Mitten in Hamburg ist es. Dort, wo vom Hafen her die Möwen segeln und wo die Straßen große Namen tragen. Wo die Kaiser-Wilhelm-Straße den Gorch-Fock-Wall kreuzt, wo Schilder in Richtung Elbbrücken und Jungfernstieg weisen, dort liegt, verkehrsumtost, der Johannes-Brahms-Platz. Wenn die Ampel Grün zeigt, hat man ihn in zehn Sekunden überquert und dann auch schon vergessen, weil der Verkehr uns immer weiterträgt. Und damit unsere Gedanken.

Jetzt ist aber gerade Rot. So wie immer Rot zu sein scheint, wenn wir an eine Ampel kommen.

Wir stehen also und fangen an zu grübeln: Welche Macht im Land verteilt eigentlich das Grün? Wer verschenkt an all den Kreuzungen die Zeit – und stiehlt sie wieder? Und wie ist es bestellt um das Verhältnis zwischen Mensch und Ampel, zwischen Individuum und Obrigkeitssignal, das Vorfahrt gibt und nimmt ( und manchmal Amt und Würden raubt, wenn man es missachtet wie Margot Käßmann )?

Jede Stadt hat ihre Kreuzung, an der sich alles ballt und balgt: Berlin den Potsdamer Platz, München den Stachus, Hamburg den Brahms-Platz, gerade erst renoviert. Und fast jeder Mensch kennt eine Ampel, die sein Heim von seiner Arbeit trennt, an der er steht und hadert, an der jeder nur an sich denkt und sich doch alle einig sind in einer Frage: Was haben "die" sich dabei wieder nur gedacht?!

Die Ampel steht für die Macht des Staates, stumm und unbestechlich. Es heißt, die Deutschen respektierten ihre Ampeln wie keine andere Nation – und hassten sie zugleich. Vielleicht könnten sich Volk und Staatsmacht ja versöhnen, wenn man sie endlich mal verstünde, diese Ampeln.

"Lichtsignalanlagen."

Wie bitte?

"Wir reden hier von Lichtsignalanlagen", sagt der Mann in Zimmer D 5.06 noch einmal, langsam und sehr leise. Und so, wie er dabei über seine Lesebrille blickt, ist mit der Sache nicht zu spaßen. Oder war da doch ein Lächeln für den Laien?

Wer wissen will, welche unsichtbare Hand uns durch die Straßen führt, landet in Hamburg beim Landesbetrieb Straßen, Brücken und Gewässer, versteckt in einem Backsteinblock im Stadtteil Hammerbrook, wo sich die schicke City Schritt für Schritt an Hafenödnis verliert. Hier sitzen Computerfirmen und Telefondienstleister, Krankenkassen und Behörden. Es ist, als habe die Stadt alles Unglamouröse ausgelagert in ein Exil für Techniker und Bürokraten. Ein Exil der Ernsthaftigkeit. Nicht unbedingt ein schillernder Ort. Vermutlich würde sogar an einem Tag der offenen Tür niemand kommen. Deshalb gibt es auch keinen.

Doch jetzt sitzen in Zimmer D 5.06 zwei Verkehrsingenieure in den Fünfzigern, das Haar ergraut, gutmütig in der Ausstrahlung. Roland Hansen, ein großer Mann mit Silberbart wie Hemingway, und Michael Bahr, etwas kleiner und mit weißem Haarkranz. Hansen ist seit 17 Jahren für die Straßenplanung zuständig, für Kurvenradien und Fahrspurbreiten, Bahr seit 25 Jahren für die Amp..., nein: Lichtsignalanlagen. Auf einem Konferenztisch haben sie eine Karte aufgefaltet, die an ein Schnittmuster erinnert. Nur sieht alles noch mal komplizierter aus. In den Augen der beiden Männer glimmt Stolz. Endlich ein Bürger im Büro!

Das da auf der Karte, sagt Bahr, sei der Brahms-Platz. In seinen Akten schlicht "Knoten 257", aber womöglich die aufregendste Kreuzung der Stadt: "Ein innerstädtischer fünfarmiger, signalgeregelter Knotenpunkt mit der Verkehrszusammensetzung Kfz, ÖPNV und Rad." Heißt wohl: Morgens, mittags, abends treffen hier aus allen Himmelsrichtungen zigtausend Seelen in Eile aufeinander. Alle paar Sekunden kommt ein Autoschwall von Norden und von Süden, alle paar Sekunden einer aus dem Westen und dem Osten. Dazu Fußgänger, Radfahrer, Busse. Und jeder will rüber. Sofort.