Joseph BeuysWas vom Schamanen übrig bleibt

Joseph Beuys ist der Künstler dieses Herbstes: Gleich drei Ausstellungen versuchen, sein Werk neu zu zeigen. Oder ist das alles Fett von gestern? Eine Spurensuche im Rheinland. von 

Joseph Beuys mit Hut

Joseph Beuys 1979  |  © Hans Dürrwald/dpa/lnw

Dieser Beuys ist beschissen. Wie Fransen hängen Schlieren aus Taubenkot über den Heiligenschein und das hölzerne Gesicht. Auf dem Boden ringsherum liegen schwarzbraune Kugeln aus undefinierbarem Material, Federn darunter, Halbverdautes, ein Stoff wie aus dem Beuys-Klischee-Bilderbuch: organisch, archaisch, ein bisschen eklig. Plötzlich ein Platsch. Aus dem Dachstuhl des romanischen Kirchturms ist etwas abgestürzt. Schelmisch blicken dunkle Augen in einem weißen Clownsgesicht auf den Besucher herab, ob er etwa getroffen wurde – eine Schleiereule kontrolliert den Gang ihrer Geschäfte. Auch die Kugeln sind ihr Werk: das Gewölle.

So sieht’s aus beim Ehrenmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege in Meerbusch-Büderich, der einzigen öffentlich zugänglichen Skulptur des Jahrhundertkünstlers Joseph Beuys. Na ja, halb öffentlich, ein schweres Gittertor verwehrt seit einiger Zeit den direkten Zugang zu der zwei mal drei Meter großen Holzfigur, jenem "Auferstehungssymbol", das Beuys als Mischung aus Gekreuzigtem und zum Himmel Fahrenden 1958 schuf. Zu oft wurde das an einer gewaltigen Kette baumelnde Trumm von Passanten als Schaukel zweckentfremdet, deshalb nun das Gitter. Doch der nette Herr Lutum freut sich, wenn jemand den Schlüssel zum Beuys bei ihm abholt, zehn Kilometer nördlich, bei der Bauaufsicht in Lank-Latum, Erdgeschoss rechts, Zimmer 145. Stolz erzählt der Beamte dann davon, wie Beuys nach Büderich kam, welchen Mut die Stadtväter bewiesen, den noch Unbekannten mit der heiklen Aufgabe zu betrauen, und wie der Künstler quasi als Zugabe noch die Namen der 222 Gefallenen mit einem Geißfuß in die ebenfalls von ihm gestalteten Holztüren des Turms hieb, zum Preis von einer Mark pro Buchstaben. Für den Schlüssel gibt Herr Lutum einen Umschlag mit, den man im Bürgerbüro nahe dem Mahnmal abgeben soll. Fachbereich 4-63 steht darauf, Denkmalpflege.

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Ausstellungen: »Energieplan«

»Energieplan«: Museum Schloss Moyland, bis 20. März 2011, www.moyland.de

»Parallelprozesse«

»Parallelprozesse«: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, bis 16. Januar 2011, www.kunstsammlung.de

»Neue Alchemie«

»Neue Alchemie. Kunst der Gegenwart nach Beuys«: Westfälisches Landesmuseum Münster, bis 16. Januar 2011, www.lwl.de

Ist das Beuys 2010, 24 Jahre nach seinem Tod – ein Fall für die Denkmalpflege? Ein mit Mühe erhaltenes Monument jener fernen Zeit, in der ein ganzes Land über Fettecken debattierte, der "erweiterte Kunstbegriff" mit seinem Schlachtruf "Jeder Mensch ein Künstler" zum Allgemeingut wurde und Kunst-Performances noch live im ZDF übertragen wurden? Mehrere Ausstellungen nehmen sich in diesem Herbst den Mythos wieder vor. Gibt es da noch etwas Neues zu entdecken?

Wo er aus Fischgräten Kunst machte, wird heute vietnamesisch schnell gekocht

Selbst die hartnäckigen Legenden, die wie bei keinem anderen Künstler unbezweifeltes Allgemeinwissen wurden, sind ja seit Jahren dekonstruiert. Zum Beispiel die, dass Tataren ihn, den im März 1944 auf der Krim abgestürzten und schwer verletzten Kampfflieger, aus dem Wrack seiner JU 87 zogen und zwei Wochen lang mithilfe von Fett und Filz am Leben hielten. Was das Volksverständnis seiner Werke so beflügelte, sah in Wahrheit ganz anders aus: Bereits einen Tag nach dem Absturz wurde der Funker und Bordschütze Beuys in ein deutsches Feldlazarett eingeliefert, und der einzige Tatare in der Gegend war der örtliche Tierarzt, der längst nicht mehr wie ein Nomade lebte. Auch stabilisierte fortan keine Metallplatte den vorgeblich zertrümmerten Künstlerschädel. Es blieb allein eine gewisse Empfindlichkeit wegen der irreparabel weggesengten Haare, wogegen der Filzhut gewiss half. Doch war der mindestens ebenso nützlich auf dem Weg zum Markenartikel, was sein Träger übrigens nie bestritt: "Wenn die Leute meinen Hut sehen, sagen sie: da kommt der Beuys."

Dass er, der Kunsterweiterer, Polit-Aktivist, Grünen-Mitbegründer seine Jahre in den NS-Jugendorganisationen und bei der Wehrmacht nie problematisierte, hat nach seinem Tod einige kritische Biografien befeuert. Freiwillig hatte sich Beuys zur Luftwaffe gemeldet, und noch bei seiner Bewerbung um eine Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie schrieb er 1961 selbstbewusst in seinen Lebenslauf: "Hier ist der allgemeine Ausdruck Sturzkampfflieger angebracht, da ich alle Sparten der Waffengattung durchgemacht habe; Funker ist falsch." Der Feldwebel B. schämte sich des Eisernen Kreuzes so wenig wie des goldenen Verwundetenabzeichens und besuchte regelmäßig Veteranentreffen seines Bombergeschwaders. Für seine Kritiker war er damit der ewige Hitlerjunge, dessen Erdverbundenheit, Schamanenkult, Vorliebe für nordische Sagen und Braunkreuze auf ungutem Grund gedeihen. Seine Anhänger dagegen sehen seine Obsession für Wunden, Fußwaschungen, Erlösungsfantasien ("Ich fühle mich nicht als Erlöser, aber ich möchte auf die Möglichkeit des Menschen aufmerksam machen, dass er sich jeweils selbst erlösen kann") sowie die Entwürfe für ein Auschwitz-Mahnmal als Stationen einer lebenslangen Wiedergutmachungstour. Irgendwo zwischen diesen Extremen ist Beuys, der Künstler, in den letzten Jahren verloren gegangen.

Leserkommentare
  1. Vor 24 Jahren verstarb Joseph Beuys und blieb doch in der gesamten Kunstwelt so lebendig wie kaum ein anderer Künstler seiner Schaffensart, wenn man überhaupt irgendeinen anderen Künstler mit "use Jupp" vergleichen kann.
    Joseph Beuys schlug wie ein glühender Komet in das bis dahin eher triste Kulturleben der Bundesrepublik ein und die Funken stoben weltweit, um überall Brandspuren zu hinterlassen.

    Beuys großer Verdienst war sicherlich eine drastische Entkoppelung des traditionellen Kunstbegriffs von einer lahm und entfremdet gewordenen Kulturinzucht, indem er die Kunst aus dem Elfenbeinturm einer in elitärer Bürgerlichkeit gefangenen Ghettoisierung herausgeholt hat.

    So wird es vielfach erklärt und der Nimbus Beuys, der sich aus Esoterik, Ökoradikalität, charismatischem Nonkonformismus und einer umstürzlerischen Destruktionslust speiste wurde zum Vorbild einer neuen Künstlergeneration, die aus den Wurzeln der 68er eine neue Dimension ästhetischer Allchemie entwickelten.
    Beuys, seine Förderer, seine Sammler, seine Studenten und seine Kommentatoren strickten die Legende weiter, die Joseph Beuys dereinst mit Witz, Frechheit und Chuzpe erfunden hatte.
    Sein Lebenswerk war revolutionär wichtig für die weitere Entwicklung der bildendenden Kunst, aber niemals so wichtig, als dass man Beuys und sein Werk, wie es oft geschehen ist, gottgleich anbetete. Heute werden andere virtuosere Künstler dieser Zeit zu Recht gefeiert und es wird Zeit das Phänomen Beuys zu entzaubern.

    W.Neisser

    • Mari o
    • 25. September 2010 23:17 Uhr

    Idee für ein Historical: Voltaire lässt sich von Beuys,dargestellt von Gert Voss, das Handbuch des deutschen Aberglaubens erläutern und vorführen.Friedrich spielt Flöte dabei.

    Mario Ddorf

    • hagego
    • 28. September 2010 1:05 Uhr

    Das Zauberhafte an Beuys waren nicht nur seine grafischen Zeichnungen, Gemälde oder Skulpturen, sondern mindestens ebenso seine dazu abgegebenen Statements. Joseph Beuys war im besten Sinne ein audio-visueller Künstler. Einer, der die Kunst als eine Erweiterung und letztendlich auch Bereicherung des Lebens ansah. Er selbst formulierte es noch strenger: Kunst und Leben seien voneinander nicht trennbar, sie bedingen einander geradezu. Das führte dann zu seinen Thesen des sog. "erweiterten Kunstbegriffs" und der "sozialen Plastik".

    Nicht nur der eigentliche Gegenstand, etwa eine Skulptur, sei wichtig, sondern auch der Fundus an Wissen und Erfahrung, der zu dieser Umsetzung geführt habe. Das Nachdenken müsse immer die direkte Vorarbeit des Malens oder Bildhauens sein.

    So sind seine Filz- und Fett-Arbeiten nicht zuletzt durch seine Erfahrungen während des Krieges und seiner in dieser Zeit durch einen Flugzeugabsturz erlittenen Verletzungen entstanden.

    Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt

  2. möchte ich noch etwas dazuschreiben, weil dieser liebenswerte Mensch auch mir immer noch sehr viel bedeutet und sogar mit der Zeit immer mehr und mehr. Das ist das spezifische an ihm und wenn man so will, "christusähnliche":Er war im Leben so lebendig, so "unendlich" offen, daß er immer wieder auferstehen kann!
    Ich habe ihn Anfang der 70er Jahre in der Aula der Hannoverschen Waldorfschule erlebt. Der riesige Saal war gerammelt voll und dementsprechen voller Agressionen gegen ihn und nur ein kleines Grüppchen von Sympatisanten. Ich glaube, die Leute fühlten sich durch die gesellschaftliche Dogmen durchbrechenden Worte von Beuys so, als ob ihnen plötzlich jemand den Stuhl unterm Hintern weggezogen hätte! Das war aber nicht die Absicht von Joseph Beuys - er wirkte sehr offen und freundlich und auf mich damals so,als ob er schon von irgendwo aus dem Weltall auf uns herunterspräche.Ich hatte bis dahin noch nie einen Menschen öffentlich in so großen Zeiträumen denken hören! Ab und zu drehte sich von vorn einer seiner Freunde zur aufgebracht johlenden Menge um, um sie zu bändigen etwa mit Worten wie :"Das könnt ihr dem Beuys doch aber jetzt nicht antun!

  3. durch die geballte Agressivität der Zuhörer so anstrengend gewesen, daß ich mich anschließend 2Wochen mit Grippe ins Bett legen mußte. Joseph Beuys war aber am nächsten Tag schon wieder ganz woanders bei einer Aktion auf der Straße gewesen. Ihn schien das garnicht tangiert zu haben. und das hatte man ihm auch angesehen. Die Agressionen glitten an ihm problemlos ab wie Wasser an Fett, könnte man sagen.er trank auf der Bühne nur ab und zu einen Schluck Wasser und irgendwann packte er auch sein Butterbrot auf der Bühne aus und begann, es zu essen. in das Gekreische der Menge hinein, lobte er es, hielt es etwas in die Höhe und sagte:schmeckt gut! Und es war mir damals, als ob er mich dabei angesehen hätte! Nur zu der anderntags angesetzten Fragestunde ist er halt nichtmehr erschienen und man erzählte mir, daß die Leute dann erst einmal dumm und ratlos rumgesessen hätten.Das Objekt ihrer Agressions-und Angriffslust war real und im Geiste schon wieder ganz woanders- einfach wieder hinweggeschwebt....

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