Vor einiger Zeit machte ich eine längere Reise durch den Osten der Slowakei. Seitdem die kommunistische Staatsmacht zerfallen war, waren dort auf den vergifteten Böden aufgelassener Industriekombinate, im urbanen Niemandsland zwischen Gewerbezone und Autobahnauffahrt zahllose Siedlungen entstanden, in denen sich die Roma drängten. Aus der Ferne muteten die Siedlungen pittoresk an wie das tanzende Leben selbst, das in so vielen Filmen verklärt wird, aus der Nähe sah ich, dass hier nicht nur die Abwässer versickerten, sondern auch jede Hoffnung in Schlamm, Morast, Apathie versunken war.

Bis 1989 hatte die Staatsmacht die Roma fast überall in Osteuropa zur Sesshaftigkeit gezwungen und ihnen um den Preis, dass sie ihrer traditionellen Kultur und angestammten Lebensweise entsagten, den prekären Status von Proletariern unter anderen Proletariern gesichert. Zur Arbeit wurden sie genötigt, vor rassistischen Übergriffen beschützt. Als jedoch die Staatsbetriebe privatisiert, oft auch um einen Bettel verschleudert wurden, waren sie die Ersten, die die Arbeit, den Versicherungsschutz, die Wohnung verloren. Sie hätten durchaus so etwas wie eine industrielle Reservearmee abgeben sollen, mit deren Existenz sich die Löhne in dem anfangs wie entfesselten Kapitalismus drücken ließen.

Aber die Roma, nicht nur aus den Betrieben, sondern auch aus ihren Betriebswohnungen und den Arbeitersiedlungen geworfen, in die sie zuvor zwangsweise geholt worden waren, wollten und konnten nicht. Bald fanden sie sich als Auswurf der Gesellschaft dort, wo sich sonst jeder zu leben weigerte, an den krätzigen Rändern der kleinen Städte und Dörfer. Und diese Ränder wuchsen und verfielen zugleich. Für jene, die den Sarrazinschen Wert des Menschen danach bemessen, was er zum wirtschaftlichen Wachstum beizutragen vermag, wurden die Roma damit zu wert- und nutzlosen Menschen, die nicht einmal als Reservearmisten taugen, aus denen bei Bedarf billige und ungelernte Arbeitskräfte rekrutiert werden können.

Als ich in der Slowakei unterwegs war, staunte ich als Erstes darüber, dass es so nah bei uns, mitten in Europa, Abertausende Siedlungen gab, von denen ich bisher geglaubt hatte, sie würden sich nur in den Megalopolen Asiens oder den Hungerländern Afrikas finden. Was ist ein Slum? Eine Siedlung der Elenden wird nicht dadurch zum Slum, dass ihre Häuser bloß Hütten sind, kein Strom zugeführt wird, die Abwässer nicht abgeleitet werden; es genügt nicht, dass die Leute dort bettelarm sind und es an sozialen Einrichtungen mangelt: Das alles macht einen Slum nicht aus.

Ich brauchte eine Weile, bis ich begriff: Das Wesen eines Slums ist – seine Unsichtbarkeit. Die Ausgestoßenen leben unter uns, aber sie bleiben unsichtbar. Tausende fahren täglich an ihren Siedlungen vorbei, aber sie sehen sie nicht. Der Slum existiert nebenan, aber er ist trotzdem nicht von dieser Welt, er gehört zu einer anderen, in der andere Lebewesen nach anderen Gesetzen leben.

Solange die Welt so strikt geteilt ist, ist sie für jene, die die Roma nicht mögen, in Ordnung. Die Roma aber wollen sich nicht mehr darein fügen, dass sie in ihrer Welt und unsichtbar zu bleiben haben. Aus den Slums, in die sie verwiesen wurden, brechen sie auf, und binnen weniger als einem Jahrzehnt haben sie sich ganz Europa erschlossen. In jeder der hübschen Fußgängerzonen zwischen Örebro und Bozen sitzen jetzt ein paar von ihnen bettelnd vor den Kaufhäusern, und in den Passagen von Nantes stehen so wie in denen von München unfehlbar einige Musikanten, vor sich die Mütze mit einer Handvoll Münzen darin und im Gesicht jenes Lächeln, von dem man nicht weiß, ob es Demut oder Renitenz ausdrückt.

Dass die Roma in ihre schmucken Städte gekommen sind, ist vielen Europäern lästig. Von ihren Gemeinden verlangen sie, dass sie Bettelverbote erlassen, von den Regierungen, das für die ökonomische Entwicklung der Union unverzichtbare Grundrecht der Freizügigkeit für diese eine, ethnisch gefasste Gruppe außer Kraft zu setzen.