Hans Werner Henze"Die Musik selber muss sagen, wie es weitergeht"

Ein Gespräch mit Hans Werner Henze über das Komponieren als lebensrettende Maßnahme, schöne Hemden und seine neue Oper "Gisela" von 

Hans Werner Henze empfängt Gäste am liebsten auf der Terrakottaterrasse seines Landgutes La Leprara in den Albaner Bergen südlich von Rom, wo er seit über 50 Jahren lebt. Die Abendsonne taucht den kleinen Ort Marino, der sich in der Ferne an die Berge schmiegt, in ein goldbronzenes Licht. Der 84-jährige Komponist thront in einem Lehnstuhl, auf dem Steintisch vor ihm steht ein Glas mit Whiskey. Er trägt ein blaues Sakko mit Einstecktuch über der weiten hellen Leinenhose. Henzes Stimmung ist elegisch. Er spricht leise und molto adagio mit langen Fermaten des Nachdenkens.

DIE ZEIT: Herr Henze, vor sieben Jahren haben Sie der ZEIT erzählt , Sie säßen jeden Nachmittag auf dieser Terrasse, betrachteten Ihre 500 Jahre alten Olivenbäume und dächten nichts. Gilt das heute immer noch?

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Hans Werner Henze: Ja. Ich sitze hier und tue nichts. Die Bäume kenne ich auswendig. Ich könnte sie einzeln beim Namen nennen.

ZEIT: Wie würden Sie Ihre momentane Lebensstimmung beschreiben?

Henze: Mein Leben ist wieder angenehmer geworden. Vor ein paar Jahren war ich ganz nahe am out, davon haben Sie sicher gehört.

ZEIT: Sie meinen, dass Sie vor vier Jahren dem Tod sehr nahe waren?

Henze: Bevor das passierte, hatte ich den ersten Teil meiner Oper Phaedra fertig. Den zweiten Akt habe ich dann nach meiner Genesung geschrieben. Am Ende stellte sich heraus, dass der zweite Akt qualitativ und von der Innerlichkeit des Dramas her eine stärkere Wirkung hatte als der erste. Man merkte: Ich bin noch einmal davongekommen. Seitdem achte ich darauf, dass ich nicht zu viel tue. Im Gegensatz zu früheren Zeiten gefällt es mir auch, mich ruhig zu verhalten.

ZEIT: Gibt Ihnen das Komponieren die Energie zum Weiterleben?

Henze: Vor ein paar Wochen gab es in London, im Barbican Centre, eine kleine Retrospektive meiner Musik. Da wurde auch die englische Erstaufführung von Phaedra gegeben. Konzertant. Wunderbar gespielt und gesungen. Ich habe mir das angeschaut und war begeistert. Das war eine Art Belohnung für die vielen schwierigen Dinge, die ich erlebt habe. Wahnwitzige Dinge...

Henze schweigt lange. Er will etwas sagen, nippt an seinem Glas, schweigt.

ZEIT: Am 25. September wird bereits Ihre nächste Oper Gisela bei der Ruhrtriennale uraufgeführt. Wann haben Sie den letzten Federstrich unter diese Partitur gesetzt?

Henze: Morgen. Vielleicht.

ZEIT: Oh, Sie sind noch nicht fertig?

Henze: Keine Sorge, da kann nichts mehr schiefgehen.

ZEIT: Komponieren Sie immer noch jeden Tag?

Henze: Eine Stunde vor dem Frühstück und nach dem Frühstück noch einmal ein, zwei Stunden.

ZEIT: Setzen Sie sich an den Schreibtisch, weil Sie Lust dazu haben? Oder aus Selbstdisziplin?

Henze: Einer der Gründe, warum ich inzwischen so langsam schreibe, liegt darin, dass ich nur noch gut komponieren kann, wenn ich Lust habe. Was ich jetzt sage, klingt vielleicht ein bisschen albern, aber ich freue mich auf diese Gisela- Sache sehr.

Leserkommentare
    • eikfir3
    • 28. Oktober 2012 15:29 Uhr

    ...also bei diesem vonseiten des Zeit-Journalisten mir durchaus interessanten Interview mit einem für mich "Hans im Glück", habe ich unbedingt wieder einmal bezüglich Hans Werner Henze an Goethe denken müssen:
    "gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, es müsse sich dabei auch etwas denken lassen!" und manchmal ist`s vielleicht auch nur Leere, fraglich angeboren oder im Alter mühsam erworben?...und ich kann mir kaum vorstellen, das Henzes Werke sich in ca. 50 Jahren noch auf den Spielplänen drängen werden, obwohl, der "Junge Lord" gefiel mir schon etwas, aber so gut wie Mozarts "Don Giovanni" nun doch wieder nicht.

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