NorwegenDemut und Rentierschulter

Auf dem norwegischen Pilgerpfad des heiligen Olav wandert man von Hof zu Hof – und der Einsamkeit entgegen. von Christian Schüle

Weder hatte ich eine Krise, noch suchte ich Gott. Weder litt ich unter Kummer, noch war ich ausgebrannt. Ich ging nach Norwegen, um spüren zu lernen, warum Menschen pilgern. Ich ging, um mich ergreifen zu lassen. Vielleicht würde sich eine mystische Erfahrung ergeben, vielleicht nur eine wunde Ferse. Niemand weiß, wie der Weg ihn führen wird. Schon damit fängt das Glück an.

Der Weg begann in Skåden. Für mich begann er in Skåden, für andere beginnt er in Oslo oder in Hamar oder in Lillehammer oder in Dombås. Es ist völlig egal, wo der Weg beginnt. Es ist unwichtig, von wo aus man aufbricht. Wichtig ist, dass man aufbricht. Wichtig ist das Ziel. Das Ziel des Pilgerwegs ist immer Trondheim, weil der heilige Olav in Trondheim begraben liegt, wahrscheinlich.

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Sicher ist, dass Olav um das Jahr 1020 in Skåden eine Kirche gründete. Wo sie eingefriedet war, stehen jetzt drei Scheunen aus rotem Holz und ein Stein und eine Birke, und kein Mensch ist zu sehen. Wenn die Sonne auf das Gras fällt, blendet es minzgrün. Dann regnet es, und das Gras wird stumpf. Der lange, breite Fluss im Tal heißt Lågen. Er kommt aus den Bergen und durchfließt das gesamte Gudbrandstal. Wenn die Sonne auf den Fluss fällt, ist seine Haut smaragdfarben, wenn Wolken sie verdecken, ist die Haut petrol. Der Weg verläuft, ohne Aufsehen zu erregen. An einer senilen Birke kurz hinter Skåden baumelt ein blutrotes Holzscheit mit dem Olavskreuz. Das Kreuz ist der Kompass des Pilgers, vier als Speerspitze zulaufende Enden, umschlungen vom schwarzen Rautensymbol für das nationale Kulturerbe. Wo ein Scheit oder ein Pfosten oder ein Markstein mit dem Kreuz auftaucht, dort verläuft der Pilgerweg, der immer auch der Weg der Könige war und der Weg der Post und der Weg des Volkes.

Nach Tagen hört man nur noch seinen eigenen Atem. Wer langsam atmet, geht nicht langsam. Er geht zügig und atmet tiefer. Je stiller es ist, desto stärker surrt im Gehör das eigene Blut. Man merkt nicht, dass man geht. Es geht. Entgegenkommen kann einem niemand, ein Pilgerweg ist immer Einbahnstraße. Sähe man ein Gesicht von vorn, dann gehörte es einem Wanderer oder Bienenzüchter oder Rentierjäger. Bis Fåvang ist kein Mensch zu sehen.

Der Weg verläuft von Hof zu Hof. Alle zwanzig Kilometer hat einer der Höfe ein Olavskreuz. Nur geprüfte Pilgerherbergen haben das Kreuz. Der Weg an den Höfen vorbei und weiter und fort ist so breit, dass ein Pferd ihn gehen kann oder ein Mann mit quer gelegtem Speer. Die speerbreite Schmalheit wurde im 13. Jahrhundert von König Magnus Håkonsson Lagabøte festgelegt, um die Pilger auf sicherem Pfad zu leiten. Sie kamen in Massen aus ganz Europa und gingen nach Trondheim, unter ihnen Könige, Erzbischöfe, Mönche, Priester.

Olav war 1030 in der Schlacht von Stiklestad gefallen, und man begrub ihn dort, wo heute der Dom von Trondheim steht, wahrscheinlich. Sofort geschahen Wunder an seinem Grab. Es genasen Krüppel und wurden Blinde sehend, und Olavs Barthaare und Fingernägel wuchsen im Sarg, und mit ihnen wuchs seine Verehrung. Am 3. August 1031 sprach die Kirche ihn heilig. Seither sind Abertausende zu seinem Grab gegangen. Sie waren blind oder verkrüppelt oder hatten Arthritis oder hatten ihren Mann im Krieg verloren oder das Kind durch Fieber. Die Hälfte starb auf dem Weg an Krankheit, Entkräftung, durch Morde, Blitze oder Bären.

Zwischen 1537 und 1953 war in Norwegen das Pilgern bei Strafe verboten, so lange hielt sich der strenge Geist der Reformation. Seit Kurzem erst ist König Olav aus den Verliesen verdrängter Helden wiederauferstanden, und das lutherische Norwegen streitet um ihn und seine Bedeutung und sein Erbe. Manche wollen wieder stolz auf den katholischen König sein, andere wollen ihn nicht brauchen. Bis zum heutigen Tag ist nicht entschieden, ob der kleine, dicke, rothaarige Olav das Land der Heiden mit Gewalt oder mit Geschick christianisierte, aber seit 1997 arbeiten Historiker, Fremdenverkehrspolitiker und Herbergsbesitzer am Pfad zu seinem Grab in Trondheim. Historische Dokumente wurden bemüht, mittelalterliche Stiche, neuzeitliche Aufzeichnungen, Münzen, Marksteine, Brücken, und das ganze Wissen von der großen, unbekannten Vergangenheit des Landes wurde Pi mal Daumen zum »Pilegrimsleden« montiert.

Leserkommentare
    • Azenion
    • 28. September 2010 16:37 Uhr

    Nicht erwähnt wurde, daß man einiges Geld braucht, um so sorglos durch die norwegische Gegend zu streifen. Wenn man sich die Anreise, die malerischen Herbergen und labenden Mahlzeiten nicht leisten kann, ist es vielleicht nicht ganz so erbaulich.

    Allerdings wendet sich die "Zeit" wohl auch eher an betuchtes Publikum.

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    • CHHN
    • 07. Oktober 2010 0:49 Uhr

    Soll Dir die Pilgerei auch noch der Sozialstaat bezahlen? So'ne Hardwurst kannst Du Dir ja wohl noch leisten und in den Rucksack stecken.

    Bitte diskutieren Sie auf einer sachlichen Ebene. Danke. Die Redaktion/er

  1. ...und wird von jedem, ob Kleinkind, ob Greis, zu jeder Jahreszeit betrieben. Da braucht es keinen Gott, den man suchen kann, da kommt die Demut von ganz allein. Jedes Wandern führt zur Einkehr in sich selbst. Dieser Wanderboom aus religiösen Gründen ist jedoch irgendwie nervig. Wenn mir eine Kirche auf dem Weg steht, dann halte ich auch inne. Den Heiligen Geist habe ich dennoch nie gesehen.

    • CHHN
    • 07. Oktober 2010 0:49 Uhr

    Soll Dir die Pilgerei auch noch der Sozialstaat bezahlen? So'ne Hardwurst kannst Du Dir ja wohl noch leisten und in den Rucksack stecken.

    Bitte diskutieren Sie auf einer sachlichen Ebene. Danke. Die Redaktion/er

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