Alice Schwarzer hat sich schon wiederholt für ein Burka-Verbot ausgesprochen, so auch in ihrem neuen Buch © Karlheinz Schindler/dpa

Eine schöne Welt wäre das, in der junge muslimische Frauen das Kopftuch zu Hotpants und High Heels trügen und man ganz unbekümmert durch den bunten großstädtischen Wirrwarr in Berlin-Neukölln flanieren könnte. Wir kennen sie aus der beliebten Berliner Fernsehserie Türkisch für Anfänger. So ließe es sich leben: heute ein bisschen Neukölln, morgen ein bisschen SoHo, Montag ein schickes Kopftuch, Mittwoch eine Gucci-Sonnenbrille. Alles zusammen friedlich vereint unter dem großen Glasdach der globalen Pop-Ikonografie und deren frei flottierenden Dekorationen und Warenangeboten. Eine Pop-Idylle, in der im Abspann alle zusammen das gleiche Eis essen oder die gleiche Limonade trinken und die nur der blöde Rechtspopulist manchmal noch stört.

Aber wer sollte dieses »man« sein, das angeblich so unbekümmert durch den schönen Wirrwarr in Neukölln flaniert? Und was hat das »man« dabei an? High Heels und Hotpants jedenfalls nicht. Kopftuch natürlich auch nicht. Denn es handelt sich bei diesem »man« mit Sicherheit um einen »Mann«. Und der hat etwas übersehen: Das gut gelaunte Nebeneinander wird nicht nur von verbohrten Rechtspopulisten infrage gestellt, sondern auch von Feministinnen.

Wenn »frau« durch Neukölln flaniert, sieht die Welt ein wenig anders aus. Zugegeben, nicht mehr so wie in meiner Berliner Jugend, in der mir von türkischen Familienvätern, deren Töchter zu Hause eingesperrt waren, beim unbekümmerten Flanierversuch durch meine Heimatstadt häufig Geld für Sex angeboten wurde, denn eine allein herumlaufende junge Frau war in ihrem nicht ganz so frei flottierenden und nicht ganz so gut gelaunten kulturellen Zeichensystem natürlich eine Hure. Eine Verwechslung, wie sie im großstädtischen Wirrwarr damals leicht passieren konnte. Aber auch heute spricht der Neuköllner Stadtbürgermeister Heinz Buschkowsky (SPD) davon, dass er nicht wünsche, dass in Neukölln »der Rückmarsch ins Mittelalter weiter fortschreitet, wie er es im Moment tut«. Selbst wenn der Stadtbürgermeister genauso übertreibt wie die Propagandisten des Neuköllner Flaneurwesens: Als junge Frau sollte »man« dort genauso wenig wie in Oran, Tanger oder Kabul allein flanieren. Jedenfalls nicht in kurzen Hosen. Und schon gar nicht ohne Kopftuch.

Und damit wären wir bei dem wichtigen Buch von Alice Schwarzer, das am 23. September und rechtzeitig zur aktuellen Debatte um Integration und Parallelgesellschaften erscheint und den großen Vorzug hat, aus dem unseligen Streit um Vererbung und Gene einen Streit um Menschen- und vor allem um Frauenrechte zu machen (Die große Verschleierung. Für Integration, gegen Islamismus . Verlag Kiepenheuer & Witsch). Alice Schwarzer mag uns oft geärgert haben, als sie (ja, man muss es immer wieder sagen) für das Tittenblatt Bild Reklame machte und sich taub stellte, wenn es um die Erfindung eines familienfreundlicheren Feminismus ging. Aber ihr Kampf für die Gleichberechtigung der muslimischen Frauen, der schon 1979 begann, als sie als eine der Ersten nach Teheran reiste und sofort vor der Radikalisierung des Chomeini-Regimes warnte, ist bewundernswert und darf nicht mit dem Rechtspopulismus zu einem Rührei verquirlt werden. So ist ihr neues Buch eigentlich ein altes, denn es zeichnet die Etappen dieser Auseinandersetzung – Iran, Afghanistan, Frankreich, Minarett-, Burka- und Kopftuchverbot – im Spiegel der Emma- Artikel aus über dreißig Jahren nach, die außer von Schwarzer unter anderem von Elisabeth Badinter, Djemila Benhabib, Gabriele Vensky und Necla Kelek verfasst wurden. Doch gerade diese Zeit- und Themenspanne macht das Buch besonders eindrücklich, zeigt es doch Traditionslinien und politische Zusammenhänge der Islamisierung zum Beispiel in Iran, im Irak, in Afghanistan, Pakistan und Algerien, in deren Licht die zunehmende Kopftuchrate in deutschen Schulen diskutiert werden sollte.

Alice Schwarzer und ihre Kombattantinnen denken politisch und nicht popliterarisch. Für sie ist der Schleier keine individuelle Modeentscheidung, es trägt nicht das eine Mädchen aus Spaß ein Kopftuch und das andere aus demselben Spaß lieber Rastalocken. Das Kopftuch ist wie auch die Burka ein politisches und religiöses Symbol. Beide Kleidungsstücke folgen einem Menschenbild, nach dem Frauen unrein und dem Mann nachgeordnet sind. Der Schleier hat den Sinn, die durch das bloße Frausein verlorene Würde wiederzuerlangen. Eine unverschleierte Frau ist deswegen immer würdelos. Die zunehmende Verschleierung der Frau in den islamischen Ländern, aber auch unter Migrantinnen in Europa, ist auch für uns ein beunruhigender Vorgang. Denn wie, schreibt Rita Breuer, soll ein Mensch eine unverschleierte Frau achten, wenn »der Schleier als unverzichtbares Signal weiblicher Würde und einziger Schutz vor moralischer Entgleisung vermittelt wird?«.

Das Buch enthält einige erschütternde anonyme Erzählungen von jungen Frauen, die von Stiefvätern oder verschleierten Mitschülerinnen sukzessive unter das Kopftuch gezwungen wurden. Lehrerinnen berichten davon, wie immer mehr junge, moderne Mädchen nach den Sommerferien in ihren Heimatländern plötzlich mit Schleier und langem Mantel in ihre deutsche Schule zurückkehren. Im Namen der religiösen Freiheit wird diese Entwicklung von vielen verteidigt. Das Buch erinnert an die Debatte um ein Kopftuchverbot für Lehrerinnen an Staatsschulen, in der sich Marieluise Beck, Renate Künast, Rita Süssmuth, Barbara John und Sabine Leutheusser-Schnarrenberger für »religiöse Vielfalt statt Zwangsemanzipation« und damit auch für das Kopftuch an Staatsschulen aussprachen.

Die entscheidende Frage, ob Toleranz nicht intolerant werden muss, wo ihr eigenes Lebensrecht infrage steht, beantworten Alice Schwarzer und ihre Koautorinnen dagegen eindeutig: Frauen können es nicht tolerieren, wenn Frauenrechte beschnitten werden. Ein elementares Recht ist die Gleichbehandlung der Geschlechter durch den Staat, das wir unmöglich für interkulturelle Verhandlungen zur Verfügung stellen können. Wer an die natürliche Unterordnung und Unreinheit des Weibes glaubt, möge daran zu Hause weiter glauben. Alice Schwarzer hält zu Recht das Kopftuchverbot für Lehrerinnen noch nicht für ausreichend: Auch Schülerinnen sollten es im Unterricht nicht tragen. Denn es widerspricht nicht nur dem Gleichheitsgrundsatz, sondern eröffnet eine Relativierungsdebatte, in der sofort auch der Sportunterricht, das gemeinsame Schwimmen, die Klassenfahrt, der Biologie- und Geschichtsunterricht im Sinne der »kulturellen Vielfalt« infrage gestellt werden. Und warum, wenn das Kopftuch und der bodenlange Mantel den deutschen Schulalltag schon kulturell bereichern, gilt dann nicht auch Gleiches für die Burka? Und wenn die Burka, warum dann nicht auch Handschellen, Hundeleine oder Keuschheitsgürtel?