Joseph Beuys Was vom Schamanen übrig bleibtSeite 3/3

Die Bushaltestelle vor seinem Elternhaus heißt heute einfach Beuys

Er versteht kaum, was er da sieht, ist aber auf "unerklärliche Weise" berührt. Am Ende des Tages kauft Franz Joseph seinen ersten Beuys, "ein liegender Hirsch, ein schmaler, langer Holzschnitt und doch ein Unikat, weil es keine Platte und keine anderen Drucke davon mehr gab". Der Preis: ein Monat Taschengeld, 20 Mark. Der Rest der Geschichte ist längst Teil der Beuys-Hagiografie: Wie die Brüder in ihrer Scheune die ersten Ausstellungen des Künstlers überhaupt organisieren, wie ihre Sammlung auf mehrere tausend Werke anschwillt, wie sich der Künstler auf ihrem Hof von einer Depression, einer zerbrochenen Verlobung, vom anhaltenden Misserfolg zu erholen versucht.

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"Er war ein exzessiver Raucher, wollte aber das Haus nicht verlassen. Also sagten wir: Gut, wir holen dir Zigaretten – aber du musst eine Zeichnung machen. Er war da nicht störrisch." Für van der Grinten, den studierten Philosophen und gelernten Grafiker, liegt der Schlüssel zum Verständnis von Beuys’ Kreativität allein hier, auf Schloss Moyland, wo sich Voltaire und Friedrich der Große zum Gespräch trafen, am Niederrhein, auf dessen zwischen Alleen ausgestreckten Äckern man beim Pflügen lernt, eine freie Fläche zu gestalten: "Man sieht nach allen Seiten über den Horizont hinaus. Das Denken wird durch diese Landschaft sehr begünstigt." Zwischen Rinderherden imaginiert sich der kleine Joseph als Hirte, und in Ermangelung anderer Sensationen saugt er auf dem platten Land sämtliche geistige Nahrung auf, derer er habhaft werden kann.

Nur zehn Minuten Fußweg von seinem Elternhaus in Rindern ist da zum Beispiel Schloss Gnadenthal, wo Anacharsis Cloots geboren wurde, der politische Feuerkopf, der im Paris der Französischen Revolution zum "Redner des Menschengeschlechts" wurde. Für Beuys ein Bruder im Geiste; nach dem Krieg nennt er sich gar Josephanacharsis Clootsbeuys. Beim ihm guckt er sich was ab für seine aus Worten geborene Kunst, für sein unermüdliches Lehren, Predigen, Erklären, Diskutieren. Daheim hat er früh Zugang zu Kunst- und anderen Büchern, entdeckt die Skulpturen Lehmbrucks und die Farbsensationen Turners, später auch den Klassizismus Canovas, die Mystiker, Goethe, Alchemie und Rudolf Steiner. Es ist eine schöne Pointe, dass es vor dem Haus, in dem Jung Joseph erstmals der Kunst begegnete, eine Bushaltestelle gibt, die schlicht Beuys heißt.

Nach und nach wuchert in dieser Gegend, die mit dem nahen Holland eine zutiefst liberale Mentalität teilt, seine plastische Theorie heran. Kein stringentes Gedankengebäude, sondern ein niederrheinisch zusammenschwadroniertes Wolkenkuckucksheim, in dem auch die Unbehausten des 21. Jahrhunderts leicht eine neue Heimat finden. Das ganzheitliche Denken des selbst ernannten "wiedergeborenen Höhlenzeichners", der "die Würde des Menschen, die Würde der Natur und der Tiere einmal in den Mittelpunkt des gefühlsmäßigen Lebens" stellt, ist für viele anschlussfähig: Umweltschützer, Menschenrechtler, Klimaretter und Veganer. Sogar für moderne Väter ist was dabei: Die Düsseldorfer Ausstellung zeigt ein tolles Mammut, das Papa Beuys für seine Kinder Jessyka und Wenzel bastelte.

Welcher Akademieprofessor eröffnet noch das Semester mit Hirschrufen?

"Unter unseren Werken ist keines, von dem ich sagen würde: Was soll das heute?", sagt van der Grinten. "Seine Vorstellung, dass jeder Mensch kreativ ist und beiträgt zur Veränderung der Welt, ist ein Gedanke, der nie an Aktualität verlieren wird. Selbst die Finanzkrise ist doch Thema im Werk!" Und weil das bei all dem Grübeln über Erdtelefon, Honigpumpe und Eurasien-Stab immer vergessen wird, betont van der Grinten noch einmal, dass er mit niemandem so viel zu lachen hatte wie mit Beuys. Egal, wie messianisch der Sohn eines Futtermittelhändlers mitunter auftrat – das Närrische des Niederrheins steckte immer in einer der vielen Taschen seiner Anglerweste. Welcher ordentliche Akademieprofessor würde heute noch zu Beginn seiner feierlichen Semestereröffnungsrede "ööö-ööö-ööö" röhren wie ein Hirsch?

Doch das Unkalkulierbare dieses vom Hölzken aufs Stöxken kommenden Denkens und Arbeitens, mit dem Beuys "auf meine Weise den Menschen die Entfremdung und das Misstrauen gegenüber dem Übersinnlichen nach und nach wegzuräumen" versuchte, hat ihm eben auch den Ruf des Dunkelmannes eingetragen. "Rabulistik" nennt van der Grinten den Versuch, seinem Freund eine braune Kontinuität zu unterstellen. "Wer sich für die Edda interessiert, ist doch noch kein Nazi! Diese Art von Aufrechnung ist eine charakterliche Kulturlosigkeit." Er hält sich weiterhin an das, was ihm der Freund erzählte, Geschichten von mehr als einer Notlandung in der Steppe, von Hasen, die er in der Einsamkeit fing und über dem Lagerfeuer briet, von Tataren, die ihn wie aus dem Nichts umringten und in ihren Clan aufnehmen wollten, weil der Krieg doch eh bald zu Ende und verloren sei. Für van der Grinten in seinem übervollen Sammlerwohnzimmer ist all das gegenwärtig. "Es gibt kaum einen Tag, in den er nicht irgendwie hineinreicht. Er hat eben nicht nur in Museen Spuren hinterlassen, sondern auch im Denken vieler Menschen. Das ist noch lange nicht ausgeschöpft."

 
Leser-Kommentare
  1. Vor 24 Jahren verstarb Joseph Beuys und blieb doch in der gesamten Kunstwelt so lebendig wie kaum ein anderer Künstler seiner Schaffensart, wenn man überhaupt irgendeinen anderen Künstler mit "use Jupp" vergleichen kann.
    Joseph Beuys schlug wie ein glühender Komet in das bis dahin eher triste Kulturleben der Bundesrepublik ein und die Funken stoben weltweit, um überall Brandspuren zu hinterlassen.

    Beuys großer Verdienst war sicherlich eine drastische Entkoppelung des traditionellen Kunstbegriffs von einer lahm und entfremdet gewordenen Kulturinzucht, indem er die Kunst aus dem Elfenbeinturm einer in elitärer Bürgerlichkeit gefangenen Ghettoisierung herausgeholt hat.

    So wird es vielfach erklärt und der Nimbus Beuys, der sich aus Esoterik, Ökoradikalität, charismatischem Nonkonformismus und einer umstürzlerischen Destruktionslust speiste wurde zum Vorbild einer neuen Künstlergeneration, die aus den Wurzeln der 68er eine neue Dimension ästhetischer Allchemie entwickelten.
    Beuys, seine Förderer, seine Sammler, seine Studenten und seine Kommentatoren strickten die Legende weiter, die Joseph Beuys dereinst mit Witz, Frechheit und Chuzpe erfunden hatte.
    Sein Lebenswerk war revolutionär wichtig für die weitere Entwicklung der bildendenden Kunst, aber niemals so wichtig, als dass man Beuys und sein Werk, wie es oft geschehen ist, gottgleich anbetete. Heute werden andere virtuosere Künstler dieser Zeit zu Recht gefeiert und es wird Zeit das Phänomen Beuys zu entzaubern.

    W.Neisser

    • Mari o
    • 25.09.2010 um 23:17 Uhr

    Idee für ein Historical: Voltaire lässt sich von Beuys,dargestellt von Gert Voss, das Handbuch des deutschen Aberglaubens erläutern und vorführen.Friedrich spielt Flöte dabei.

    Mario Ddorf

    • hagego
    • 28.09.2010 um 1:05 Uhr

    Das Zauberhafte an Beuys waren nicht nur seine grafischen Zeichnungen, Gemälde oder Skulpturen, sondern mindestens ebenso seine dazu abgegebenen Statements. Joseph Beuys war im besten Sinne ein audio-visueller Künstler. Einer, der die Kunst als eine Erweiterung und letztendlich auch Bereicherung des Lebens ansah. Er selbst formulierte es noch strenger: Kunst und Leben seien voneinander nicht trennbar, sie bedingen einander geradezu. Das führte dann zu seinen Thesen des sog. "erweiterten Kunstbegriffs" und der "sozialen Plastik".

    Nicht nur der eigentliche Gegenstand, etwa eine Skulptur, sei wichtig, sondern auch der Fundus an Wissen und Erfahrung, der zu dieser Umsetzung geführt habe. Das Nachdenken müsse immer die direkte Vorarbeit des Malens oder Bildhauens sein.

    So sind seine Filz- und Fett-Arbeiten nicht zuletzt durch seine Erfahrungen während des Krieges und seiner in dieser Zeit durch einen Flugzeugabsturz erlittenen Verletzungen entstanden.

    Wie man dem toten Hasen die Bilder erklärt

  2. möchte ich noch etwas dazuschreiben, weil dieser liebenswerte Mensch auch mir immer noch sehr viel bedeutet und sogar mit der Zeit immer mehr und mehr. Das ist das spezifische an ihm und wenn man so will, "christusähnliche":Er war im Leben so lebendig, so "unendlich" offen, daß er immer wieder auferstehen kann!
    Ich habe ihn Anfang der 70er Jahre in der Aula der Hannoverschen Waldorfschule erlebt. Der riesige Saal war gerammelt voll und dementsprechen voller Agressionen gegen ihn und nur ein kleines Grüppchen von Sympatisanten. Ich glaube, die Leute fühlten sich durch die gesellschaftliche Dogmen durchbrechenden Worte von Beuys so, als ob ihnen plötzlich jemand den Stuhl unterm Hintern weggezogen hätte! Das war aber nicht die Absicht von Joseph Beuys - er wirkte sehr offen und freundlich und auf mich damals so,als ob er schon von irgendwo aus dem Weltall auf uns herunterspräche.Ich hatte bis dahin noch nie einen Menschen öffentlich in so großen Zeiträumen denken hören! Ab und zu drehte sich von vorn einer seiner Freunde zur aufgebracht johlenden Menge um, um sie zu bändigen etwa mit Worten wie :"Das könnt ihr dem Beuys doch aber jetzt nicht antun!

  3. durch die geballte Agressivität der Zuhörer so anstrengend gewesen, daß ich mich anschließend 2Wochen mit Grippe ins Bett legen mußte. Joseph Beuys war aber am nächsten Tag schon wieder ganz woanders bei einer Aktion auf der Straße gewesen. Ihn schien das garnicht tangiert zu haben. und das hatte man ihm auch angesehen. Die Agressionen glitten an ihm problemlos ab wie Wasser an Fett, könnte man sagen.er trank auf der Bühne nur ab und zu einen Schluck Wasser und irgendwann packte er auch sein Butterbrot auf der Bühne aus und begann, es zu essen. in das Gekreische der Menge hinein, lobte er es, hielt es etwas in die Höhe und sagte:schmeckt gut! Und es war mir damals, als ob er mich dabei angesehen hätte! Nur zu der anderntags angesetzten Fragestunde ist er halt nichtmehr erschienen und man erzählte mir, daß die Leute dann erst einmal dumm und ratlos rumgesessen hätten.Das Objekt ihrer Agressions-und Angriffslust war real und im Geiste schon wieder ganz woanders- einfach wieder hinweggeschwebt....

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