Tiere vermehren sich so lange, bis die Ersten verhungern. Und die größten Schönheiten der Natur, die Geschmeidigkeit der Leoparden, die Schnelligkeit der Pferde, der eindrucksvolle Kopfschmuck der Hirsche sind letztlich nichts als das Ergebnis eines Wettrüstens – und von unendlich viel Leid.

Klein: Ohne diese Grausamkeit wären niemals Menschen entstanden.

Dawkins: So ist es.

Klein: Und die Gesetze Darwins liegen nach Ihrer Auffassung unserem Zusammenleben noch heute zugrunde.

Dawkins: Ja. Das macht es umso erstaunlicher, dass einige Menschen anscheinend zur Supernettigkeit fähig sind.

Klein: Sie haben uns Menschen bezeichnet als »Roboter, blind programmiert zur Erhaltung der selbstsüchtigen Moleküle, die Gene genannt werden«. Die egoistischen Gene seien Frankensteine und alles Leben ihr Monster. Denn normalerweise würden die egoistischen Gene auch egoistisches Verhalten bewirken. Das alles würden Sie wieder so formulieren?

Dawkins: Natürlich.

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Kommentare

18 Kommentare Seite 1 von 3 Kommentieren

Uneigennützige Gene?

Vielleicht ist es im Deutschen auch ein bißchen ein semantisches Problem. Dawkins nennt es das „selfish gene“. Man kann es mit „egoistisch“ übersetzten. Aufreißerischer ist es allemal. Besser wäre jedoch „eigennützig“ und schon wäre der moralische Aspekt, der uns das Akzeptieren so schwer macht, aus dem Spiel. „Das eigennützige Gene“ klingt doch viel akzeptabler. Oder kenn jemand uneigennützige Gene?

So richtig egoistisch kann man vermutlich nur sein, ...

... wenn die Zusammenhänge nicht klar sind.

Lange Zeit leiteten wir unsere Abfälle einfach in die Flüsse. Dann waren sie ein Jahrzehnt langt tot und man machte sich zunehmend Gedanken, die Abwasser vor der Einleitung zu klären.

In den 70ern wusste man noch nichts vom Kuschelhormon Oxytocin oder den Spiegelneuronen im Gehirn und schrieb sozialdarwinistische Bücher.

Ich denke, viele würden gerne coole Tiger sein, wissen dabei aber zugleich, dass sie als das, als was sie auf die Welt gekommen sind, ohne die verabscheute dröge Gemeinschaft kaum ein paar Tage überleben würden.

Sie holen sich ihren Tiger-Kick dann z. B. indem sie den Staat um Steuern betrügen, Ausländer entrechten und sozial Gestrauchelte lieber fordern statt fördern. Das sind dann die Verhaltensaspekte, die der Mensch mit dem gackernden Federvieh und deren Hackordnung gemein hat. Evolution ist Realität.

Reduktion und Emergenz

Dawkins beschäftigt sich offensichtlich hauptsächlich damit, Verhaltensmuster auf Gene zu reduzieren. Das ist selbstverständlich erlaubt und auch sinnvoll, denn manche Verhaltensmuster können ja in der Tat auf diese Art und Weise am besten erklärt werden. Wissenschaft lebt von Hypothesen und Dialektik.

Allerdings gibt es neben der auf Reduktion aufbauenden Erklärungsmöglichkeiten auch noch diejenigen, die auf der Emergenz aufbauen. "Emergenz ist die spontane Herausbildung von neuen Eigenschaften oder Strukturen auf der Makroebene eines Systems infolge des Zusammenspiels seiner Elemente."

Diesen Ansatz vermisst man mitunter bei Dawkins. Aber das darf er, schließlich hat er sich auf die Reduktion basiert.

Ich bin mir ziemlich sicher....

das Herr Dawkins das "Ichgefühl" eines Menschen als ein Ergebnis von Emergenz benannt hat und nicht auf die Idee kommt nach einem Gen dafür zu suchen. Allerdings gibt er auch den Hinweis, dass nicht alles, was wie eine Glanzleistung aussieht auch so geplant/gewollt war/ist (siehe Beispiel mit der Motte). Bei "simplen Insekten" akzeptieren die meisten Menschen die "Roboterartigkeit",nur bei Lebewesen mit echten Gehirnen fällt den Menschen der Schritt schwer.