Jetzt, vier Monate nach den verlorenen Wahlen, dämmert der britischen Linken das ganze Ausmaß ihrer Ohnmacht. Unmittelbar nach der Niederlage, im Mai, hatten die aus ihren Ressorts gepurzelten Minister noch vor allem um ihre schönen Limousinen und ihre abendlichen Fernsehauftritte getrauert. Nach dreizehn Jahren an der Regierung fiel es ihnen schwer, im Palast von Westminster die Arbeitsräume für die Loyale Opposition Ihrer Majestät zu finden – und sich an ihren neuen parlamentarischen Schrumpf-Status zu gewöhnen.

Den Sommer über hat man bei Labour versucht, den Schrecken zu verarbeiten, man unterhielt sich über mögliche Ursachen des Machtverlustes und inspizierte Kandidaten für den künftigen Vorsitz. Einige Labour-Leute fanden die Koalition der Liberaldemokraten mit den Konservativen derart undenkbar, dass sie glaubten, man müsse nur ein Weilchen warten, und das Bündnis würde wieder auseinanderfallen. Andere trösteten sich mit der Hoffnung, dass der Beginn der Kürzungen, des "Kahlschlags" durch Tory-Finanzminister George Osborne, der eigenen Partei frustrierte Liberale und verlorene Wählersympathien rasch wieder zuführen würde. Die Nachdenklicheren, wie Ex-Außenminister David Miliband, warnten vor einer derartigen "gefährlichen Selbsttäuschung". Weder dürfe man mit dem baldigen Kollaps der Regierungskoalition rechnen, sagte Miliband, noch mit einer automatischen Rückkehr der Wähler ins Labour-Lager.

Auf ihrem Parteitag in Manchester, der am 25. September beginnt, will sich die einzige verbliebene große Oppositionspartei nun endlich in neuer Kampfformation präsentieren. Auch der Name des neuen Parteichefs soll an diesem Tag verraten werden, derzeit stimmen Abgeordnete, Parteibasis und angeschlossene Gewerkschaften per Briefwahl über ihn ab.

Miliband hofft, dass es sein Name sein wird. Sein Name und sein Vorname, genau genommen.

Denn bei der Wahl des neuen Labour-Vorsitzenden hat sich eine kuriose Situation ergeben. Außer David Miliband und drei weiteren Kandidaten tritt ein Bewerber an, der dem ursprünglichen Favoriten besonders nahesteht – und ihm besonders gefährlich werden kann –, sein jüngerer Bruder Ed.

Dessen Kandidatur war vom großen Bruder nicht unbedingt erwartet worden. Vergangenes Jahr hatte David noch darauf vertraut, dass Ed für ihn das werden würde, was Bobby Kennedy einmal für JFK war: die rechte Hand, der Intimus an seiner Seite – mehr nicht. David, der Erstgeborene, war schließlich, als Herr über das Foreign Office, einer der ranghöchsten Minister der letzten Labour-Regierung. Er hatte Profil. Er wurde als "Erbe Blairs" und als natürlicher Nachfolger für Gordon Brown betrachtet. Dieselben Mäzene, die schon Tony und Gordon unterstützt hatten, stellten auch David großzügige Hilfe in Aussicht. Und Hillary Clinton fand den jungen Kollegen ausgesprochen reizend. Geradezu zum Anbeißen, wie sie ihren Bill einmal wissen ließ.