Frauen im IslamDas Kopftuch ist keine Mode

Alice Schwarzer widerspricht in ihrem neuen Buch der multikulturellen Idylle und naiver Toleranz. Sie fordert ein Kopftuchverbot für Schülerinnen. von 

Eine schöne Welt wäre das, in der junge muslimische Frauen das Kopftuch zu Hotpants und High Heels trügen und man ganz unbekümmert durch den bunten großstädtischen Wirrwarr in Berlin-Neukölln flanieren könnte. Wir kennen sie aus der beliebten Berliner Fernsehserie Türkisch für Anfänger. So ließe es sich leben: heute ein bisschen Neukölln, morgen ein bisschen SoHo, Montag ein schickes Kopftuch, Mittwoch eine Gucci-Sonnenbrille. Alles zusammen friedlich vereint unter dem großen Glasdach der globalen Pop-Ikonografie und deren frei flottierenden Dekorationen und Warenangeboten. Eine Pop-Idylle, in der im Abspann alle zusammen das gleiche Eis essen oder die gleiche Limonade trinken und die nur der blöde Rechtspopulist manchmal noch stört.

Aber wer sollte dieses »man« sein, das angeblich so unbekümmert durch den schönen Wirrwarr in Neukölln flaniert? Und was hat das »man« dabei an? High Heels und Hotpants jedenfalls nicht. Kopftuch natürlich auch nicht. Denn es handelt sich bei diesem »man« mit Sicherheit um einen »Mann«. Und der hat etwas übersehen: Das gut gelaunte Nebeneinander wird nicht nur von verbohrten Rechtspopulisten infrage gestellt, sondern auch von Feministinnen.

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Wenn »frau« durch Neukölln flaniert, sieht die Welt ein wenig anders aus. Zugegeben, nicht mehr so wie in meiner Berliner Jugend, in der mir von türkischen Familienvätern, deren Töchter zu Hause eingesperrt waren, beim unbekümmerten Flanierversuch durch meine Heimatstadt häufig Geld für Sex angeboten wurde, denn eine allein herumlaufende junge Frau war in ihrem nicht ganz so frei flottierenden und nicht ganz so gut gelaunten kulturellen Zeichensystem natürlich eine Hure. Eine Verwechslung, wie sie im großstädtischen Wirrwarr damals leicht passieren konnte. Aber auch heute spricht der Neuköllner Stadtbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) davon, dass er nicht wünsche, dass in Neukölln »der Rückmarsch ins Mittelalter weiter fortschreitet, wie er es im Moment tut«. Selbst wenn der Stadtbürgermeister genauso übertreibt wie die Propagandisten des Neuköllner Flaneurwesens: Als junge Frau sollte »man« dort genauso wenig wie in Oran, Tanger oder Kabul allein flanieren. Jedenfalls nicht in kurzen Hosen. Und schon gar nicht ohne Kopftuch.

Und damit wären wir bei dem wichtigen Buch von Alice Schwarzer, das am 23. September und rechtzeitig zur aktuellen Debatte um Integration und Parallelgesellschaften erscheint und den großen Vorzug hat, aus dem unseligen Streit um Vererbung und Gene einen Streit um Menschen- und vor allem um Frauenrechte zu machen (Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus . Verlag Kiepenheuer & Witsch). Alice Schwarzer mag uns oft geärgert haben, als sie (ja, man muss es immer wieder sagen) für das Tittenblatt Bild Reklame machte und sich taub stellte, wenn es um die Erfindung eines familienfreundlicheren Feminismus ging. Aber ihr Kampf für die Gleichberechtigung der muslimischen Frauen, der schon 1979 begann, als sie als eine der Ersten nach Teheran reiste und sofort vor der Radikalisierung des Chomeini-Regimes warnte, ist bewundernswert und darf nicht mit dem Rechtspopulismus zu einem Rührei verquirlt werden. So ist ihr neues Buch eigentlich ein altes, denn es zeichnet die Etappen dieser Auseinandersetzung – Iran, Afghanistan, Frankreich, Minarett-, Burka- und Kopftuchverbot – im Spiegel der Emma- Artikel aus über dreißig Jahren nach, die außer von Schwarzer unter anderem von Elisabeth Badinter, Djemila Benhabib, Gabriele Vensky und Necla Kelek verfasst wurden. Doch gerade diese Zeit- und Themenspanne macht das Buch besonders eindrücklich, zeigt es doch Traditionslinien und politische Zusammenhänge der Islamisierung zum Beispiel in Iran, im Irak, in Afghanistan, Pakistan und Algerien, in deren Licht die zunehmende Kopftuchrate in deutschen Schulen diskutiert werden sollte.

Alice Schwarzer und ihre Kombattantinnen denken politisch und nicht popliterarisch. Für sie ist der Schleier keine individuelle Modeentscheidung, es trägt nicht das eine Mädchen aus Spaß ein Kopftuch und das andere aus demselben Spaß lieber Rastalocken. Das Kopftuch ist wie auch die Burka ein politisches und religiöses Symbol. Beide Kleidungsstücke folgen einem Menschenbild, nach dem Frauen unrein und dem Mann nachgeordnet sind. Der Schleier hat den Sinn, die durch das bloße Frausein verlorene Würde wiederzuerlangen. Eine unverschleierte Frau ist deswegen immer würdelos. Die zunehmende Verschleierung der Frau in den islamischen Ländern, aber auch unter Migrantinnen in Europa, ist auch für uns ein beunruhigender Vorgang. Denn wie, schreibt Rita Breuer, soll ein Mensch eine unverschleierte Frau achten, wenn »der Schleier als unverzichtbares Signal weiblicher Würde und einziger Schutz vor moralischer Entgleisung vermittelt wird?«.

Das Buch enthält einige erschütternde anonyme Erzählungen von jungen Frauen, die von Stiefvätern oder verschleierten Mitschülerinnen sukzessive unter das Kopftuch gezwungen wurden. Lehrerinnen berichten davon, wie immer mehr junge, moderne Mädchen nach den Sommerferien in ihren Heimatländern plötzlich mit Schleier und langem Mantel in ihre deutsche Schule zurückkehren. Im Namen der religiösen Freiheit wird diese Entwicklung von vielen verteidigt. Das Buch erinnert an die Debatte um ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen an Staatsschulen, in der sich Marieluise Beck, Renate Künast, Rita Süssmuth, Barbara John und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger für »religiöse Vielfalt statt Zwangsemanzipation« und damit auch für das Kopftuch an Staatsschulen aussprachen.

Die entscheidende Frage, ob Toleranz nicht intolerant werden muss, wo ihr eigenes Lebensrecht infrage steht, beantworten Alice Schwarzer und ihre Koautorinnen dagegen eindeutig: Frauen können es nicht tolerieren, wenn Frauenrechte beschnitten werden. Ein elementares Recht ist die Gleichbehandlung der Geschlechter durch den Staat, das wir unmöglich für interkulturelle Verhandlungen zur Verfügung stellen können. Wer an die natürliche Unterordnung und Unreinheit des Weibes glaubt, möge daran zu Hause weiter glauben. Alice Schwarzer hält zu Recht das Kopftuchverbot für Lehrerinnen noch nicht für ausreichend: Auch Schülerinnen sollten es im Unterricht nicht tragen. Denn es widerspricht nicht nur dem Gleichheitsgrundsatz, sondern eröffnet eine Relativierungsdebatte, in der sofort auch der Sportunterricht, das gemeinsame Schwimmen, die Klassenfahrt, der Biologie- und Geschichtsunterricht im Sinne der »kulturellen Vielfalt« infrage gestellt werden. Und warum, wenn das Kopftuch und der bodenlange Mantel den deutschen Schulalltag schon kulturell bereichern, gilt dann nicht auch Gleiches für die Burka? Und wenn die Burka, warum dann nicht auch Handschellen, Hundeleine oder Keuschheitsgürtel?

Leserkommentare
    • Chali
    • 23. September 2010 11:00 Uhr

    Als Ralph Giordano damals von seinem Ungehagen an den Pinguinen sprach, überlegte ich, warum ich dieses Gefühl teilte.

    Heute kann ich es benennen:
    Es ist die Unterstellung, ich als deutscher Mann (oder männlicher Deutscher) hätte meine Gefühle nicht unter Kontrolle. (Oder wie es jemer autralische Imam ausdrückte: Wenn ein Hund ein Stück Fleisch raubt, wäre ja nicht der Hund schuld.)

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    • w.h.k.
    • 23. September 2010 21:19 Uhr

    ... tatsächlich aus diesen Gründen eine Burka trägt, was hat das dann mit mir oder Ihnen zu tun? Über Sie und mich sagt das überhaupt nichts aus, sondern nur über die Vorurteile der Frau. Die sind mir aber vollkommen gleichgültig. Deshalb finde ich es unangemessen, ihr meine Vorstellungen aufzuzwingen. Die Welt (und Deutschland) ist voll von Menschen, die nicht nach meinen Vorstellungen leben. Aber wer bin ich denn, sie ihnen aufzwingen zu wollen?
    Und wer ist Frau Schwarzer, dass sie ihre Vorstellungen anderen aufzwingen will?

    Sie sollten den Beitrag @99 lesen, vielleicht
    ist für Sie die Frau dann mehr wert als ein Stück Fleisch!

  1. entfernt. Bitte gehen Sie höflich und respektvoll mit Ihrem Diskussionspartner um und bleiben Sie beim Thema des Artikels. Danke. Die Redaktion/ew

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    und bei der Bezahlung bin ich sehr geschwind.
    Jeder macht sich die Welt, wie sie ihr gefällt ;-)
    Nein mal im Ernst,
    A. Schwarzer kommt in "der Bild" so, wie der Scheich seine Sure im Vatikan verlesen würde.
    Das macht wohl der Großteil so, schade.

    • arinari
    • 23. September 2010 12:46 Uhr

    Soll das eine ernsthafte Antwort auf Verschleierung sein?
    Sie entziehen sich durch läppischen Spott.
    Ich kann nur Alice Schwarzer zu ihrem Mut gratulieren. Wer weiß, ob sie nicht nach diesem Buch auch bedroht wird, wie ander mutige Islamkritikerinnen.
    Die sog. Toleranten, die das Kopftuch als Bericherung sehen,
    verfestigen doch nur die Ungleichheit und die Macht der Männer. Warum relativieren Künast und Co hier die Gleichberechtigung von Mann und Frau?

    • Chali
    • 23. September 2010 11:05 Uhr

    ... ob das Verbieten und gebiten der richtige Weg ist.

    Es fällt ja bei der ganzen Debatte auf, dass es in Deutschland wieder darum geht, dass ANDERE etwas tun oder unterlassen soll. Da kommt mir das aktive Gestalten, das SELBST TUN ein wenig zu kurz. (Wenn wir "Verbieten" nicht als Tätigkeitswort ansehen wollen.)

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    • Chali
    • 23. September 2010 11:21 Uhr

    ... nicht vermocht hat, die jungen Frauen von ihrem eigenständigen Wert - als Mensch allgemein, nicht als Frau im Besonderen - zu überzeugen, wenn wir darin versagt haben, dann müssen wir resignieren.

    Ich vermag jedoch nicht zu erkennen, dass irgend jemand das Recht hätte, das zu verbieten.

    Insgesamt bin ich der Meinung, wir sollten erst einmal die 80% Integrationswilligen ins Boot holen, dann kümmern wir uns um den Rest.

    Die Integrationskurse sind ja nach wikipedia noch nicht so gut, wie sie sein könnten - aber immerhin, ein Anfang ist gemacht.

    • snoek
    • 24. September 2010 10:33 Uhr

    ... islamischer Frauen geht nicht ohne islamische Frauen. Wir können verbieten was wir wollen => es muss in deren Köpfen klick machen. Sie ziehen sich sonst nur noch mehr in diese Welt zurück, wenn Verbote als reine Schikane empfunden werden.

    Es ist schwierig jemanden zu "retten", der nicht gerettet werden will.

    • Mikoss
    • 23. September 2010 11:06 Uhr

    Es ist schon eine Verirrung zweiten Grades, wenn gerade in Schulen ein kulturrelevantes Zwangsinstrument verboten werden soll. Wo ja ansonsten fast alles erlaubt ist...

    Ich weiß nicht, wohin dieser einäugige Moralismus noch treiben wird, vielleicht haben wir den Scheitel gerade erreicht. Die Freiheit mit Verboten zu verteidigen, ist Schwarzers Erfindung nicht. Die Freiheit der Frau macht dabei keine Ausnahme, nur weil diese Wesen so einzigeartig begabt sind, WIDERSPRÜCHE zu leben.

  2. Und bitte jetzt nicht Schwarzer mit Sarrazin in einen Topf werfen!

    P.S.:
    Und da wir uns für die Gleichheit entscheiden, sollten wir Schuluniformen zur Pflicht machen. Die Schule und Bildung soll in den Mittelpunkt rücken. Symbole der Weltanschauung und des sozialen Status gehören nicht in die Schulen.

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    • Buh
    • 23. September 2010 12:20 Uhr

    ...dem recht auf persönlicher Selsbtentfaltung. Bei uns im Ort hat ein Schulleiter verucht einem Punk den irokesen zu verbeiten. Er ist gescheitert. Ein Kind soll unddarf seine Indentität auch über sein äusseres Suchen.

    "Und bitte jetzt nicht Schwarzer mit Sarrazin in einen Topf werfen!"

    um gottes willen! das wäre auch zuviel ehre für frau schwarzer.

    Bitte vertrauen Sie auf Arguemente. Die Redaktion/is

    • Chali
    • 23. September 2010 11:21 Uhr

    ... nicht vermocht hat, die jungen Frauen von ihrem eigenständigen Wert - als Mensch allgemein, nicht als Frau im Besonderen - zu überzeugen, wenn wir darin versagt haben, dann müssen wir resignieren.

    Ich vermag jedoch nicht zu erkennen, dass irgend jemand das Recht hätte, das zu verbieten.

    Insgesamt bin ich der Meinung, wir sollten erst einmal die 80% Integrationswilligen ins Boot holen, dann kümmern wir uns um den Rest.

    Die Integrationskurse sind ja nach wikipedia noch nicht so gut, wie sie sein könnten - aber immerhin, ein Anfang ist gemacht.

    • carol
    • 23. September 2010 11:24 Uhr

    entfernt. Wir wünschen uns sachliche und konstruktive Diskussionen zum Thema des Artikels. Bitte bemühen auch Sie sich darum, dazu beizutragen. Danke. Die Redaktion/ew

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  • Schlagworte Alice Schwarzer | Islam | Mode | SPD | Kopftuch | Renate Künast
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