Entwicklungshilfe Korn bis unters Dach des Speichers

Im afrikanischen Malawi beweist ein kleines Dorf, was koordinierte Hilfe bewirken kann.

Im Mai 2010 besuchte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon das Millenniumsdorf Mwandama und sprach mit den Bewohnern

Im Mai 2010 besuchte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon das Millenniumsdorf Mwandama und sprach mit den Bewohnern

Das Kind sitzt auf dem Schoß seiner Mutter, es atmet schwer und dämmert lethargisch vor sich hin. Sein Bauch ist stark aufgedunsen. Die Haut: dünn und knittrig wie Pergament, stellenweise aufgeplatzt. Die Symptome schwerster Unterernährung. Caroline heißt das Kind, es ist 25 Monate alt. Wird es überleben?

So stand es in einer Reportage nach unserem letzten Besuch in Malawi im Jahr 2002. Das Land wurde damals besonders hart von einer Dürre getroffen, die den gesamten Süden Afrikas heimgesucht hatte. Die Felder waren verdorrt, die Kornspeicher leer, und in den Krisenzonen starben die ersten Kinder.

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Kommt man heute in ein Dörfchen wie Mwandama, könnte man fast glauben, es läge in einem anderen Land. Zwischen den Hütten steht nämlich ein nagelneuer Kornspeicher, in dem sich bis unters Dach prall gefüllte 50-Kilo-Säcke stapeln: Bohnen, Mais, Soja, insgesamt 1500 Tonnen. »Wir haben jetzt genügend Reserven, niemand muss mehr hungrig schlafen gehen«, sagt Matias Mponda, der Verwalter des kommunalen Lagerhauses. »Wir konnten in den letzten Jahren sogar Überschüsse produzieren und für 90 Millionen Kwacha Mais verkaufen.« 90 Millionen Kwacha sind umgerechnet rund 450.000 Euro! Erst sieben magere Jahre, jetzt sieben fette – es scheint, als sei in Mwandama so etwas wie ein biblisches Wunder geschehen.

Um dieses Wunder zu verstehen, muss man den Mann mit dem langen Namen Faison Tipoti Mwandama Chuwumbuzo besuchen. Er wohnt gleich neben dem Getreidespeicher und ist der Chief von Mwandama, der Dorfobmann. 82 Jahre hat er schon auf dem Buckel, seit ein paar Monaten ist er bettlägrig. »Die Beine wollen nicht mehr gehen, aber das Hirn arbeitet noch gut«, sagt er lachend. Dann berichtet er von jenem Tag, an dem das Wunder begann. »Es war im Jahr 2004. Da klopfte ein weißer Amerikaner an meine Tür und fragte: ›Was braucht dein Dorf?‹ Und ich sagte: ›Saatgut und Dünger.‹« Der Besucher aus Amerika war seitdem schon mehrfach in Mwandama. »Er ist mein Freund. Wir haben ihm die gewaltigen Fortschritte in unserem Dorf zu verdanken.«

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Jeffrey Sachs heißt der Amerikaner. Er ist Professor der Ökonomie und Berater des größten Armutsbekämpfungsprojekts aller Zeiten: des Millenniumprogramms bei den Vereinten Nationen. Mwandama gehört zu den ausgewählten Millenniumsdörfern, in denen dieses Programm exepemplarisch verwirklicht werden soll. Wobei der Begriff Dorf irreführend ist. Vielmehr handelt es sich um ein Projektgebiet mit 144 Siedlungen und insgesamt 7000 Haushalten. Mwandama liegt in einer kargen Hügellandschaft. Auf den winzigen Äckern ringsum wuchs früher gerade so viel, dass es zum Überleben reichte. Die Kinder- und Müttersterblichkeit war extrem hoch, es gab keine Schule, und wenn die Leute krank wurden, mussten sie 25 Kilometer zu Fuß bis zur nächsten Klinik laufen.

Seit dem Start des Projekts im Jahr 2005 wurden Brunnen gebohrt und Bewässerungssysteme angelegt, im Dorf steht eine neue Grundschule, der Rohbau für eine kleine Klinik ist auch schon fertig. Auf den Gemüseparzellen vor den Hütten gedeihen Kassawe-Wurzeln, Süßkartoffeln, Bohnen und Erdnüsse, und den Platz, auf dem sich die Leute zum Palaver versammeln, schmückt eine violette Plastikkabine: eine solarbetriebene Aufladestation für Handys ! Joy Pankomera, der Koordinator für Infrastrukturmaßnahmen, deutet zum Sendemast auf dem Hügel neben dem Dorf. »Die Bauern können sich jetzt direkt über die Marktpreise informieren oder im Notfall einen Krankentransport bestellen.« Unterdessen gibt es auch schon eine regenfeste Straße, die das Dorf mit der Hauptstraße verbindet. »Jetzt brauchen die Bauern nur noch Lastwagen, um ihre Erzeugnisse an die Supermärkte in den Städten zu liefern.«

Man kommt in Mwandama nicht mehr aus dem Staunen heraus. »Hier findet eine Agrarrevolution statt«, schwärmt Pankomera. »Sie fing an mit zwei Säcken Mineraldünger und einem Beutel Saatgut, die jeder Haushalt erhielt.« Durch diese Starthilfe wurden die Erträge verelffacht; auf einem Hektar, der früher nur eine halbe Tonne Mais hergab, werden heute fünfeinhalb Tonnen geerntet. Jede Familie lieferte zwei Säcke im Getreidespeicher ab. Ein Teil wurde als Notreserve eingelagert, ein Teil für die Speisung der Schulkinder verwendet, der Rest verkauft. Und plötzlich machten die Bauern Gewinn. Aber wohin mit dem Geld?

Die Antwort gibt ein rostbrauner Lieferwagen, der gerade ins Dorf rollt. »Sungitsani Ndalama« steht auf dem Auto. Das ist Chichewa, neben Englisch die Amtssprache in Malawi, und bedeutet »Spare dein Geld«. Ein mobiles Geldinstitut der Opportunity International Bank of Malawi, das jeden Donnerstag vorbeikommt. »Wir helfen benachteiligten Kunden, für die sich die Banken der Privilegierten ohnehin nicht interessieren«, erklärt die Bankangestellte Eniss Ndawa und öffnet die Schalterklappe an der Seite des Fahrzeugs. Und schon stehen ein Dutzend Leute mit ihren Smartcards an. Bereits 2000 Bauern und Bäuerinnen haben Konten eröffnet, über 600 erhielten Mikrokredite, um in ihre Farmen zu investieren oder kleine Geschäfte zu eröffnen.

Leser-Kommentare
  1. Eigeninitiative, günstige (am besten zinslose) Kredite, kaum Bürokratie.

    Daran sollten wir uns auch mal ein Beispiel nehmen.

  2. Hoffen wir das dieses Beispiel Schule macht und es weiter bergauf geht.
    Starthilfe gefolgt von größtmöglicher Selbstverantwortung und so wenig Bürokratie wie möglich. Gerade den Menschen das Gefühl zu geben etwas eigenes zu schaffen ist so wichtig. Wenn man ständig die eigene Abhängigkeit vor Augen geführt bekommt kann sowas wie Entwicklungshilfe nicht funktionieren.

    Und hoffen wir, dass sich Internationale Firmen aus dem Land raushalten oder sich weiter zurückziehen (siehe weiße Großfarmer die die Bevölkerung ausbeuten)

  3. Hoffen wir das dieses Beispiel Schule macht und es weiter bergauf geht.
    Starthilfe gefolgt von größtmöglicher Selbstverantwortung und so wenig Bürokratie wie möglich. Gerade den Menschen das Gefühl zu geben etwas eigenes zu schaffen ist so wichtig. Wenn man ständig die eigene Abhängigkeit vor Augen geführt bekommt kann sowas wie Entwicklungshilfe nicht funktionieren.

    Und hoffen wir, dass sich Internationale Firmen aus dem Land raushalten oder sich weiter zurückziehen (siehe weiße Großfarmer die die Bevölkerung ausbeuten)

  4. Solche Projekte geben Hoffnung solang die politischen Vrthältnisse stabil sing und die Bereicherung der politischen Elite sich im Rahmen hält

  5. Nicht ganz neu:

    http://freigeldpraktiker....

    Aber es ist absolut erstaunlich was passiert wenn man den Leuten einfach nur soviel Geld gibt, das sie wieder anfangen können selbst zu denken, da braucht man den Leuten nichts vor zu denken und es entwickelt sich von ganz unten. Stellen wir uns einfach mal vor wir würden das was unsere Bundeswehr verbraucht oder nur 10%, vor Ort als ein Grundeinkommen ausreichen - dann sind wir die Sieger!

    So nun schaut mal von der Zeit dort vorbei, das sind nämlich die Nachrichten, die wir auch mögen!

  6. Ich finde dieses Projekt auch eine gute Sache. Denn ein ganzheitliches Konzept ist wohl der einzige Weg um einen positiven Anstoß zu geben, der ein selbstständiges Weiterführen des Projektes ermöglicht.
    Jedoch glaube ich auch wie der Autor des Artikels dass es immer stark auf den Willen der Betroffenen ankommt, und auch darauf, dass sie das ganze Projekt als ihr eigenes verstehen. Deshalb ist es auch lobenswert, dass das Team aus Einheimischen besteht, die ohnehin die Probleme ihrer Region/ ihres Landes besser verstehen als ein Ausländer.

    • marxo
    • 22.09.2010 um 16:34 Uhr

    Bei der Elegie auf die schlechte Entwicklungshilfe wird vernachlässigt, dass Deutschland seinen Big-Push hatte (den Marshall-Plan) ebenso die asiatischen Staaten, allen voran Südkorea. Dort wurde gezielt Industrie aufgebaut. In Afrika ging das Geld an korrupte Diktatoren, die Rohstoffe verschenkten. Das heute der Entwicklungshilfe vorzuwerfen, ist zynisch. Vieles lief falsch und insbesondere missionarische Projekte nerven. Aber was die staatlichen "Hilfen" angerichtet haben steht in völliger Diskrepanz zu den lokalen Erfolgen der NGOs.
    Der holistische Big-Push Ansatz ist sehr sympathisch: Es entsteht keine Abhängigkeitsmentalität. Und in der Tat sind es die komplexen Produktionsketten die Fortschritte häufig scheitern lassen. Die Tomatenernte kann noch so toll sein: Wenn die Straßen kaputt sind wird alles auf den LKWs verrotten. Und wenn die Regierung Geld drucken lässt oder eine Tomatensteuer erhebt, ist der Fortschritt auch perdu.

  7. Ich finde die Idee der Milleniumsdörfer prinzipiell auch sehr gut. Wie die Vorredner betonen, bedarf es eines ganzheitlichen Ansatzes, Geberharmonisierung, Hilfe zur Selbsthilfe, 'Ownership'. Alles nette Schlagwörter, die in der Realität viel zu wenig umgesetzt werden.
    Allerdings muss man auch beachten, dass die Milleniumsdörfer Milliarden an Investitionen kosten! Für mich stellt sich die Frage, wie sinnvoll diese sind, wenn sie nur einem kleinen Teil (Projektgemeinden) eines jeweiligen Landes zugute kommen. Ob dies nicht mittelfristig soziale Unruhen schürt, wenn andere Dörfer oder Ressourcennutzer, bspw. mobile Völker (Pastoralisten) auf der Strecke bleiben. Im Artikel klingt nur unterschwellig an, dass es bereits Neider gibt (Nyau-Männer) und dass die Infrastruktur ohne gezielte Weiterzahlungen zusammenbrechen würde.
    Essenziell bleibt es also, einen lokalen Markt aufzubauen, Menschen auszubilden (was passiert, wenn neu geteerte Straßen Schlaglöcher bekommen, wenn der Brunnen nicht mehr funktioniert etc.- und es an qualifizierten Fachkräften fehlt?). Was muss man ändern, damit Fachkräfte im Land bleiben? wie können Produkte nicht nur regional, sondern landesweit vertrieben werden? Wie kann man die Strukturen aufbrechen, die verhindern, dass Kleinbauern sich auf dem Weltmarkt behaupten können? Ein punktueller Geldüberschuss ist nicht die Lösung.

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