Damit zu Beginn kein Missverständnis entsteht: Unsere Gesellschaft braucht mit Sicherheit eine tabulose und offene Diskussion über die Misserfolge unserer Integrationspolitik. Und über die Erfolge, die es eben auch gibt und an denen man mehr für eine bessere Integration von Zuwanderern lernen kann als am Gegenteil. Aber kein Zweifel: Es gibt Parallelgesellschaften, in denen die Scharia wichtiger ist als das Grundgesetz. Es gibt Hassprediger und auch eine erkennbar höhere Kriminalität. Und es gibt auch Bildungsferne und Bildungsverweigerung. Vieles davon hat mit einer sich verfestigenden Unterschicht ohne wirkliche Aufstiegschancen zu tun. Das trifft auch deutsche Jugendliche und deutsche Erwachsene, aber Ausländerinnen und Ausländer sind dort überdurchschnittlich vertreten. Aber das ist nicht die einzige Erklärung, und die unübersehbaren Probleme haben ihre Ursachen nicht nur im Integrationsversagen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrer Politik, sondern auch in erheblicher Integrationsverweigerung bei einem nicht kleinen Teil der betroffenen Migranten. Es gibt deshalb keinen Grund, Thilo Sarrazin oder andere zu kritisieren, wenn sie diese mangelnde Integrationsbereitschaft anprangern. Über all das darf, ja muss laut und vernehmlich geredet und auch gestritten werden. Und dafür sollte in Deutschland niemand aus der Bundesbank oder einer Partei geworfen werden.

Liest man allerdings sein Buch, stellt man fest: Es geht darin im Kern gar nicht um Integration. Es ist ein Buch über »oben« und »unten« in unserer Gesellschaft und darüber, warum es nicht nur gerecht, sondern auch aus biologischen Gründen völlig normal ist, dass es dieses »Oben« und »Unten« gibt. Dass in Sarrazins Buch Muslime vorkommen, liegt vor allem daran, dass sie in unserer Gesellschaft meist »unten« anzutreffen sind. Für Thilo Sarrazin sind sie fast zufällige Beispiele in einer wesentlich grundsätzlicheren Debatte.

Eines steht fest: Man kann Thilo Sarrazin jedenfalls nicht vorwerfen, er würde nicht klar und deutlich schreiben, was er denkt und was er will. Sein Buch ist nicht mehr und nicht weniger als die Rechtfertigungsschrift für eine Politik, die zwischen (sozioökonomisch) wertvollem und weniger wertvollem Leben unterscheidet. Er greift dabei zurück auf bevölkerungspolitische Theorien, die Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grundlage für die schrecklichsten Verirrungen politischer Bewegungen wurden. Staatliche Entscheidungen über gewünschtes und unerwünschtes Leben führten in Schweden – unter Anleitung von Sozialdemokraten (!) – zu 60.000 Sterilisationen. Und auch in Deutschland war es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sowohl in bürgerlichen wie in sozialdemokratischen Kreisen durchaus populär, für eine vom Staat getroffene Unterscheidung zwischen gewünschter und unerwünschter Fortpflanzung einzutreten. Am katastrophalen Ende bemächtigten sich die Nationalsozialisten der Eugenik. Andere hatten ihnen dafür den Boden bereitet, und Wissenschaftler lieferten die perversen Begründungen für die Auslöschung »unwerten« Lebens.

Es gibt also reale Erfahrungen mit den Allmachtsfantasien einer Politik, die meint, die besseren Menschen schaffen zu können. Thilo Sarrazin ist gewiss kein Rassist, aber obwohl er freimütig die Urheber dieser Bevölkerungstheorien zitiert und für sich in Anspruch nimmt, ist ihm diese historische Einordnung keine Zeile wert. Stattdessen formuliert er: »In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es immer mehr Angriffe auf die Fragestellung. Diese Attacken waren letztlich Ausdruck von Wertungen, die gewisse Fragen als unzulässig verwarfen. Aber sie waren nicht empirisch begründet.« (S. 353) Wie weit muss man sich intellektuell verirren, um die Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollständig auszublenden, obwohl sie natürlich der grauenhafteste »empirische Befund« waren, den man für die Unzulässigkeit derartiger »Fragestellungen« finden kann. Das Grundgesetz ist ja – den Nürnberger Ärzteprozess noch vor Augen – gerade gegen diese Verbindung der sozialen mit der genetischen Frage geschrieben worden.

Diesen Hintergrund weder recherchiert noch veröffentlicht zu haben, ist übrigens der eigentliche Vorwurf, den man den Medien machen muss, die Thilo Sarrazins Buch zur Förderung des Buchverkaufs (und der eigenen Auflage) vorab publiziert haben. Wer so viel eigene Verantwortung für grundlegende Missverständnisse in der Rezeption des Buches trägt, von dem darf man wohl auch hinterher nicht viel mehr erwarten als ein bisschen Stilkritik zur Meinungsbildung in der SPD oder der Bundesbank.

Sarrazin hält das Entstehen von »oben« und »unten« in unserer Gesellschaft für das Ergebnis natürlicher Auslese durch Vererbung: »Intelligenz ist aber zu 50 bis 80 Prozent erblich. Deshalb bedeutet ein schichtabhängig unterschiedliches generatives Verhalten leider auch, dass sich das vererbte intellektuelle Potenzial der Bevölkerung kontinuierlich verdünnt.« (S. 91/92)

Das ist Sarrazins fast noch harmlos klingende Ausgangsthese. Nun könnte man ja durchaus in einen wissenschaftlichen Streit über den Anteil vererbbarer Intelligenz eintreten wie auch über die intellektuellen Entwicklungspotenziale eines Menschen, die vor allem von frühkindlicher Förderung, kognitiver und emotionaler Anregung abhängen und nicht überwiegend oder gar ausschließlich von den Erbanlagen der Eltern. Das ist aber nicht das eigentliche Problem dieser These. Sondern sie beinhaltet, dass die Angehörigkeit zu einer Schicht ganz primär mit der vererbten Intelligenz zu tun hat. Thilo Sarrazin behauptet denn auch, dass es »belegt ist (…), dass zwischen Schichtzugehörigkeit und Intelligenzleistung ein recht enger Zusammenhang besteht«. (S. 93)