Joseph Beuys 1979 © Hans Dürrwald/dpa/lnw

Dieser Beuys ist beschissen. Wie Fransen hängen Schlieren aus Taubenkot über den Heiligenschein und das hölzerne Gesicht. Auf dem Boden ringsherum liegen schwarzbraune Kugeln aus undefinierbarem Material, Federn darunter, Halbverdautes, ein Stoff wie aus dem Beuys-Klischee-Bilderbuch: organisch, archaisch, ein bisschen eklig. Plötzlich ein Platsch. Aus dem Dachstuhl des romanischen Kirchturms ist etwas abgestürzt. Schelmisch blicken dunkle Augen in einem weißen Clownsgesicht auf den Besucher herab, ob er etwa getroffen wurde – eine Schleiereule kontrolliert den Gang ihrer Geschäfte. Auch die Kugeln sind ihr Werk: das Gewölle.

So sieht’s aus beim Ehrenmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege in Meerbusch-Büderich, der einzigen öffentlich zugänglichen Skulptur des Jahrhundertkünstlers Joseph Beuys. Na ja, halb öffentlich, ein schweres Gittertor verwehrt seit einiger Zeit den direkten Zugang zu der zwei mal drei Meter großen Holzfigur, jenem "Auferstehungssymbol", das Beuys als Mischung aus Gekreuzigtem und zum Himmel Fahrenden 1958 schuf. Zu oft wurde das an einer gewaltigen Kette baumelnde Trumm von Passanten als Schaukel zweckentfremdet, deshalb nun das Gitter. Doch der nette Herr Lutum freut sich, wenn jemand den Schlüssel zum Beuys bei ihm abholt, zehn Kilometer nördlich, bei der Bauaufsicht in Lank-Latum, Erdgeschoss rechts, Zimmer 145. Stolz erzählt der Beamte dann davon, wie Beuys nach Büderich kam, welchen Mut die Stadtväter bewiesen, den noch Unbekannten mit der heiklen Aufgabe zu betrauen, und wie der Künstler quasi als Zugabe noch die Namen der 222 Gefallenen mit einem Geißfuß in die ebenfalls von ihm gestalteten Holztüren des Turms hieb, zum Preis von einer Mark pro Buchstaben. Für den Schlüssel gibt Herr Lutum einen Umschlag mit, den man im Bürgerbüro nahe dem Mahnmal abgeben soll. Fachbereich 4-63 steht darauf, Denkmalpflege.

Ist das Beuys 2010, 24 Jahre nach seinem Tod – ein Fall für die Denkmalpflege? Ein mit Mühe erhaltenes Monument jener fernen Zeit, in der ein ganzes Land über Fettecken debattierte, der "erweiterte Kunstbegriff" mit seinem Schlachtruf "Jeder Mensch ein Künstler" zum Allgemeingut wurde und Kunst-Performances noch live im ZDF übertragen wurden? Mehrere Ausstellungen nehmen sich in diesem Herbst den Mythos wieder vor. Gibt es da noch etwas Neues zu entdecken?

Wo er aus Fischgräten Kunst machte, wird heute vietnamesisch schnell gekocht

Selbst die hartnäckigen Legenden, die wie bei keinem anderen Künstler unbezweifeltes Allgemeinwissen wurden, sind ja seit Jahren dekonstruiert. Zum Beispiel die, dass Tataren ihn, den im März 1944 auf der Krim abgestürzten und schwer verletzten Kampfflieger, aus dem Wrack seiner JU 87 zogen und zwei Wochen lang mithilfe von Fett und Filz am Leben hielten. Was das Volksverständnis seiner Werke so beflügelte, sah in Wahrheit ganz anders aus: Bereits einen Tag nach dem Absturz wurde der Funker und Bordschütze Beuys in ein deutsches Feldlazarett eingeliefert, und der einzige Tatare in der Gegend war der örtliche Tierarzt, der längst nicht mehr wie ein Nomade lebte. Auch stabilisierte fortan keine Metallplatte den vorgeblich zertrümmerten Künstlerschädel. Es blieb allein eine gewisse Empfindlichkeit wegen der irreparabel weggesengten Haare, wogegen der Filzhut gewiss half. Doch war der mindestens ebenso nützlich auf dem Weg zum Markenartikel, was sein Träger übrigens nie bestritt: "Wenn die Leute meinen Hut sehen, sagen sie: da kommt der Beuys."

Dass er, der Kunsterweiterer, Polit-Aktivist, Grünen-Mitbegründer seine Jahre in den NS-Jugendorganisationen und bei der Wehrmacht nie problematisierte, hat nach seinem Tod einige kritische Biografien befeuert. Freiwillig hatte sich Beuys zur Luftwaffe gemeldet, und noch bei seiner Bewerbung um eine Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie schrieb er 1961 selbstbewusst in seinen Lebenslauf: "Hier ist der allgemeine Ausdruck Sturzkampfflieger angebracht, da ich alle Sparten der Waffengattung durchgemacht habe; Funker ist falsch." Der Feldwebel B. schämte sich des Eisernen Kreuzes so wenig wie des goldenen Verwundetenabzeichens und besuchte regelmäßig Veteranentreffen seines Bombergeschwaders. Für seine Kritiker war er damit der ewige Hitlerjunge, dessen Erdverbundenheit, Schamanenkult, Vorliebe für nordische Sagen und Braunkreuze auf ungutem Grund gedeihen. Seine Anhänger dagegen sehen seine Obsession für Wunden, Fußwaschungen, Erlösungsfantasien ("Ich fühle mich nicht als Erlöser, aber ich möchte auf die Möglichkeit des Menschen aufmerksam machen, dass er sich jeweils selbst erlösen kann") sowie die Entwürfe für ein Auschwitz-Mahnmal als Stationen einer lebenslangen Wiedergutmachungstour. Irgendwo zwischen diesen Extremen ist Beuys, der Künstler, in den letzten Jahren verloren gegangen.