Ann CottenHerzquetschend, staubhell

Eine kühne neue Stimme in der deutschsprachigen Lyrik: Ann Cotten und ihr Buch "Florida-Räume". von Jochen Jung

Ihre Gedichte gehören zum Größten, was deutschsprachige Lyrik dieser Tage kann: Ann Cotten

Ihre Gedichte gehören zum Größten, was deutschsprachige Lyrik dieser Tage kann: Ann Cotten  |  © Suhrkamp Verlag

»Wenn Frauengestalten auftreten, kommt Musik, / kommt die Genealogie und will was überbrücken. / Ich komm von Gedichten nicht weg, es liegt / am Atem, dem wenig langen.« Die Musik, die uns die noch nicht 30-jährige Ann Cotten hier verspricht, die hat man so noch nicht gehört. Dieses Buch ist ein starkes Stück, aber Vorsicht!, so sperrig es immer wieder ist, es hat auch etwas Rutschiges: Kaum dass man glaubt, es im Griff zu haben, flutscht es einem aus der Hand und fällt aus dem Rahmen; kaum dass es aber dann am Boden liegt, hebt man es wieder auf und will es genauer wissen. Diese Mühe wird belohnt.

Gerade geht ja das Jahrzehnt zu Ende, in dem ein Dutzend in den Siebzigern Geborene die Eckensteherin Lyrik wieder ans Licht holten, dass es eine helle Freude war. Bei Gedichten dachten dazumal die meisten ja nur noch an Robert Gernhardt, den Wilhelm Busch jener Jahre, von dessen Auflagenzahlen wie von den Zahlen der ihm zufliegenden Herzen selbst Rilke oder Benn nicht einmal hätten träumen können. Gewiss: Witz sells, erst recht, wenn er so lebensklug gekonnt ist wie bei Gernhardt, aber Lyrik kann und will doch entschieden mehr.

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Das zeigten damals so ungleiche Flugtiere wie Nico Bleutge, Daniela Danz, Marion Poschmann oder Ron Winkler, um ungerechterweise nur ein paar zu nennen. Sie wussten und wissen unserer Alltagswelt bilderreich und formbewusst einen Glanz zu geben, den ihr die Prosaschreiber streng und neunmalklug verwehrten. So ist es denn auch ganz richtig, dass die Senioren der Darmstädter Akademie kürzlich erst den wunderbaren Jan Wagner in ihren Kreis aufgenommen haben.

Jan Wagner, ja, aber nicht Oswald Egger oder Ulf Stolterfoht oder Raphael Urweider, nicht eine oder einen jener also, die unter Lyrik weniger Wirklichkeitszauber verstehen und dafür mehr mit Ideen arbeiten, vor allem aber mit und an der Sprache selbst. Deren Väter und Onkel saßen abseits und von der Leserschaft kaum wahrgenommen in einer Art Bastelecke, und hätte nicht die Älteste unter ihnen, Friederike Mayröcker, sich als mirakulöses Blumenkind entpuppt, hätten die Leser diese Literatur vielleicht bald ganz vergessen. Ihnen, die man mit einem unerfreulichen Anklang an den Physikunterricht die Experimentellen nennt, ihnen, vor denen keine Syntax sicher ist, schien die Sprengkraft abhandenzukommen. Noch schlimmer: Dass da überhaupt gelegentlich gesprengt werden muss in der Literatur, die vor lauter Inhalt ganz formvergessen ist, das schien eine Jeanne d’Arc zu brauchen. Wenn nicht alles täuscht, ist die jetzt auf dem Plan: Ann Cotten.

Geboren 1982 in Iowa, USA, mit fünf nach Wien gekommen und dort aufgewachsen, also mit Migrationshintergrund. Seit einigen Jahren lebt sie in Berlin, wo sonst (?), und hat Germanistik und sicher vieles drum herum studiert. Sie ist gebildet, und sie weiß was. Ihre kluge Untersuchung der Literatur der Väter, Nach der Welt. Die Listen der konkreten Poesie und ihre Folgen, zeigt an, dass sich da jemand das Rüstzeug holte, ehe sie loszog, und als dann 2007 ihre Fremdwörterbuchsonette erschienen – nicht wirklich Sonette, wohl aber echte Strophengedichte, gern gereimt –, da wurde sie ein Wunderkind genannt. Und in der Tat: Die junge Autorin wusste souverän mit Takt und Klang umzugehen und war zugleich auf ungewohnte Art zeitgenössisch: nicht Szeneslang, nicht Diskursives aus dem Oberseminar, sondern einfach kluges Wissen über die uns bestimmenden Vorgänge der Wahrnehmung, ein manchmal scheinnaiver Blick auf die Alltagswelt und nicht zuletzt ein traumsicheres Gefühl für Ernst und Unernst. Es wird nichts zu Tode geritten, aber es wird auch nicht herumgealbert.

Jetzt, drei Jahre später, die Florida-Räume, ein nahezu 300-Seiten-Elementarbuch und zugleich ein Ungeheuer, und wenn das Wort nicht so abgenudelt wäre, würde man sagen: eine echte Herausforderung. Die Jungfrau wirft den Fehdehandschuh. Dass ihr nicht alles gefällt, was die Kollegenschaft so schreibt, war bei einer so extremen Position, wie sie sie anpeilt, zu erwarten: »Denn der Realismus ist ein Pferd, sage ich, ein Pferd! Und sein kriterienloses, sein wirres Verlangen nach Komfort oder Flucht macht jede besonnene Überlegung unmöglich. Erst die Politik kann das Pferd zu einem Denker machen. Die real existierende Politik macht aber ihre Denker zu Pferden. Zu Pferden der Saison.« Das den herkömmlichen Realisten; die Innerlichen (»Ihre Selbstentblößungen sind kokette Rüschen«) und die Naturfreunde (»von Sammlern zu einem sinnduftenden Menü hergerichtet«) kriegen auch ihr Fett ab.

Das Buch beginnt mit einer Zeitungsannonce, die schreibende Menschen auffordert, ihr Geschriebenes an eine Adresse in Solothurn zu senden, wo man verspricht, dafür zu sorgen, dass diese Solo-Turner zu Geld und Ruhm kommen. Das Ganze würde also wie eine Satire auf Schreibschulen et cetera einsetzen, wenn nicht Satire für eine wie Ann Cotten viel zu platt realitätsbezogen wäre. Was daher unter dem Titel Begleitschreiben folgt, stellt auch gleich klar: »Man kann einen zufälligen Glücksfall nicht in Farmen züchten, messen, verkaufen.« Das wär auch entschieden zu klein gedacht, hier geht es nicht ums Handwerk für Talente, hier geht es, wennschon – dennschon, um nichts Geringeres als eine »industrielle Revolution der Literatur, losgelöst von der Idee des Künstlerischen«.

Leserkommentare
    • hagego
    • 22. September 2010 13:15 Uhr

    Sind es also die Hundejahre, die Ann Cotton beschreibt? Die post-grass'schen Hundejahre des ersten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts?

    Es scheinen Hundesjahre für die Lyrik im Allgemeinen gewesen zu sein. Weil es für Lyrik eigentlich immer nur Hundejahre zu geben scheint. Robert Gernhardt hier als ein leuchtendes Gegenbeispiel aufzuzählen, ist mehr als gerecht und zugleich verdient. Aber der Nachsatz im obigen Artikel ist höchst überflüssig. Gernhardt hat beileibe nicht nur die Oberfläche angekratzt. Beileibe nicht! Aber in Deutschland gibt es wohl eine Tradition, Tiefsinn, der mit Humor gewürzt ist, lediglich als etwas "Lustiges" wahrzunehmen.

    tod eines schauspielers

    man hat einen haufen erde über mich geschüttet
    ich sehe das himmelsblau schon gar nicht mehr
    mein leben war zuletzt nur noch zerrüttet
    jetzt bin ich nicht mehr so - und nicht mehr der

    und ihr schaut ängstlich in der erde loch
    noch vor fünf tagen saßen wir bei wein und guter laune
    zitierten heine, schiller und ernst bloch
    und aßen reh und knusprige kapaune

    jetzt lieg ich hier und euch vielleicht im weg
    bleibt nach der trennung mir trotzdem verbunden
    durch einen spirituellen... kleinen steg

    wandert mit kind und kegel und den hunden
    zu mir hinaus ins wunderschöne grüne
    ich spiele für euch den tod - - - auch ohne bühne

    Zweifellos, kein klassisches Sonett, aber doch ein kleiner Versuch, ein Gedicht mit etwas Humor zu überstreuen. Ist es nur deshalb schlechter, weil es nicht allein aus reiner "Tiefe" besteht?

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  • Schlagworte Robert Gernhardt | Literatur | Fluss | Friederike Mayröcker | Gedicht | Lyrik
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