Wenn Leid geschieht, soll man auch hinsehen. Ja, es kostet Überwindung, das Buch von Natascha Kampusch in die Hand zu nehmen, Augen und Herz aufzumachen und den Leidensweg ihrer achtjährigen Gefangenschaft in sich aufzunehmen. Dabei macht sie es einem leicht, ihrer Geschichte zuzuhören. Man lernt in ihrem Buch 3096 Tage eine emanzipierte Frau kennen, deren Wille zu leben auf grausame Weise gestählt wurde.

Ein Mann namens Wolfgang Priklopil packte die Zehnjährige in Wien auf offener Straße, warf sie in einen Lieferwagen und sperrte sie im eigenen Haus in ein tresorartiges Kellerverlies. Von nun an ist sie einem Psychopathen ausgeliefert, dessen Willkür und Brutalität unberechenbar sind. Ihre Angst ist grenzenlos. Obschon noch ein Kind, ist sie durch unbeaufsichtigtes Fernsehen darüber informiert, was ein Kinderpornoring ist. Er schürt ihre Angst, indem er immer wieder von »Auftraggebern« und »den anderen« spricht, die kommen werden. Als wollte er die Schuld seines Verbrechens von sich schieben. Es gilt heute als erwiesen, dass Priklopil ein Einzeltäter war.

Die körperlichen Übergriffe setzen erst im Laufe der Jahre ein, aber die Folter beginnt mit dem ersten Tag der Entführung. Wie ein Tier hält er Natascha auf fünf mal zwei Metern. Luft strömt nur über einen Ventilator ein, Feuchtigkeit durchnässt den Boden, Schimmel breitet sich aus. Die ersten sechs Monate wird sie nur in diesem Verlies sein. Der Mann wird sie füttern, baden, ihr Spielzeug bringen und ein rosa Bett bauen. Jede seiner »Fürsorglichkeiten« nutzt er im nächsten Moment als Druckmittel.

Priklopil will sie kontrollieren und dressieren. Sie darf ohne Befehl nicht sitzen, stehen, gehen oder gucken, wohin sie will. Er will sie unterwerfen, was ihm nie ganz gelingen wird. Er will die Verbindung zu ihrer Familie zerschneiden, er sagt ihr, dass ihre Eltern kein Lösegeld für sie zahlen wollen. Die seien froh, sie los zu sein. Er will ihre Identität zerstören und sich einen Menschen schaffen, der ganz ihm gehört. Die perverse Logik geht zu einem gewissen Grade auf. Als er mit Natascha zum ersten Mal hinaus in den Garten geht, erlebt sie die Realität wie eine Inszenierung.

Eine der großen Fragen, die Natascha Kampusch in ihrer Analyse zu beantworten sucht, ist: Warum ist sie nicht schon viel früher geflohen? Doch ihre Vorstellung von der Welt vor der Haustür verschwamm langsam. Das Kind blickt aus seinem Gefängnis wie ein Goldfisch aus seinem Glas. Draußen wartet nur der Tod. Des Täters Terror beginnt zu fruchten. Er will, dass sie sich fügt, sich an ihn bindet, wie er sich an sie bindet, nachts sogar mit Kabelbindern.

Mit 13 wird das Kind zur Haussklavin, sie putzt halb nackt. Er vergleicht ihre Leistung mit der seiner Mutter, selten arbeitet sie ihm gründlich genug. Die Schläge und Tritte werden mehr. Im Bett weiß sie vor Blessuren kaum, wie sie liegen soll. Die fetten Jahre der Süßigkeiten und ausreichender Versorgung sind vorbei. Er begrenzt ihre Rationen, will sie schwach halten, damit sie sich nicht wehren kann. Der Hunger bestimmt nun ihr Denken und bereitet grausame Schmerzen. Die Misshandlungen nehmen weiter zu.

Es ist Natascha Kampusch, die heute 22 Jahre alt ist, wichtig, die emotionale Beziehung zu ihrem Entführer zu ergründen. Es irritiert unser Verständnis von gut und böse, richtig und falsch, dass sie es war, die sich von ihrem Peiniger schon nach kurzer Zeit einen Gutenachtkuss wünschte. »Stockholm-Syndrom« wird es genannt, wenn das Opfer ein positives Verhältnis zu seinem Entführer aufbaut – für die Autorin nichts als eine Abwehr der Gesellschaft, die das emotionale Dilemma in einem Wort verschwinden lassen will. Aber in ihrer Geschichte lassen sich Verhaltensmuster erkennen, wie sie auch von den Opfern »normaler« häuslicher Gewalt berichtet werden. Man ist schockiert, dass sie sich mit ihrem Entführer an öffentlichen Orten aufhielt. Noch nicht einmal ein Polizist wurde bei einer Verkehrskontrolle auf das abgemagerte Mädchen mit den kurz geschorenen Haaren aufmerksam. Natascha Kampuschs Buch ist auch ein Appell: Sieh hin, nimm teil und verschwende einen zweiten Gedanken an deinen Nächsten. Denn niemand möchte doch zu denen gehören, die eine Natascha Kampusch übersehen haben.