EthnotourismusHalb so wildSeite 2/3

Aber in afrikanischen Dörfern, selbst wenn sie idyllisch aussehen, herrschen Armut, Krankheiten wie Malaria, Analphabetismus, hohe Kindersterblichkeit, niedrige Lebenserwartung. Es herrschen Zustände, die moderne Industriegesellschaften überwunden haben, und kaum ein Ethnotourist würde bei ernsthafter Betrachtung so leben wollen. Und diese Zustände sind auch der Grund dafür, dass die Jugend unbedingt weg will, dass ganze Dörfer ihr Erspartes zusammenlegen, um Einzelnen die Reise zu ermöglichen, die unter Einsatz des Lebens manchmal zu Fuß durch die Wüste und dann im Boot durch das Mittelmeer nach Europa führt, dorthin, wo sie sich das Paradies denken.

So gesehen, ist das ethnotouristische Verlangen paradox, wenn nicht zynisch, besonders in Westafrika, denn hier führen die organisierten Reisen in dieselben Dörfer, aus denen die jungen Leute abwandern, weil sie keine Zukunft sehen und wohl auch keine haben. Oder bietet ihnen der Tourismus vielleicht eine Perspektive, können die Dörfer möglicherweise Exotik, Idylle und einfaches Leben vermarkten? Und was bedeutet das für ihre kulturelle Eigenständigkeit?

Während der achtziger und frühen neunziger Jahren war die Ethnotourismusdebatte geprägt von der Angst, dass die indigenen Kulturen bedroht sind, dass sie, so hieß das damals, »verdorben« werden. Inzwischen hat die Forschung herausgefunden, dass die homogenisierende Kraft des Tourismus und all seiner Begleiterscheinungen bei Weitem überschätzt wurde.

So manche Gemeinschaft von Bereisten ist im Stande, zwar den Tourismus zu nutzen, aber seinem scheinbar verderblichen Einfluss beträchtlichen Widerstand entgegenzusetzen – etwa die Dogon in Mali. Sie trotzen mit erstaunlicher Beharrlichkeit seit Jahrhunderten dem Vordringen des Islams und widersetzten sich von 1892 an der französischen Kolonialmacht. Sie haben Invasionen von Anthropologen und Filmemachern überstanden. Sie sind auch den Touristen gewachsen, nehmen deren Geld, lachen und ignorieren sie. Ähnliches gilt zumindest für einige Massai-Gruppen, für Tuareg in manchen Regionen.

Die Alltagsgegenstände der Bereisten werden zu Souvenirs des Ethnotourismus. Ganze Dörfer in Afrika leben mittlerweile von der seriellen Produktion dessen, was in der Ethnologie Ethnografika genannt wird. Inzwischen findet man in abgelegenen Berber-Siedlungen im Hohen Atlas Tücher aus China (Viskose, die sich als Paschmina oder Seide gebärdet), ebenso im Dogonland.

Kolumbus war unser erster Tourist, sagen die indigenen Völker Nordamerikas

Der viel kritisierte Tourismus bringt nicht nur Geld, er bringt auch Anerkennung, und vielerorts entstanden neue Formen der Identität. Minderheiten machten erstmals im Laufe ihrer Geschichte die Erfahrung, dass ihre Lebensweise nicht geschmäht, sondern bewundert wird, was ihnen Stolz und ein neues Selbstbewusstsein verlieh. Das gilt für afroamerikanische Kultur auf Karibik-Inseln ebenso wie für einige afrikanische Regionen, so auch in Ghana, wo Festivals bedroht waren, ehe sie durch touristischen Bedarf wiederbelebt wurden, etwa das jährliche Großereignis Fetu Afahye in Cape Coast. Heute sind die Ghanaer sehr stolz auf ihr kulturelles Erbe, nachzulesen in Edward Bruners 2005 erschienenem Culture on Tour.

Andere wollen sich selbst modernisieren, sind immer weniger interessiert an traditioneller Lebensweise. Sie wollen trinkbares Wasser, Schulen und Krankenhäuser, Kühlschränke und Fernseher, Mobiltelefone und MP3-Geräte. Da der technische Fortschritt dem Ethnotourismus nicht förderlich ist, werden alte Kulissen liebevoll erhalten oder neue geschaffen. Hauptberufliche Akteure inszenieren darin ihre Auftritte. So war es in Tirol, so ist es bei den Berbern Südmarokkos, so wird es sein in südostasiatischen Berglandgebieten: Die Exoten werden zu Händlern des Exotismus. Der Ethnotourist mag beklagen, dass dabei das für ihn Authentische verloren geht, für diese Gemeinschaften die beste Möglichkeit, sich in der Moderne zu behaupten.

Leserkommentare
  1. Der Artikel erinnert mich fatal an die "Piefke Saga" von Felix Mitterer.

    • Timo K
    • 25.09.2010 um 2:22 Uhr

    Aber jetzt werde ich auch brav den Rest lesen.

    • Hainuo
    • 25.09.2010 um 4:05 Uhr

    Ich bin ganz begeistert!

  2. Durch die freiwillige Annahme einer Tourismusbespasserrolle schaffen es einige Gemeinschaften, die die "seinem scheinbar verderblichen Einfluss" wiederstehen, den wirtschaftlichen Aufstieg.

    Damit soll jetzt Ethnotourismus entschuldigt werden?

    Was, weil durch mangelndes commitment nicht länger aktiv reproduziert, verschwindet und ist weg, egal ob irgendjemand noch versucht es als Kulisse aufrecht zu erhalten.

    Wo westliche, und leider gerade die ach so gebildeten und interessierten hinfahren muss:
    - warmes Wasser zur Verfügung gestellt werden
    - abwechslungsreiches (und damit für manche Gegenden erstaunlich unpassendes) Essen erreichbar sein
    - englisch gesprochen werden (das wenigstens spricht die Autorin an)

    summa sumarum also ein völlig ungerechtfertigter Aufwand getrieben werden.

    Lieber Zuhause bleiben

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Ich denke man muss das ganze Thema von zwei konträren Seiten sehen.
    Ich stimme Ihnen natürlich vollkommen zu, dass es wirklich grenzwertig ist. Zum einen wollen die westlichen Touristen auf ihren normalen Lebenskomfort nicht verzichten, andererseits wollen sie die zum Teil sehr bescheidenen Lebensverhältnisse der indigenen Bevölkerung "erleben". Eigentlich kann man da nur den Kopf schütteln, zumal diese Leute wissen müssten, dass für sie größtenteils nur noch Kulissen aufgebaut werden und dies meist nichts mehr mit der wirklichen Lebensrealität dieser Menschen zu tun hat.

    Andererseits hat die Bevölkerung Einnahmen, die sie zum Teil fürs Überleben brauchen, oder auch einfach nur dafür um selbst zumindest ein wenig ihren Lebensstandard zu verbessern - natürlich auf einem anderen Niveau als wir es gewöhnt sind. Ich werde ab Januar für ein halbes Jahr in Namibia bei einem Projekt mitarbeiten, bei dem die Menschen in diesem Dorf sich ebenfalls durch Schnitzereien ein Zubrot verdienen. Natürlich haben diese auch nicht mehr viel mit ihrem Alltag zu tun, da sie in der Landwirtschaft arbeiten. Allerdings ist es für sie natürlich nur positiv etwas mehr zu haben als nur ihre Feldfrüchte und deren Erlös.

    Ich selbst weiß absolut nicht wie ich bzw. man zu diesem Thema stehen sollte. Ich kann beide Seiten irgendwo nachvollziehen.

    An westlichen Maßstäben orientierte Entwicklung, d.h. Übergang von Subsistenzwirtschaft hin zu einer wie auch immer gearteten Spielart des Kapitalismus ist auf erhöhten Ressourcenverbrauch soziale Differenzierung angewiesen. (Und d.h. Reichtum und Armut werden extremer)
    Und damit soll nicht gesagt werden, dass das Streben nach einem "westlichen" Leben schlecht ist. Der Wunsch nach materieller Sicherheit wie sie unsere Gesellschaft verspricht ist absolut nachvollziehbar.

    Aber vielleicht kann man, wenn man die Perspektive etwas größer wählt, verstehen, dass der Wunsch nach Bildung und Teilhabe an westlichem Reichtum nicht nur berechtigt ist, sondern die Einforderung eines legitimen Anrechts.

    Und sich, wenn wir Verantwortung ernst nehmen würden, nicht durch öffentliche Zuschaustellung 'verdient' werden muss.

    Ich denke man muss das ganze Thema von zwei konträren Seiten sehen.
    Ich stimme Ihnen natürlich vollkommen zu, dass es wirklich grenzwertig ist. Zum einen wollen die westlichen Touristen auf ihren normalen Lebenskomfort nicht verzichten, andererseits wollen sie die zum Teil sehr bescheidenen Lebensverhältnisse der indigenen Bevölkerung "erleben". Eigentlich kann man da nur den Kopf schütteln, zumal diese Leute wissen müssten, dass für sie größtenteils nur noch Kulissen aufgebaut werden und dies meist nichts mehr mit der wirklichen Lebensrealität dieser Menschen zu tun hat.

    Andererseits hat die Bevölkerung Einnahmen, die sie zum Teil fürs Überleben brauchen, oder auch einfach nur dafür um selbst zumindest ein wenig ihren Lebensstandard zu verbessern - natürlich auf einem anderen Niveau als wir es gewöhnt sind. Ich werde ab Januar für ein halbes Jahr in Namibia bei einem Projekt mitarbeiten, bei dem die Menschen in diesem Dorf sich ebenfalls durch Schnitzereien ein Zubrot verdienen. Natürlich haben diese auch nicht mehr viel mit ihrem Alltag zu tun, da sie in der Landwirtschaft arbeiten. Allerdings ist es für sie natürlich nur positiv etwas mehr zu haben als nur ihre Feldfrüchte und deren Erlös.

    Ich selbst weiß absolut nicht wie ich bzw. man zu diesem Thema stehen sollte. Ich kann beide Seiten irgendwo nachvollziehen.

    An westlichen Maßstäben orientierte Entwicklung, d.h. Übergang von Subsistenzwirtschaft hin zu einer wie auch immer gearteten Spielart des Kapitalismus ist auf erhöhten Ressourcenverbrauch soziale Differenzierung angewiesen. (Und d.h. Reichtum und Armut werden extremer)
    Und damit soll nicht gesagt werden, dass das Streben nach einem "westlichen" Leben schlecht ist. Der Wunsch nach materieller Sicherheit wie sie unsere Gesellschaft verspricht ist absolut nachvollziehbar.

    Aber vielleicht kann man, wenn man die Perspektive etwas größer wählt, verstehen, dass der Wunsch nach Bildung und Teilhabe an westlichem Reichtum nicht nur berechtigt ist, sondern die Einforderung eines legitimen Anrechts.

    Und sich, wenn wir Verantwortung ernst nehmen würden, nicht durch öffentliche Zuschaustellung 'verdient' werden muss.

  3. deren farbenprächtige Theokratie als wahre Lebensform während der chinesischen olympischen Sommerspiele weltweit von Menschen gehypet wurde, die nicht in Theorkratien oder anderen Gottestaaten lebten.

    Andererseits hat der Ethnokult bei uns ja jahrundertealte Tradition. Auf der einen Seite haben wir westwärts schlachtend den amerikanischen Kontinent "besiedelt", andererseits in Cowboy-und-Indianer-Spiele das romantisiert, was wir abgeschafft haben.

    Für industriellen Ethokult reicht natürlich der Kick mit den Indianern schon lange nicht mehr. Der Wohlstandsbürger gibt sich nicht Disney zufrieden. Dem alternden Beamten muss bei Studiosus neben den fünf Sternen schon etwas mehr geboten werden.

  4. Ich denke man muss das ganze Thema von zwei konträren Seiten sehen.
    Ich stimme Ihnen natürlich vollkommen zu, dass es wirklich grenzwertig ist. Zum einen wollen die westlichen Touristen auf ihren normalen Lebenskomfort nicht verzichten, andererseits wollen sie die zum Teil sehr bescheidenen Lebensverhältnisse der indigenen Bevölkerung "erleben". Eigentlich kann man da nur den Kopf schütteln, zumal diese Leute wissen müssten, dass für sie größtenteils nur noch Kulissen aufgebaut werden und dies meist nichts mehr mit der wirklichen Lebensrealität dieser Menschen zu tun hat.

    Andererseits hat die Bevölkerung Einnahmen, die sie zum Teil fürs Überleben brauchen, oder auch einfach nur dafür um selbst zumindest ein wenig ihren Lebensstandard zu verbessern - natürlich auf einem anderen Niveau als wir es gewöhnt sind. Ich werde ab Januar für ein halbes Jahr in Namibia bei einem Projekt mitarbeiten, bei dem die Menschen in diesem Dorf sich ebenfalls durch Schnitzereien ein Zubrot verdienen. Natürlich haben diese auch nicht mehr viel mit ihrem Alltag zu tun, da sie in der Landwirtschaft arbeiten. Allerdings ist es für sie natürlich nur positiv etwas mehr zu haben als nur ihre Feldfrüchte und deren Erlös.

    Ich selbst weiß absolut nicht wie ich bzw. man zu diesem Thema stehen sollte. Ich kann beide Seiten irgendwo nachvollziehen.

    • Delfin
    • 25.09.2010 um 19:24 Uhr

    das erinnert mich an ein Strandhotel in Mombasa.Abends wurde " Folklore "angeboten. Stand zufällig vor dem Hotel, als die Truppe auf Mopeds ankam. Alles Studenten.Von Mathematik bis Biologie war alles dabei. Man zog sich um ( aus ) junge Damen zeigten ausser Baströckchen auch nackten Busen. Nach der Vorstellung zog man sich wieder an um zum nächsten Hotel zu fahren. Das war was Ethnotourismus anbelangt ein Schlüsselerlebnis für mich vorallem, da bei einer Rundreise noch mehrmals " echtes Dorfleben " gezeigt wurde.

  5. An westlichen Maßstäben orientierte Entwicklung, d.h. Übergang von Subsistenzwirtschaft hin zu einer wie auch immer gearteten Spielart des Kapitalismus ist auf erhöhten Ressourcenverbrauch soziale Differenzierung angewiesen. (Und d.h. Reichtum und Armut werden extremer)
    Und damit soll nicht gesagt werden, dass das Streben nach einem "westlichen" Leben schlecht ist. Der Wunsch nach materieller Sicherheit wie sie unsere Gesellschaft verspricht ist absolut nachvollziehbar.

    Aber vielleicht kann man, wenn man die Perspektive etwas größer wählt, verstehen, dass der Wunsch nach Bildung und Teilhabe an westlichem Reichtum nicht nur berechtigt ist, sondern die Einforderung eines legitimen Anrechts.

    Und sich, wenn wir Verantwortung ernst nehmen würden, nicht durch öffentliche Zuschaustellung 'verdient' werden muss.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service