Mit der Wehrpflicht ist es erstmal vorbei: Ein Bundeswehrsoldat hilft einem gerade eingezogenen Kameraden den Helm aufzusetzen © Frank May/dpaIst diese Woche wirklich eben mal so die Wehrpflicht abgeschafft worden, die zur Bundesrepublik gehörte wie der Bundesadler zum Plenarsaal? Ja, ihrer Einführung 1956 waren innenpolitische Gefechte vorausgegangen, aber seitdem war sie Teil des Inventars der Republik, und ihr kleiner Bruder, der Zivildienst, half eher noch sie zu legitimieren. Spätestens seit junge Männer de facto frei wählen konnten, ob sie lieber in der Kaserne oder im Kindergarten dienen wollten, konnten nicht nur CDU-, sondern sogar manche Grünen-Wähler dem Dienst etwas abgewinnen. Und noch vor einem Jahr beteuerten Politiker von CSU-Chef Seehofer bis zum damaligen Verteidigungsminister Jung, bis zur letzten politischen Patrone gegen die Wehrpflichtfeinde zu schießen. Wie also konnte sie so schnell in sich zusammenbrechen, 20 Jahre nachdem in Berlin die Mauer kollabierte?

Ostdeutsche haben Westdeutschen eine Erfahrung voraus: Sie trauen dem Frieden morscher Fassaden nicht. Wer die Kollaps- und Wendeerfahrung von 1989 am eigenen Leib erlebt hat, also zum Beispiel Menschen wie Angela Merkel, glaubt nicht an irdische Ewigkeiten, selbst dann nicht, wenn sie westdeutsch sind. Die Parole aber, Bundeswehr und Wehrpflicht seien untrennbar verbunden, war zuletzt bloß noch eine westdeutsche Selbstbeschwörung (und nirgendwo lauter anzutreffen als in der ehedem so westdeutschen Union aus CDU und CSU): Ihre Unverzichtbarkeit wurde in Ansprachen nicht deshalb so oft angerufen, weil sie wahr war, sondern damit sie endlich wieder wahr werde. Doch die Wirklichkeit war längst weiter.

In großen Teilen ist die Bundeswehr heute schon die, vor der uns die Wehrpflichtverteidiger immer gewarnt haben. Sie operiert global, sie ist fast pausenlos im Einsatz, vom Kosovo über Makedonien bis Afghanistan, und sie ist längst in ihrem Selbstverständnis als (manchmal) tötende und (auch) sterbende Truppe weiter denn je vom Alltagsempfinden des nicht kämpfenden Durchschnittsdeutschen entfernt. Auch wer die neue Gestalt der Bundeswehr für falsch hält, kann nicht verdrängen, wie wenig sich die Warnungen der Wehrpflichtbefürworter von einst bewahrheitet haben. Die Armee hat sich nicht zum Staat im Staate erhoben, die Generalität dominiert nicht über die zivile Führung, und die Soldaten sind keine Mordbuben geworden. Die Bundeswehr ist längst die Freiwilligenarmee, die sie jetzt werden soll. Weil Angela Merkel dies schneller erkannt hat als viele andere, musste Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg an der Wehrpflicht nur noch einmal energisch rütteln, und der morsche Mythos sackte fast geräuschlos in sich zusammen.

Kann man die Wehrpflicht abschaffen, ohne die Bundesrepublik abzuschaffen? Man kann. Guttenbergs Aufräumaktion stellt militärisch die Verhältnisse vom Kopf auf die Füße – politisch ist die Wirkung gerade umgekehrt. Es gerät jetzt einiges durcheinander in der Bundesregierung. Zwar hat der Baron auch diesmal wieder jene energische Beiläufigkeit an den Tag gelegt, die seine Kritiker als penetrant empfinden, seine Bewunderer als lässig. Doch mit der Bundeswehrreform erzwingt er auch eine Beweislastumkehr in eigener Sache: Es wird seinen Gegnern künftig schwerer fallen zu behaupten, Guttenbergs Erfolge seien keine der Leistung, sondern bloß der Darstellung. Diesmal setzt er eine echte Reform um, anders als bei seinem rein rhetorischen Veto als Wirtschaftsminister gegen eine staatliche Rettung des Opel-Konzerns oder bei seiner platzregenartigen Entlassung des Generalinspekteurs in der Affäre um das Bombardement von Kundus. Aber war er nicht einst auch ein Wehrpflichtfreund? Der Vorwurf verwechselt Einsicht aus Vernunft mit Abkehr als Verrat. Guttenbergs Abschaffung der Dienstpflicht wird an Coolness bloß von der scheinbaren Absichtslosigkeit übertroffen, mit der ein 38-Jähriger seinen Chef entthront. Horst Seehofer, erst Wehrpflichtrecke, jetzt Wendehals, ist künftig CSU-Vorsitzender nur noch dem Namen nach. Auch das ist ein Abschied von der alten Bundesrepublik.

Noch muss die Aussetzung der Wehrpflicht, wie von der Koalition vorgesehen, Gesetz werden (als theoretische Möglichkeit bleibt die Pflicht bestehen). Dann aber erwächst der Bundesregierung in dem 38-jährigen Verteidigungsminister endgültig die zweite bestimmende Figur neben Angela Merkel. Mit der Bundeswehrreform zeigt Guttenberg: Politik ist möglich. Konkurrenz erwächst der CDU-Vorsitzenden durch den CSU-Mann darum noch lange nicht. Eher hat er der Kanzlerin zu einer Ehrenrettung ihres Prinzips der »Führung von hinten« verholfen: Solange sie vorne einen hat, der beherzt handelt, ist die Anführerin hinten ganz gut aufgehoben.