Sopranistin Mojca Erdmann Sie beseelt jede Partie
Sopran der Zukunft: Mojca Erdmann begeistert mit Neuer Musik, als sänge sie Mozart. In Salzburg brillierte sie in Wolfgang Rihms Oper "Dionysos"
Am Sängerhimmel ist es jenseits der vertrauten Flugrouten einsam. Die meisten Flüge gehen von Händel nach Puccini, von Strauss nach Wagner und wieder zurück. Wer aber seine Partie nicht mit einer Referenzaufnahme aus dem CD-Regal trainieren kann, weil er auf die Noten vom Komponisten wartet, während der Uraufführungstermin näher rückt, der ist in dünner Luft allein unterwegs. Einen solchen Sensationsflug in einsamer Höhe hat in diesem Jahr in Salzburg Mojca Erdmann unternommen, als sie die weibliche Hauptrolle in Wolfgang Rihms Nietzsche-Oper Dionysos sang. Die Festspielzeit mag zu Ende sein, aber der Sopran von Mojca Erdmann will uns einfach nicht aus dem Kopf gehen: Er hat sich als die schönste Stimme dieses Sommers eingeprägt.
Anna Netrebko hat vor acht Jahren die Donna Anna in Mozarts Don Giovanni gesungen, als sie das Salzburger Publikum betörte und ihre Weltkarriere startete, Mojca Erdmann gelingt Ähnliches mit neuer Musik von Rihm: Niemand im Festspielhaus hörte am Uraufführungsabend die Plage, die jedem anderen die Ortung der schwindelerregend hohen und wie wild über die Notenlinien gewürfelten Töne bereitet hätte; keiner vernahm die Mühe, die das Lernen und Memorieren solcher Partien bereitet. In Rihms abweisend schwerer Partitur, in der die Sängerin den umnachteten Philosophen Nietzsche als plappernde Nymphe anlockt, ihn als laszive Hure umschmeichelt und als sphinxhafte Ariadne verlässt, gibt es Momente eines vokalen Zickzacks, einer ungesicherten Kletterei, dass man eigentlich den Alpenverein einschalten möchte. Unbegreiflich, dass die Stimme der 35-jährigen Hamburgerin auch in dreigestrichenen Problemzonen nie an Wärme und Wohllaut verliert. Wo andere Sopranistinnen weiß, eng, piepsig-soubrettenhaft oder gar nach Akupunktur klingen, tönt Mojca Erdmanns Sopran lyrisch und wie mit Samt ausgeschlagen. Wie eine moderne Zerbinetta zwitscherte sie, treffsicher, steil und lerchenhaft aufsteigend und alles in wunderschönem Legato gebunden. Wie ist das möglich?
Mojca Erdmann hat zur Musik von heute ein besonderes Verhältnis. Für Erdmann ist sie kein Schreckenskabinett, das man aus Imagegründen gelegentlich durchschreiten muss. Ihr Vater ist Kompositionsprofessor in Hamburg und Flötist, »und wenn Papa daheim übte, mussten wir Kinder leise sein«. Lauschen und Lernen gingen von Kindesbeinen ineinander, im Kinderchor der Hamburgischen Staatsoper war die Bühne für Mojca Erdmann alsbald ein freundliches Terrain – und der Quintenzirkel von jeher nur eine Möglichkeit unter vielen. Und da sie als Gipfel der Geschenke aus einer musischen Kindheit auch das absolute Gehör besitzt, war der Umgang mit Neuer Musik für sie wesentlich einfacher als für andere. Ihre Lehrer Evelyn Herlitzius, Hans Sotin und Ingrid Figur mussten ihr die Notwendigkeit einer breiten, nicht bescheuklappten Musizierhaltung gar nicht nachdrücklich vermitteln, Schülerin Mojca wusste selbst, was zu tun war. Der Rest war Singen.
Hört man Mojca Erdmann bei Rihm dabei zu, denkt man verblüfft: Von Mozart ist das gar nicht weit entfernt. Mozart ist in der Tat ihr Schutzpatron. Von seinen Kantilenen und Koloraturen fühlt sie sich geleitet, von ihnen zehrt sie auch bei Rihm: »Man muss jede Partie beseelen«, sagt sie, »bei Mozart lernt man das am besten.«
Ihr superfeines absolutes Gehör ist übrigens manchmal auch eine Strafe, wenn Mojca Erdmann etwa eine neue barocke Partie in tiefer Stimmung singen muss. »Dann schreibe ich mir das einfach einen halben Ton tiefer, damit ich es aushalten kann.« Auch in normalen Opern- und Orchestersituationen nimmt sie haarfeine Nuancen wahr: »Für mich ist das ein erheblicher Unterschied, ob ein Orchester auf 441 oder auf 443 Hertz gestimmt ist.« Solche Aussagen mögen nach professioneller Deformation klingen, nach einer seltsamen Form von Überempfindlichkeit, aber man muss wissen, das Mojca Erdmann im Nebenberuf auch eine exzellente Geigerin ist. Und Geiger haben, anders als Pianisten, immer ein sensitives Gespür für Tonhöhe und Intonation.
Wolfgang Rihms Sopran-Muse ist Mojca Erdmann schon länger. Vor einem Jahr hatte er für sie die Oper Proserpina geschrieben, einen riesigen Monolog, über dem der Komponist so lange brütete, dass die Noten erst kurz vor Probenbeginn bei ihr eintrafen. Erdmann lernte Tag und Nacht, um den Schwetzinger Festspielen eine Uraufführungsabsage zu ersparen. Sie schaffte es und sagt heute: »Rihm schreibt Musik, die man wunderbar singen kann.« Er komponiere keine angewandte Mathematik, und dass er ein warmherziger Mensch sei, höre man seiner Musik an: »Er ist ein Lyriker, der mit Stimmen vorbildlich und human umgeht.« Wer die Noten sieht, könnte freilich anderer Meinung sein.
Salzburg war, anders als Schwetzingen vor Jahresfrist, eine angenehme Erfahrung. Die Noten kamen früh, und: »Wir waren ja im Kollektiv Unwissende mit dieser Musik«, berichtet Mojca Erdmann, das habe die Arbeit ungemein erleichtert. »Keiner von uns war mit seinem Suchen und Bangen allein.« Und dann war da ja auch die Bühne, das Orchester, das große Furioso des Dramatischen, das den Sänger hilfreich abfederte. Bei Liederabenden ist das nicht der Fall, »da bist du nackt, da befindet sich nichts zwischen mir und meinem Publikum«. Und nur der Pianist steht zur Seite, weswegen Mojca Erdmann es nicht dankbar genug preisen kann, dass ihr in Gerold Huber stets einer der einfühlsamsten Liedbegleiter der Gegenwart assistiert. Huber ist ihr Seismograf: »Der bekommt alles mit, jede spontane Tönung, sogar ein subito piano, das wir gar nicht geprobt haben.«
Dass sie für ihre Rihm-Überwältigung von Publikum und Fachpresse lauter Krönchen aufgesetzt bekam, freut sie natürlich. Ihre Befürchtung, sie werde nach dem Erfolg nur noch als Expertin für Zeitgenössisches nachgefragt, ist allerdings unbegründet. Ihre Karriere, das kann jeder buchungswillige Intendant nachlesen, favorisiert mitnichten die Moderne. Ein kleiner Auszug aus dem sängerischen Aktionsradius von Mojca Erdmann liest sich so: Sie ist Zelmira in Glucks Armida und Blondchen in Mozarts Entführung aus dem Serail. Sie gibt den Waldvogel in Wagners Siegfried, die Sophie im Rosenkavalier von Richard Strauss und das Ännchen in Webers Freischütz. Kent Nagano, Simon Rattle und Nikolaus Harnoncourt zählen zu ihren Anhängern; James Levine hat sie an die Metropolitan Opera nach New York eingeladen, wo sie demnächst als Sophie und Susanna gastieren wird. Im Frühjahr soll bei der Deutschen Grammophon ihr Debütalbum mit Mozart-Arien erscheinen, jetzt schon ist sie auf CD mit apart-vielseitigen Offerten zu hören: Mahlers Vierter Symphonie, Offenbachs Opéra comique Coscoletto, Lieder von Aribert Reimann, Ravels L’enfant et les sortilèges, Schumanns Faust-Szenen. Diese Angebotspalette klingt nicht nach begrenzter Zuständigkeit.
Beim Bonner Beethovenfest wird Mojca Erdmann an diesem Sonntag gemeinsam mit dem Minguet-Quartett auftreten: Sie musizieren Peter Ruzickas Sechstes Streichquartett mit Singstimme und Aribert Reimanns Bearbeitung von Schumann-Liedern. Das Publikum wird wohl eine Sängerin erleben, deren Töne nicht nur mikroskopisch genau platziert sind, sondern auch wundervoll klingen. Vermutlich ein bisschen nach Mozart.
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- Datum 15.09.2010 - 10:12 Uhr
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- Quelle DIE ZEIT, 16.09.2010 Nr. 38
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