Es ist verlockend, komplizierte Dinge auf eine einfache Zahl zu bringen, vor allem in den Medien. Fernsehmacher messen ihren Erfolg an der Quote, Onlineredakteure schauen auf die Klickzahlen, Zeitungsmacher auf die Auflage. Ist die Zahl hoch, hat man gute Arbeit geleistet. Aber kann man diese Zahl mit Qualität gleichsetzen?

Für die über 100.000 wissenschaftlichen Zeitschriften auf der Welt gibt es auch so ein magisches Maß: den sogenannten Impact Factor. Er soll die Bedeutung eines Journals wiedergeben. Der Gedanke hinter diesem Faktor ist ein ähnlicher wie der hinter dem Reihenfolge der Google-Suchergebnisse: Wichtig ist, worauf sich viele andere beziehen. Bei Google stehen Webseiten oben, zu denen Links von vielen anderen Seiten führen, eine wissenschaftliche Zeitschrift bekommt einen hohen Impact Factor, wenn ihre Artikel häufig von Wissenschaftlern zitiert werden. Der Faktor gibt an, wie oft im vergangenen Jahr ein Artikel aus den beiden vorangegangenen Jahren durchschnittlich zitiert wurde.

Weil die Landschaft der akademischen Zeitschriften immer unübersichtlicher wird, ist der Impact Factor zu einer Art Standardwährung geworden. Forscher publizieren in Journals mit hohem Impact, um gelesen zu werden. Bibliothekare entscheiden anhand der Zahl, welche Zeitschriften sie abonnieren. Und der Impact Factor färbt von der Zeitschrift auf den Autor ab – bei Berufungen hat größere Chancen, wer in Journals mit hohem Faktor publiziert.

Das Schielen auf den Impact Factor treibt bisweilen absurde Blüten: Das International Journal of Algebra and Computation warb damit, dass sich sein Faktor von 0,414 im Jahr 2007 auf 0,421 im Jahr 2008 verbessert habe – »Glückwunsch an die Herausgeber und Autoren«! Rechnet man nach, bedeutet der Erfolg genau ein zusätzliches Zitat aus einem der 145 Artikel, die in den vergangenen zwei Jahren in der Zeitschrift erschienen.

So wie im Internet getrickst wird, um einen möglichst hohen Platz auf der Google-Trefferliste zu bekommen, so treiben manche Zeitschriftenherausgeber ihren Impact Factor künstlich in die Höhe. Einen besonders dreisten Fall hat nun der amerikanische Mathematiker Douglas Arnold, Präsident der Society for Industrial and Applied Mathematics (Siam) näher untersucht. Sein bisher unveröffentlichter Fachartikel liegt der ZEIT vor.

Mathematische Journals haben im Vergleich zu anderen Disziplinen einen eher niedrigen Impact Factor. Das liegt vor allem an der Beschränkung der Zitationsbeobachtung auf zwei Jahre – mathematische Wahrheiten sind langlebiger als etwa neue Verfahren in der Biomedizin, die Artikel werden auch noch nach vielen Jahren zitiert. In der angewandten Mathematik liegt der Faktor daher meist zwischen 0,5 und 3, keine Zeitschrift hat mehr als 4 – bis auf eine: das International Journal of Nonlinear Science and Numerical Simulations (IJNSNS) . Impact Factor 2008: 8,91! Doch nur wenige Mathematiker kennen das Blättchen, es wird in der Zunft als drittklassig eingeschätzt. Wie kam es zu diesem hohen Wert?

Arnold schaute genauer hin: Wer zitierte diese Zeitschrift im Jahr 2008? Die meisten Zitate kamen von Ji-Huan He , dem Herausgeber selbst. Am zweitfleißigsten war ein weiteres Mitglied des Herausgebergremiums. Und auf Platz drei ein Name, der ZEIT- Lesern nicht unbekannt ist: Mohamed El Naschie , der nicht nur Mitherausgeber des IJNSNS ist, sondern auch bis Ende 2008 die obskure Zeitschrift Chaos, Solitons & Fractals (CS&F) verantwortete . El Naschie verlor seinen Job, als er die Seiten seiner Zeitschrift mit wissenschaftlich fragwürdigen Artikeln aus eigener Feder füllte. Auch zitierte er mit Vorliebe seine eigenen Werke und trieb damit den Impact Factor von CS&F in die Höhe. Der Elsevier-Verlag trennte sich zwar im Unfrieden von seinem Herausgeber – mit dem Impact Factor von 3,315 bewirbt die Firma die Zeitschrift aber heute noch.