DIE ZEIT: Sie sind Kämmerer in ganz unterschiedlichen Städten. Gibt es etwas, worum Sie den anderen beneiden?

Hartmut Vorjohann: Ich bin sehr glücklich in meiner Stadt und stolzer Dresdner. Neidisch auf Wuppertal? Da gibt es eigentlich nichts.

Johannes Slawig: Es wäre schon schön, in einer Stadt ohne Schulden zu arbeiten. Der Blick nach Dresden ist faszinierend.

ZEIT: Wuppertal ist fast pleite. Dresden gilt als reiche Stadt. Damit wir uns vorstellen können, was das für den Alltag der Bürger bedeutet, lassen Sie uns Quartett spielen: Wie viele städtische Theater haben Sie? 

Vorjohann: Bei uns gibt es das einzige Operettenhaus in Deutschland und ein Kinder- und Jugendtheater. Beide finanziert die Stadt.

Slawig: Die Wuppertaler Bühnen haben drei Sparten: Theater, Oper und Tanztheater.

ZEIT: Schwimmbäder?

Vorjohann: Elf Frei- und vier Hallenbäder.

Slawig: Ich habe gerade vorgeschlagen, dass wir fünf Bäder schließen. Wenn das geschieht, bleiben noch ein städtisches Freibad und fünf Hallenbäder.

ZEIT: Wie viele Kita-Plätze fehlen?

Vorjohann: Die Geburtenrate in Dresden hat sich seit Mitte der Neunziger verdoppelt, dementsprechend haben wir das Platzangebot verdoppeln müssen. Diesem Trend laufen wir ein bisschen hinterher. Es fehlen uns deswegen etwa 500 Plätze.

Slawig: Wuppertal schrumpft. Wir haben immer weniger Kinder, und deswegen mangelt es nicht an Kindergartenplätzen. Allerdings können wir nicht alle Kinder unter drei Jahren betreuen. Da fehlt das Geld. Den Rechtsanspruch auf die Betreuung, den es von 2013 an geben wird, können wir nicht erfüllen. Das steht heute schon fest.

ZEIT: Sie verstoßen dann gegen das Gesetz?

Slawig: Da wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben. Wir können ja auch vieles andere nicht mehr leisten. Viele Frostschäden des vergangenen Winters sind bis heute nicht beseitigt. Wir müssen Gebäude schließen, weil wir kein Geld für ihre Sanierung haben…

ZEIT: Wie typisch sind Sie: die arme, schrumpfende Westkommune und die reiche, wachsende Ostkommune? 

Vorjohann: Ich wünschte mir, wir wären typisch. Leider ist das nicht so. Der Osten verliert immer noch Menschen, die Wirtschaftskraft liegt deutlich zurück, und es werden immer noch weniger Steuern eingenommen als im Westen. Auch 20 Jahre nach der deutschen Wiedervereinigung sind die Lebensverhältnisse nicht einheitlich. Wir sind davon leider noch weit entfernt, dem Osten geht es in der Summe schlechter.

Slawig: Wuppertal steht für einen Trend, leider. Immer mehr westdeutsche Großstädte sind hoch verschuldet – und dies nicht in erster Linie wegen eigener Fehler. Sie leiden unter dem Strukturwandel: Die Zahl ihrer Einwohner sinkt, die der sozialversicherungspflichtigen Jobs auch. Dafür wächst die Zahl derjenigen, die staatliche Hilfe brauchen. Viele Städte werden deswegen auch nicht mehr allein aus der Schuldenfalle herauskommen. 

ZEIT: Die Wuppertaler Politiker sind an nichts schuld?

Slawig: Wir haben sicher Fehler gemacht, keine Frage. Wir haben zu spät neue Gewerbegebiete ausgewiesen, und es gab das eine oder andere, was ich heute als Maiglöckchen-Wunsch ablehne. Aber das waren Einzelfälle! An den meisten Problemen sind wir tatsächlich nicht schuld. Anders lässt sich doch auch nicht erklären, dass so viele Städte in Nordrhein-Westfalen, aber auch in Niedersachsen und Rheinland-Pfalz ähnlich stark betroffen sind.

ZEIT: Wie wär’s mit Sparen?

Slawig: Selbst wenn wir alle freiwilligen Leistungen der Stadt Wuppertal morgen einstellen würden – beispielsweise Schwimmbäder, Museen, Bibliotheken, Theater, Zoo, Sinfonieorchester –, dann würde das nicht reichen, den strukturellen Fehlbetrag des Haushaltes auszugleichen. Wir realisieren zurzeit trotzdem das zehnte Sparpaket. Aber was uns so zu schaffen macht, ist dieses Vergeblichkeitsgefühl: Trotz aller Einschnitte reicht es nicht. Das heißt: Über unsere eigenen Maßnahmen hinaus müssen Bund und Land uns unter die Arme greifen.