Joseph Beuys Was vom Schamanen übrig bleibt
Joseph Beuys ist der Künstler dieses Herbstes: Gleich drei Ausstellungen versuchen, sein Werk neu zu zeigen. Oder ist das alles Fett von gestern? Eine Spurensuche im Rheinland.
© Hans Dürrwald/dpa/lnw

Joseph Beuys 1979
Dieser Beuys ist beschissen. Wie Fransen hängen Schlieren aus Taubenkot über den Heiligenschein und das hölzerne Gesicht. Auf dem Boden ringsherum liegen schwarzbraune Kugeln aus undefinierbarem Material, Federn darunter, Halbverdautes, ein Stoff wie aus dem Beuys-Klischee-Bilderbuch: organisch, archaisch, ein bisschen eklig. Plötzlich ein Platsch. Aus dem Dachstuhl des romanischen Kirchturms ist etwas abgestürzt. Schelmisch blicken dunkle Augen in einem weißen Clownsgesicht auf den Besucher herab, ob er etwa getroffen wurde – eine Schleiereule kontrolliert den Gang ihrer Geschäfte. Auch die Kugeln sind ihr Werk: das Gewölle.
So sieht’s aus beim Ehrenmal für die Gefallenen der beiden Weltkriege in Meerbusch-Büderich, der einzigen öffentlich zugänglichen Skulptur des Jahrhundertkünstlers Joseph Beuys. Na ja, halb öffentlich, ein schweres Gittertor verwehrt seit einiger Zeit den direkten Zugang zu der zwei mal drei Meter großen Holzfigur, jenem "Auferstehungssymbol", das Beuys als Mischung aus Gekreuzigtem und zum Himmel Fahrenden 1958 schuf. Zu oft wurde das an einer gewaltigen Kette baumelnde Trumm von Passanten als Schaukel zweckentfremdet, deshalb nun das Gitter. Doch der nette Herr Lutum freut sich, wenn jemand den Schlüssel zum Beuys bei ihm abholt, zehn Kilometer nördlich, bei der Bauaufsicht in Lank-Latum, Erdgeschoss rechts, Zimmer 145. Stolz erzählt der Beamte dann davon, wie Beuys nach Büderich kam, welchen Mut die Stadtväter bewiesen, den noch Unbekannten mit der heiklen Aufgabe zu betrauen, und wie der Künstler quasi als Zugabe noch die Namen der 222 Gefallenen mit einem Geißfuß in die ebenfalls von ihm gestalteten Holztüren des Turms hieb, zum Preis von einer Mark pro Buchstaben. Für den Schlüssel gibt Herr Lutum einen Umschlag mit, den man im Bürgerbüro nahe dem Mahnmal abgeben soll. Fachbereich 4-63 steht darauf, Denkmalpflege.
- Ausstellungen: »Energieplan«
»Energieplan«: Museum Schloss Moyland, bis 20. März 2011, www.moyland.de
- »Parallelprozesse«
»Parallelprozesse«: Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen, bis 16. Januar 2011, www.kunstsammlung.de
- »Neue Alchemie«
»Neue Alchemie. Kunst der Gegenwart nach Beuys«: Westfälisches Landesmuseum Münster, bis 16. Januar 2011, www.lwl.de
Ist das Beuys 2010, 24 Jahre nach seinem Tod – ein Fall für die Denkmalpflege? Ein mit Mühe erhaltenes Monument jener fernen Zeit, in der ein ganzes Land über Fettecken debattierte, der "erweiterte Kunstbegriff" mit seinem Schlachtruf "Jeder Mensch ein Künstler" zum Allgemeingut wurde und Kunst-Performances noch live im ZDF übertragen wurden? Mehrere Ausstellungen nehmen sich in diesem Herbst den Mythos wieder vor. Gibt es da noch etwas Neues zu entdecken?
Wo er aus Fischgräten Kunst machte, wird heute vietnamesisch schnell gekocht
Selbst die hartnäckigen Legenden, die wie bei keinem anderen Künstler unbezweifeltes Allgemeinwissen wurden, sind ja seit Jahren dekonstruiert. Zum Beispiel die, dass Tataren ihn, den im März 1944 auf der Krim abgestürzten und schwer verletzten Kampfflieger, aus dem Wrack seiner JU 87 zogen und zwei Wochen lang mithilfe von Fett und Filz am Leben hielten. Was das Volksverständnis seiner Werke so beflügelte, sah in Wahrheit ganz anders aus: Bereits einen Tag nach dem Absturz wurde der Funker und Bordschütze Beuys in ein deutsches Feldlazarett eingeliefert, und der einzige Tatare in der Gegend war der örtliche Tierarzt, der längst nicht mehr wie ein Nomade lebte. Auch stabilisierte fortan keine Metallplatte den vorgeblich zertrümmerten Künstlerschädel. Es blieb allein eine gewisse Empfindlichkeit wegen der irreparabel weggesengten Haare, wogegen der Filzhut gewiss half. Doch war der mindestens ebenso nützlich auf dem Weg zum Markenartikel, was sein Träger übrigens nie bestritt: "Wenn die Leute meinen Hut sehen, sagen sie: da kommt der Beuys."
Dass er, der Kunsterweiterer, Polit-Aktivist, Grünen-Mitbegründer seine Jahre in den NS-Jugendorganisationen und bei der Wehrmacht nie problematisierte, hat nach seinem Tod einige kritische Biografien befeuert. Freiwillig hatte sich Beuys zur Luftwaffe gemeldet, und noch bei seiner Bewerbung um eine Professur an der Düsseldorfer Kunstakademie schrieb er 1961 selbstbewusst in seinen Lebenslauf: "Hier ist der allgemeine Ausdruck Sturzkampfflieger angebracht, da ich alle Sparten der Waffengattung durchgemacht habe; Funker ist falsch." Der Feldwebel B. schämte sich des Eisernen Kreuzes so wenig wie des goldenen Verwundetenabzeichens und besuchte regelmäßig Veteranentreffen seines Bombergeschwaders. Für seine Kritiker war er damit der ewige Hitlerjunge, dessen Erdverbundenheit, Schamanenkult, Vorliebe für nordische Sagen und Braunkreuze auf ungutem Grund gedeihen. Seine Anhänger dagegen sehen seine Obsession für Wunden, Fußwaschungen, Erlösungsfantasien ("Ich fühle mich nicht als Erlöser, aber ich möchte auf die Möglichkeit des Menschen aufmerksam machen, dass er sich jeweils selbst erlösen kann") sowie die Entwürfe für ein Auschwitz-Mahnmal als Stationen einer lebenslangen Wiedergutmachungstour. Irgendwo zwischen diesen Extremen ist Beuys, der Künstler, in den letzten Jahren verloren gegangen.
Wo steckt er, jenseits von Museen und den Regalmetern voller Fachliteratur? Die Suche beginnt in Düsseldorf, dem Zentrum seines Wirkens, wo er zunächst studierte (von 1946 bis 1954) und später gegen einige Widerstände zum Professor für monumentale Bildhauerei berufen wurde. An den langen Fluren der Kunstakademie reihen sich unverändert die Atelierräume der Dozenten und ihrer ausgewählten Studenten. Beuys hatte gegen dieses Meister-Schüler-Prinzip revoltiert, 1971 nahm er kurzerhand alle 142 abgewiesenen Bewerber in seine Klasse auf, besetzte im Semester darauf das Akademie-Sekretariat, ließ sich von der Polizei aus dem Weg räumen und bekam vom zuständigen Minister Johannes Rau die fristlose Kündigung, um die weitere sechs Jahre öffentlichkeitswirksam vor Gericht gestritten wurde. Den Studenten anno 2010 sind diese Kämpfe bloß noch Kunstgeschichte, Fett von gestern.
Auch an den anderen Düsseldorfer Kultstätten findet sich kaum mehr eine Spur von der internationalen Avantgarde und ihrem Schamanen mit dem Filzhut. In der ersten, nur 14 Quadratmeter großen Galerie Schmela, wo Beuys 1965 dem "toten Hasen die Bilder erklärt", stapelt heute die Kneipe The Mojo ihre Bierkisten. In den Räumen von Daniel Spoerris Eat-Art-Galerie, in der der Professor Schlangengurken dämpfte und "1a gebratene Fischgräten" mittels eines Zertifikats aus Pergament zum Kunstwerk adelte, wird vietnamesisch schnell gekocht. Ein paar Straßen weiter, wo seit 1970 das "Büro für direkte Demokratie" im Namen des Herrn B. Politik als Kunst und umgekehrt betrieb, bietet ein Laden namens Cebra "Objekte" feil, vor allem aus alten Fußbällen gefertigte Lampen, Taschen, Kleider. Nur ganz hinten, zwischen den Regalen voll Nippes-Nachschub, schimmert noch die Erinnerung an den Künstler, für den jedermann ein "Sonnenkönig" war: Leuchtend blau sind die Scheiben des Fensters zum Hof, ein Geschenk des Künstlerkollegen Yves Klein, das Beuys hier einsetzen ließ. Das Creamcheese schließlich, die Künstlerkneipe, in der Beuys seine Idee vom Denken als plastischem Vorgang in der Handaktion/Eckenaktion mit dem ganzen Körper demonstrierte, ist von einem sündteuren Schuhgeschäft verdrängt. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet in dem geleckten Laden fungiert als Türstopper ein metallener Hase, jenes "alchemistische Zeichen für Umwandlung", das nach Beuys’ Überzeugung "über alle Grenzen hinweggeht und sogar mit der Berliner Mauer fertig wird".
Da hat ihm die Geschichte Recht gegeben. Den niederrheinischen Seher nun in den Westen Deutschlands heimzuholen ist ein Hintergedanke der Ausstellung Parallelprozesse in der Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen. Nur zögernd wurde er ja hier gesammelt und sein Geist von den Nachfolgern an der Akademie gründlich ausgetrieben. Nun wird der verlorene Sohn mit 300 Werken gefeiert, einige davon haben zum ersten Mal ihre noch vom Meister selbst eingerichteten Originalschauplätze verlassen. Dazu gibt es einen hübschen Stadtplan, der akribisch alle Weihestätten dokumentiert, vom Atelierhaus am Oberkasseler Drakeplatz (wo inzwischen vor lauter Nobelkarossen kaum ein Durchkommen ist) bis zur Altstadtkneipe Ohme Jupp, vor der im Oktober 1973 jener Einbaum geparkt wurde, mit dem Beuys bei seiner symbolischen Rückkehr an die Akademie den Rhein überquert hatte. Unter der Nummer 4 ist zudem eines seiner Werke verzeichnet, das leicht zu übersehen ist und doch viel sagt über seine Strategien, seine Ziele, seinen Witz, und, ja, seine Aktualität.
Loch entstand 1981 für die Ausstellung Schwarz: Beuys trieb einfach ein rußiges Ofenrohr durch die brutalistische Waschbetonwand der Kunsthalle. Außen reckt es sich keck zum Himmel und verwandelt das gesichtslose Monstrum in ein Hexenhäuschen. Folgt man dieser Assoziation (und Niederrheiner wie Beuys denken fortwährend in Assoziationen), brodelt im Innern die Alchemistenküche der Kunst, hier wird das Nachdenken über Sinn und Unsinn des Lochs zur sozialen Plastik aufgekocht. Dabei ist in der Halle nichts als das andere Ende des Rohrs zu sehen, eine nachtdunkle Öffnung von 20 Zentimeter Durchmesser knapp über Kopfhöhe, eine Mischung aus Abgrund und Ausguck, ein Symbol des Alls und des Nichts, das die ganzen Ausstellungshalle in Bann schlägt.
"Der Mann hatte einfach einen tödlichen Rauminstinkt", sagt Jean-Christophe Ammann. Der Schweizer Kurator verantwortet die zweite große Beuys-Wiederauferstehung dieses Herbstes, die Ausstellung Energieplan im Schloss Moyland bei Kleve. 212 Zeichnungen hat er dafür aus dem rund 6000 Blätter umfassenden Bestand des Museums ausgewählt. Nun kriegt er sich gar nicht mehr ein im 50-Lux-Dämmerlicht der zehn pastellfarben gestrichenen Kabinette, in denen Beuys’ Lebensthemen an kaum bekannten Arbeiten durchbuchstabiert werden: Wärme und Kälte, Aberglaube, Tiere, die Kraft Christi.
Ungläubig fahren Ammanns Finger immer wieder auf dem Glas der Rahmen die Bleistiftlinien nach, die Beuys traumwandlerisch sicher auf Kalenderblätter, Schnipsel, Briefumschläge kritzelte. Fast kriecht der Kurator hinein in die mit Beize, Blut oder Quarkwasser gemalten Landschaften und Energiediagramme. "Hier gibt es keine Zufälligkeiten!", ruft er, "jeder Strich hat Zärtlichkeit und Temperatur! 25000 Zeichnungen in 20 Jahren, er muss ein Medium gewesen sein, ein Wahnsinn!" Für den Schweizer ist Beuys schlicht "der größte Zeichner des 20. Jahrhunderts". Und die Moyländer Sammlung, hinter einer halbmeterdicken Tresortür fein säuberlich verwahrt, bildet das Kraftwerk, aus dem sich das gesamte Werk speist, die Superbatterie eines Künstlers, der sogar die eingeweckten Birnen seiner Mutter als Energiespeicher begriff.
Der Mann, der dieser Batterie zu ihrer gewaltigen Ladung verhalf, sitzt ein paar Kilometer weiter in einer niederrheinischen Bauernstube auf dem Biedermeiersofa, über sich ein Gemälde des jungen Napoleon, und streicht sich den wild wuchernden grauen Bart. Eigentlich will Franz Joseph van der Grinten nichts mehr sagen, seit man seiner Familie und der Stiftung Schloss Moyland vorwirft, das Beuys-Erbe durch unsachgemäßen Umgang zu ruinieren. Doch jetzt macht er eine Ausnahme, um für die Zukunft seines Lebensfreundes Joseph eine Lanze zu brechen.
Van der Grinten war 18, als er Beuys kennenlernte – eine Begegnung, die das Leben des Bauernsohns für immer verändern sollte. "Er stand in der gleichen Straßenbahn, mit der ich vom Klever Gymnasium nach Hause fuhr." Sein älterer Bruder Hans hatte Beuys, "der schon im Ruche stand, ein sehr eigenständiger Künstler zu sein", auf den Hof der van der Grintens in Kranenburg eingeladen. "Er hatte einen wunderbar feinen Lederkoffer dabei, der in fast verdächtigem Kontrast zu seinem eigenen Aussehen stand", erzählt der alte Herr. "Darin waren vielleicht zehn Zeichnungen und ein paar Holzschnitte. Die haben wir uns draußen auf dem Hof angeguckt, das Wetter war gut."
Die Bushaltestelle vor seinem Elternhaus heißt heute einfach Beuys
Er versteht kaum, was er da sieht, ist aber auf "unerklärliche Weise" berührt. Am Ende des Tages kauft Franz Joseph seinen ersten Beuys, "ein liegender Hirsch, ein schmaler, langer Holzschnitt und doch ein Unikat, weil es keine Platte und keine anderen Drucke davon mehr gab". Der Preis: ein Monat Taschengeld, 20 Mark. Der Rest der Geschichte ist längst Teil der Beuys-Hagiografie: Wie die Brüder in ihrer Scheune die ersten Ausstellungen des Künstlers überhaupt organisieren, wie ihre Sammlung auf mehrere tausend Werke anschwillt, wie sich der Künstler auf ihrem Hof von einer Depression, einer zerbrochenen Verlobung, vom anhaltenden Misserfolg zu erholen versucht.
"Er war ein exzessiver Raucher, wollte aber das Haus nicht verlassen. Also sagten wir: Gut, wir holen dir Zigaretten – aber du musst eine Zeichnung machen. Er war da nicht störrisch." Für van der Grinten, den studierten Philosophen und gelernten Grafiker, liegt der Schlüssel zum Verständnis von Beuys’ Kreativität allein hier, auf Schloss Moyland, wo sich Voltaire und Friedrich der Große zum Gespräch trafen, am Niederrhein, auf dessen zwischen Alleen ausgestreckten Äckern man beim Pflügen lernt, eine freie Fläche zu gestalten: "Man sieht nach allen Seiten über den Horizont hinaus. Das Denken wird durch diese Landschaft sehr begünstigt." Zwischen Rinderherden imaginiert sich der kleine Joseph als Hirte, und in Ermangelung anderer Sensationen saugt er auf dem platten Land sämtliche geistige Nahrung auf, derer er habhaft werden kann.
Nur zehn Minuten Fußweg von seinem Elternhaus in Rindern ist da zum Beispiel Schloss Gnadenthal, wo Anacharsis Cloots geboren wurde, der politische Feuerkopf, der im Paris der Französischen Revolution zum "Redner des Menschengeschlechts" wurde. Für Beuys ein Bruder im Geiste; nach dem Krieg nennt er sich gar Josephanacharsis Clootsbeuys. Beim ihm guckt er sich was ab für seine aus Worten geborene Kunst, für sein unermüdliches Lehren, Predigen, Erklären, Diskutieren. Daheim hat er früh Zugang zu Kunst- und anderen Büchern, entdeckt die Skulpturen Lehmbrucks und die Farbsensationen Turners, später auch den Klassizismus Canovas, die Mystiker, Goethe, Alchemie und Rudolf Steiner. Es ist eine schöne Pointe, dass es vor dem Haus, in dem Jung Joseph erstmals der Kunst begegnete, eine Bushaltestelle gibt, die schlicht Beuys heißt.
Nach und nach wuchert in dieser Gegend, die mit dem nahen Holland eine zutiefst liberale Mentalität teilt, seine plastische Theorie heran. Kein stringentes Gedankengebäude, sondern ein niederrheinisch zusammenschwadroniertes Wolkenkuckucksheim, in dem auch die Unbehausten des 21. Jahrhunderts leicht eine neue Heimat finden. Das ganzheitliche Denken des selbst ernannten "wiedergeborenen Höhlenzeichners", der "die Würde des Menschen, die Würde der Natur und der Tiere einmal in den Mittelpunkt des gefühlsmäßigen Lebens" stellt, ist für viele anschlussfähig: Umweltschützer, Menschenrechtler, Klimaretter und Veganer. Sogar für moderne Väter ist was dabei: Die Düsseldorfer Ausstellung zeigt ein tolles Mammut, das Papa Beuys für seine Kinder Jessyka und Wenzel bastelte.
Welcher Akademieprofessor eröffnet noch das Semester mit Hirschrufen?
"Unter unseren Werken ist keines, von dem ich sagen würde: Was soll das heute?", sagt van der Grinten. "Seine Vorstellung, dass jeder Mensch kreativ ist und beiträgt zur Veränderung der Welt, ist ein Gedanke, der nie an Aktualität verlieren wird. Selbst die Finanzkrise ist doch Thema im Werk!" Und weil das bei all dem Grübeln über Erdtelefon, Honigpumpe und Eurasien-Stab immer vergessen wird, betont van der Grinten noch einmal, dass er mit niemandem so viel zu lachen hatte wie mit Beuys. Egal, wie messianisch der Sohn eines Futtermittelhändlers mitunter auftrat – das Närrische des Niederrheins steckte immer in einer der vielen Taschen seiner Anglerweste. Welcher ordentliche Akademieprofessor würde heute noch zu Beginn seiner feierlichen Semestereröffnungsrede "ööö-ööö-ööö" röhren wie ein Hirsch?
Doch das Unkalkulierbare dieses vom Hölzken aufs Stöxken kommenden Denkens und Arbeitens, mit dem Beuys "auf meine Weise den Menschen die Entfremdung und das Misstrauen gegenüber dem Übersinnlichen nach und nach wegzuräumen" versuchte, hat ihm eben auch den Ruf des Dunkelmannes eingetragen. "Rabulistik" nennt van der Grinten den Versuch, seinem Freund eine braune Kontinuität zu unterstellen. "Wer sich für die Edda interessiert, ist doch noch kein Nazi! Diese Art von Aufrechnung ist eine charakterliche Kulturlosigkeit." Er hält sich weiterhin an das, was ihm der Freund erzählte, Geschichten von mehr als einer Notlandung in der Steppe, von Hasen, die er in der Einsamkeit fing und über dem Lagerfeuer briet, von Tataren, die ihn wie aus dem Nichts umringten und in ihren Clan aufnehmen wollten, weil der Krieg doch eh bald zu Ende und verloren sei. Für van der Grinten in seinem übervollen Sammlerwohnzimmer ist all das gegenwärtig. "Es gibt kaum einen Tag, in den er nicht irgendwie hineinreicht. Er hat eben nicht nur in Museen Spuren hinterlassen, sondern auch im Denken vieler Menschen. Das ist noch lange nicht ausgeschöpft."
- Datum 25.09.2010 - 16:54 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.09.2010 Nr. 38
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Vor 24 Jahren verstarb Joseph Beuys und blieb doch in der gesamten Kunstwelt so lebendig wie kaum ein anderer Künstler seiner Schaffensart, wenn man überhaupt irgendeinen anderen Künstler mit "use Jupp" vergleichen kann.
Joseph Beuys schlug wie ein glühender Komet in das bis dahin eher triste Kulturleben der Bundesrepublik ein und die Funken stoben weltweit, um überall Brandspuren zu hinterlassen.
Beuys großer Verdienst war sicherlich eine drastische Entkoppelung des traditionellen Kunstbegriffs von einer lahm und entfremdet gewordenen Kulturinzucht, indem er die Kunst aus dem Elfenbeinturm einer in elitärer Bürgerlichkeit gefangenen Ghettoisierung herausgeholt hat.
So wird es vielfach erklärt und der Nimbus Beuys, der sich aus Esoterik, Ökoradikalität, charismatischem Nonkonformismus und einer umstürzlerischen Destruktionslust speiste wurde zum Vorbild einer neuen Künstlergeneration, die aus den Wurzeln der 68er eine neue Dimension ästhetischer Allchemie entwickelten.
Beuys, seine Förderer, seine Sammler, seine Studenten und seine Kommentatoren strickten die Legende weiter, die Joseph Beuys dereinst mit Witz, Frechheit und Chuzpe erfunden hatte.
Sein Lebenswerk war revolutionär wichtig für die weitere Entwicklung der bildendenden Kunst, aber niemals so wichtig, als dass man Beuys und sein Werk, wie es oft geschehen ist, gottgleich anbetete. Heute werden andere virtuosere Künstler dieser Zeit zu Recht gefeiert und es wird Zeit das Phänomen Beuys zu entzaubern.
W.Neisser
Idee für ein Historical: Voltaire lässt sich von Beuys,dargestellt von Gert Voss, das Handbuch des deutschen Aberglaubens erläutern und vorführen.Friedrich spielt Flöte dabei.
Mario Ddorf
Das Zauberhafte an Beuys waren nicht nur seine grafischen Zeichnungen, Gemälde oder Skulpturen, sondern mindestens ebenso seine dazu abgegebenen Statements. Joseph Beuys war im besten Sinne ein audio-visueller Künstler. Einer, der die Kunst als eine Erweiterung und letztendlich auch Bereicherung des Lebens ansah. Er selbst formulierte es noch strenger: Kunst und Leben seien voneinander nicht trennbar, sie bedingen einander geradezu. Das führte dann zu seinen Thesen des sog. "erweiterten Kunstbegriffs" und der "sozialen Plastik".
Nicht nur der eigentliche Gegenstand, etwa eine Skulptur, sei wichtig, sondern auch der Fundus an Wissen und Erfahrung, der zu dieser Umsetzung geführt habe. Das Nachdenken müsse immer die direkte Vorarbeit des Malens oder Bildhauens sein.
So sind seine Filz- und Fett-Arbeiten nicht zuletzt durch seine Erfahrungen während des Krieges und seiner in dieser Zeit durch einen Flugzeugabsturz erlittenen Verletzungen entstanden.
Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt
möchte ich noch etwas dazuschreiben, weil dieser liebenswerte Mensch auch mir immer noch sehr viel bedeutet und sogar mit der Zeit immer mehr und mehr. Das ist das spezifische an ihm und wenn man so will, "christusähnliche":Er war im Leben so lebendig, so "unendlich" offen, daß er immer wieder auferstehen kann!
Ich habe ihn Anfang der 70er Jahre in der Aula der Hannoverschen Waldorfschule erlebt. Der riesige Saal war gerammelt voll und dementsprechen voller Agressionen gegen ihn und nur ein kleines Grüppchen von Sympatisanten. Ich glaube, die Leute fühlten sich durch die gesellschaftliche Dogmen durchbrechenden Worte von Beuys so, als ob ihnen plötzlich jemand den Stuhl unterm Hintern weggezogen hätte! Das war aber nicht die Absicht von Joseph Beuys - er wirkte sehr offen und freundlich und auf mich damals so,als ob er schon von irgendwo aus dem Weltall auf uns herunterspräche.Ich hatte bis dahin noch nie einen Menschen öffentlich in so großen Zeiträumen denken hören! Ab und zu drehte sich von vorn einer seiner Freunde zur aufgebracht johlenden Menge um, um sie zu bändigen etwa mit Worten wie :"Das könnt ihr dem Beuys doch aber jetzt nicht antun!
durch die geballte Agressivität der Zuhörer so anstrengend gewesen, daß ich mich anschließend 2Wochen mit Grippe ins Bett legen mußte. Joseph Beuys war aber am nächsten Tag schon wieder ganz woanders bei einer Aktion auf der Straße gewesen. Ihn schien das garnicht tangiert zu haben. und das hatte man ihm auch angesehen. Die Agressionen glitten an ihm problemlos ab wie Wasser an Fett, könnte man sagen.er trank auf der Bühne nur ab und zu einen Schluck Wasser und irgendwann packte er auch sein Butterbrot auf der Bühne aus und begann, es zu essen. in das Gekreische der Menge hinein, lobte er es, hielt es etwas in die Höhe und sagte:schmeckt gut! Und es war mir damals, als ob er mich dabei angesehen hätte! Nur zu der anderntags angesetzten Fragestunde ist er halt nichtmehr erschienen und man erzählte mir, daß die Leute dann erst einmal dumm und ratlos rumgesessen hätten.Das Objekt ihrer Agressions-und Angriffslust war real und im Geiste schon wieder ganz woanders- einfach wieder hinweggeschwebt....
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