Ethnotourismus Halb so wild

Sie tragen Trachten, sie schwingen Speere – Einheimische werden für Ethnotouristen zu Selbstdarstellern. Ist das schlimm?

Man kennt die Bilder: Tourist, kurze Hosen, Rucksack, Kamera vorm Bauch. Daneben ein Einheimischer: nackt, körperbemalt, speerschwingend. Meist gehört er einer Minderheit an, die in einem Rückzugsgebiet siedelt, im Regenwald, im Gebirge, in der Wüste oder auf einer Insel oder in einer anderen Gegend, die politisch und ökonomisch wenig in die Gesellschaft des Reiselandes integriert ist. Nur Exotisches darf es sein im Ethnotourismus. Jäger und Sammler sind besonders beliebt, aber auch Ackerbauern, die winzige Felder mit dem Hakenpflug und ohne Kunstdünger beackern, oder Viehzüchter, wobei sich Nomaden beim Ethnotourismus eines besonderen Nimbus erfreuen.

Es sind kleine Spezialveranstalter, die die Marke Ethno verkaufen, und die Kunden sind betucht, gebildet und nicht mehr ganz jung. Sie reisen individuell oder in Kleingruppen, zu Fuß, auf Eseln, Fahrrädern, in Geländefahrzeugen, Kleinbussen, je nach Zielgruppe, Alter, Geschmack, Geldbeutel und Straßenverhältnissen. Bevorzugte Destinationen sind Massai (Kenia, Tansania), Tuareg (Sahel und Sahara), Dogon (Mali), Pygmäen (politisch korrekt: Baka, Kamerun), San (Namibia, Botswana), Dayak (Borneo), Papua, Toraja auf Sulawesi/Indonesien, Inuit (Kanada, Grönland), sogenannte Hilltribes, wie die Minderheiten in Festland-Südostasien genannt werden. Grundsätzlich gilt: je unbequemer die Reise, umso teurer.

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Der Ethnotourismus lebt von der Illusion, ganz nah ranzukommen an den Alltag des Reiselandes. Er bietet seinen Kunden keine konfektionierte Ferienwelt, die Annehmlichkeiten der westlichen Zivilisation in die Fremde exportiert hat, sondern das Versprechen einer interkulturellen Begegnung. Doch in Wahrheit ist der Graben zwischen den Bereisten und den Reisenden hier noch tiefer als in einem klimatisierten Ressort in der Dominikanischen Republik. Missverständnisse sind geradezu vorprogrammiert. Das fängt schon damit an, dass auch der Ethnotourismus sich die Welt gern schönguckt.

Bei den Dogon in Mali gehört ein Besuch im Menstruationshaus dazu

So haben keineswegs alle indigenen Gesellschaften die Aussicht, zum Zielgebiet zu werden. Ihre Eigenständigkeit muss sichtbar und fotografierbar sein, sie soll fremd, aber auf keinen Fall befremdlich wirken. Fischerdörfer sind wegen der Gerüche weniger geeignet. Auch sollen die bereisten Gemeinschaften ihre Ehen nicht arrangieren und ihre Töchter nicht beschneiden. Ferner möchten Ethnotouristen keine Wellbleche auf den Häusern sehen, keinen Schmutz, keinen Müll. Die Reisenden bedauern, dass die Menschen in diesen Dörfern keine medizinische Versorgung haben. Und dass die Kinder nicht zur Schule gehen, ist ein Skandal. Praktisch wäre es, wenn einer von ihnen zumindest Englisch spräche. Er könnte erzählen, wie schön es ist, arm, aber glücklich zu sein. Von Sozialromantik zum Sozialkitsch ist nur ein kleiner Schritt.

Stunde um Stunde hockt der Wohlstandsgelangweilte, Zivilisationsverdrossene, aber noch immer Bildungsbeflissene im Flugzeug, dann im Auto, im Boot oder auf Kamelrücken, schleppt sich schwitzend noch die letzte Etappe zu Fuß, und die neuen Schuhe vom Spezialausrüster machen Blasen. Und wer solche Strapazen auf sich nimmt, wer so viel Geld und Zeit investiert, bekommt auch etwas geboten. Im Dogongebiet in Mali gehört der Besuch eines Menstruationshauses zum Besichtigungsprogramm, im Norden Kameruns führt die Tour ins Geburtshaus, wo Frauen sich nach dem Gebären ausruhen. Bleibt die Frage: Warum reisen die Reichen zu den Ärmsten der Armen?

Geistesgeschichtlich finden sich Wurzeln, Vorläufer und Parallelen ethnotouristischen Verlangens im alttestamentarischen Garten Eden, in den hellenistischen elysischen Gefilden, in christlichen Himmelsvorstellungen. Des Weiteren führen die Konzepte über die Aufklärung und das 18. Jahrhundert zu Rousseau und der ihm zugeschriebenen Maxime Zurück zur Natur und zum edlen Wilden, bis hin zur Ideenwelt der Romantik, die den Orient entdeckte. Über die Verklärungen von Reiseschriftstellern wie Pierre Loti landet man schließlich bei Karl May und anderen begnadeten Schönfärbern und Rosasehern.

Der bulgarisch-französische Soziologe Tzvetan Todorov und der Schweizer Ethnologe und Psychoanalytiker Mario Erdheim haben den Exotismus als Suche nach Harmonie zwischen Natur und Kultur beschrieben, nach dem, was im eigenen Leben verloren gegangen ist, eine unbestimmte, auch unbewusste Sehnsucht nach dem Einfachen. Damit verbunden ist wohl auch eine Vorstellung davon, dass es dort all das nicht gibt, was in westlichen Kulturen als negativ empfunden wird, Hektik, Stress, Druck, Materialismus, Geldgier, Konkurrenz, Kompliziertheit.

Leser-Kommentare
  1. Der Artikel erinnert mich fatal an die "Piefke Saga" von Felix Mitterer.

    • Timo K
    • 25.09.2010 um 2:22 Uhr

    Aber jetzt werde ich auch brav den Rest lesen.

    • Hainuo
    • 25.09.2010 um 4:05 Uhr

    Ich bin ganz begeistert!

  2. Durch die freiwillige Annahme einer Tourismusbespasserrolle schaffen es einige Gemeinschaften, die die "seinem scheinbar verderblichen Einfluss" wiederstehen, den wirtschaftlichen Aufstieg.

    Damit soll jetzt Ethnotourismus entschuldigt werden?

    Was, weil durch mangelndes commitment nicht länger aktiv reproduziert, verschwindet und ist weg, egal ob irgendjemand noch versucht es als Kulisse aufrecht zu erhalten.

    Wo westliche, und leider gerade die ach so gebildeten und interessierten hinfahren muss:
    - warmes Wasser zur Verfügung gestellt werden
    - abwechslungsreiches (und damit für manche Gegenden erstaunlich unpassendes) Essen erreichbar sein
    - englisch gesprochen werden (das wenigstens spricht die Autorin an)

    summa sumarum also ein völlig ungerechtfertigter Aufwand getrieben werden.

    Lieber Zuhause bleiben

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich denke man muss das ganze Thema von zwei konträren Seiten sehen.
    Ich stimme Ihnen natürlich vollkommen zu, dass es wirklich grenzwertig ist. Zum einen wollen die westlichen Touristen auf ihren normalen Lebenskomfort nicht verzichten, andererseits wollen sie die zum Teil sehr bescheidenen Lebensverhältnisse der indigenen Bevölkerung "erleben". Eigentlich kann man da nur den Kopf schütteln, zumal diese Leute wissen müssten, dass für sie größtenteils nur noch Kulissen aufgebaut werden und dies meist nichts mehr mit der wirklichen Lebensrealität dieser Menschen zu tun hat.

    Andererseits hat die Bevölkerung Einnahmen, die sie zum Teil fürs Überleben brauchen, oder auch einfach nur dafür um selbst zumindest ein wenig ihren Lebensstandard zu verbessern - natürlich auf einem anderen Niveau als wir es gewöhnt sind. Ich werde ab Januar für ein halbes Jahr in Namibia bei einem Projekt mitarbeiten, bei dem die Menschen in diesem Dorf sich ebenfalls durch Schnitzereien ein Zubrot verdienen. Natürlich haben diese auch nicht mehr viel mit ihrem Alltag zu tun, da sie in der Landwirtschaft arbeiten. Allerdings ist es für sie natürlich nur positiv etwas mehr zu haben als nur ihre Feldfrüchte und deren Erlös.

    Ich selbst weiß absolut nicht wie ich bzw. man zu diesem Thema stehen sollte. Ich kann beide Seiten irgendwo nachvollziehen.

    An westlichen Maßstäben orientierte Entwicklung, d.h. Übergang von Subsistenzwirtschaft hin zu einer wie auch immer gearteten Spielart des Kapitalismus ist auf erhöhten Ressourcenverbrauch soziale Differenzierung angewiesen. (Und d.h. Reichtum und Armut werden extremer)
    Und damit soll nicht gesagt werden, dass das Streben nach einem "westlichen" Leben schlecht ist. Der Wunsch nach materieller Sicherheit wie sie unsere Gesellschaft verspricht ist absolut nachvollziehbar.

    Aber vielleicht kann man, wenn man die Perspektive etwas größer wählt, verstehen, dass der Wunsch nach Bildung und Teilhabe an westlichem Reichtum nicht nur berechtigt ist, sondern die Einforderung eines legitimen Anrechts.

    Und sich, wenn wir Verantwortung ernst nehmen würden, nicht durch öffentliche Zuschaustellung 'verdient' werden muss.

    Ich denke man muss das ganze Thema von zwei konträren Seiten sehen.
    Ich stimme Ihnen natürlich vollkommen zu, dass es wirklich grenzwertig ist. Zum einen wollen die westlichen Touristen auf ihren normalen Lebenskomfort nicht verzichten, andererseits wollen sie die zum Teil sehr bescheidenen Lebensverhältnisse der indigenen Bevölkerung "erleben". Eigentlich kann man da nur den Kopf schütteln, zumal diese Leute wissen müssten, dass für sie größtenteils nur noch Kulissen aufgebaut werden und dies meist nichts mehr mit der wirklichen Lebensrealität dieser Menschen zu tun hat.

    Andererseits hat die Bevölkerung Einnahmen, die sie zum Teil fürs Überleben brauchen, oder auch einfach nur dafür um selbst zumindest ein wenig ihren Lebensstandard zu verbessern - natürlich auf einem anderen Niveau als wir es gewöhnt sind. Ich werde ab Januar für ein halbes Jahr in Namibia bei einem Projekt mitarbeiten, bei dem die Menschen in diesem Dorf sich ebenfalls durch Schnitzereien ein Zubrot verdienen. Natürlich haben diese auch nicht mehr viel mit ihrem Alltag zu tun, da sie in der Landwirtschaft arbeiten. Allerdings ist es für sie natürlich nur positiv etwas mehr zu haben als nur ihre Feldfrüchte und deren Erlös.

    Ich selbst weiß absolut nicht wie ich bzw. man zu diesem Thema stehen sollte. Ich kann beide Seiten irgendwo nachvollziehen.

    An westlichen Maßstäben orientierte Entwicklung, d.h. Übergang von Subsistenzwirtschaft hin zu einer wie auch immer gearteten Spielart des Kapitalismus ist auf erhöhten Ressourcenverbrauch soziale Differenzierung angewiesen. (Und d.h. Reichtum und Armut werden extremer)
    Und damit soll nicht gesagt werden, dass das Streben nach einem "westlichen" Leben schlecht ist. Der Wunsch nach materieller Sicherheit wie sie unsere Gesellschaft verspricht ist absolut nachvollziehbar.

    Aber vielleicht kann man, wenn man die Perspektive etwas größer wählt, verstehen, dass der Wunsch nach Bildung und Teilhabe an westlichem Reichtum nicht nur berechtigt ist, sondern die Einforderung eines legitimen Anrechts.

    Und sich, wenn wir Verantwortung ernst nehmen würden, nicht durch öffentliche Zuschaustellung 'verdient' werden muss.

  3. ...von Angebot und Nachfrage schert sich nicht um die gehandelte Ware. Hier ist es Ethnokitsch und eine Authentizität, die sich mit ihrem Verkauf abschafft, dabei aber zur Verbesserung der Lebensumstände der Kitschhändler beiträgt. Schlechter als Popmusik, Hollywoodkino, Trivialliteratur oder auch der alternative Urlaub in der Clubanlage am Strand ist das garantiert nicht - zumindest solange nicht, wie die Touristen auf der "Echtheit" von Lebensumständen bestehen, die deutlich schlechter als die eigenen sind, und das letztlich allein, weil es kurioser, unterhaltsamer ist.

  4. deren farbenprächtige Theokratie als wahre Lebensform während der chinesischen olympischen Sommerspiele weltweit von Menschen gehypet wurde, die nicht in Theorkratien oder anderen Gottestaaten lebten.

    Andererseits hat der Ethnokult bei uns ja jahrundertealte Tradition. Auf der einen Seite haben wir westwärts schlachtend den amerikanischen Kontinent "besiedelt", andererseits in Cowboy-und-Indianer-Spiele das romantisiert, was wir abgeschafft haben.

    Für industriellen Ethokult reicht natürlich der Kick mit den Indianern schon lange nicht mehr. Der Wohlstandsbürger gibt sich nicht Disney zufrieden. Dem alternden Beamten muss bei Studiosus neben den fünf Sternen schon etwas mehr geboten werden.

  5. Ich denke man muss das ganze Thema von zwei konträren Seiten sehen.
    Ich stimme Ihnen natürlich vollkommen zu, dass es wirklich grenzwertig ist. Zum einen wollen die westlichen Touristen auf ihren normalen Lebenskomfort nicht verzichten, andererseits wollen sie die zum Teil sehr bescheidenen Lebensverhältnisse der indigenen Bevölkerung "erleben". Eigentlich kann man da nur den Kopf schütteln, zumal diese Leute wissen müssten, dass für sie größtenteils nur noch Kulissen aufgebaut werden und dies meist nichts mehr mit der wirklichen Lebensrealität dieser Menschen zu tun hat.

    Andererseits hat die Bevölkerung Einnahmen, die sie zum Teil fürs Überleben brauchen, oder auch einfach nur dafür um selbst zumindest ein wenig ihren Lebensstandard zu verbessern - natürlich auf einem anderen Niveau als wir es gewöhnt sind. Ich werde ab Januar für ein halbes Jahr in Namibia bei einem Projekt mitarbeiten, bei dem die Menschen in diesem Dorf sich ebenfalls durch Schnitzereien ein Zubrot verdienen. Natürlich haben diese auch nicht mehr viel mit ihrem Alltag zu tun, da sie in der Landwirtschaft arbeiten. Allerdings ist es für sie natürlich nur positiv etwas mehr zu haben als nur ihre Feldfrüchte und deren Erlös.

    Ich selbst weiß absolut nicht wie ich bzw. man zu diesem Thema stehen sollte. Ich kann beide Seiten irgendwo nachvollziehen.

    • Delfin
    • 25.09.2010 um 19:24 Uhr

    das erinnert mich an ein Strandhotel in Mombasa.Abends wurde " Folklore "angeboten. Stand zufällig vor dem Hotel, als die Truppe auf Mopeds ankam. Alles Studenten.Von Mathematik bis Biologie war alles dabei. Man zog sich um ( aus ) junge Damen zeigten ausser Baströckchen auch nackten Busen. Nach der Vorstellung zog man sich wieder an um zum nächsten Hotel zu fahren. Das war was Ethnotourismus anbelangt ein Schlüsselerlebnis für mich vorallem, da bei einer Rundreise noch mehrmals " echtes Dorfleben " gezeigt wurde.

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