Gabriel über Sarrazin : Welch hoffnungsloses Menschenbild!

Warum die SPD einen Thilo Sarrazin in ihren Reihen nicht dulden kann

Damit zu Beginn kein Missverständnis entsteht: Unsere Gesellschaft braucht mit Sicherheit eine tabulose und offene Diskussion über die Misserfolge unserer Integrationspolitik. Und über die Erfolge, die es eben auch gibt und an denen man mehr für eine bessere Integration von Zuwanderern lernen kann als am Gegenteil. Aber kein Zweifel: Es gibt Parallelgesellschaften, in denen die Scharia wichtiger ist als das Grundgesetz. Es gibt Hassprediger und auch eine erkennbar höhere Kriminalität. Und es gibt auch Bildungsferne und Bildungsverweigerung. Vieles davon hat mit einer sich verfestigenden Unterschicht ohne wirkliche Aufstiegschancen zu tun. Das trifft auch deutsche Jugendliche und deutsche Erwachsene, aber Ausländerinnen und Ausländer sind dort überdurchschnittlich vertreten. Aber das ist nicht die einzige Erklärung, und die unübersehbaren Probleme haben ihre Ursachen nicht nur im Integrationsversagen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrer Politik, sondern auch in erheblicher Integrationsverweigerung bei einem nicht kleinen Teil der betroffenen Migranten. Es gibt deshalb keinen Grund, Thilo Sarrazin oder andere zu kritisieren, wenn sie diese mangelnde Integrationsbereitschaft anprangern. Über all das darf, ja muss laut und vernehmlich geredet und auch gestritten werden. Und dafür sollte in Deutschland niemand aus der Bundesbank oder einer Partei geworfen werden.

Liest man allerdings sein Buch, stellt man fest: Es geht darin im Kern gar nicht um Integration. Es ist ein Buch über »oben« und »unten« in unserer Gesellschaft und darüber, warum es nicht nur gerecht, sondern auch aus biologischen Gründen völlig normal ist, dass es dieses »Oben« und »Unten« gibt. Dass in Sarrazins Buch Muslime vorkommen, liegt vor allem daran, dass sie in unserer Gesellschaft meist »unten« anzutreffen sind. Für Thilo Sarrazin sind sie fast zufällige Beispiele in einer wesentlich grundsätzlicheren Debatte.

Eines steht fest: Man kann Thilo Sarrazin jedenfalls nicht vorwerfen, er würde nicht klar und deutlich schreiben, was er denkt und was er will. Sein Buch ist nicht mehr und nicht weniger als die Rechtfertigungsschrift für eine Politik, die zwischen (sozioökonomisch) wertvollem und weniger wertvollem Leben unterscheidet. Er greift dabei zurück auf bevölkerungspolitische Theorien, die Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grundlage für die schrecklichsten Verirrungen politischer Bewegungen wurden. Staatliche Entscheidungen über gewünschtes und unerwünschtes Leben führten in Schweden – unter Anleitung von Sozialdemokraten (!) – zu 60.000 Sterilisationen. Und auch in Deutschland war es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sowohl in bürgerlichen wie in sozialdemokratischen Kreisen durchaus populär, für eine vom Staat getroffene Unterscheidung zwischen gewünschter und unerwünschter Fortpflanzung einzutreten. Am katastrophalen Ende bemächtigten sich die Nationalsozialisten der Eugenik. Andere hatten ihnen dafür den Boden bereitet, und Wissenschaftler lieferten die perversen Begründungen für die Auslöschung »unwerten« Lebens.

Es gibt also reale Erfahrungen mit den Allmachtsfantasien einer Politik, die meint, die besseren Menschen schaffen zu können. Thilo Sarrazin ist gewiss kein Rassist, aber obwohl er freimütig die Urheber dieser Bevölkerungstheorien zitiert und für sich in Anspruch nimmt, ist ihm diese historische Einordnung keine Zeile wert. Stattdessen formuliert er: »In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es immer mehr Angriffe auf die Fragestellung. Diese Attacken waren letztlich Ausdruck von Wertungen, die gewisse Fragen als unzulässig verwarfen. Aber sie waren nicht empirisch begründet.« (S. 353) Wie weit muss man sich intellektuell verirren, um die Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollständig auszublenden, obwohl sie natürlich der grauenhafteste »empirische Befund« waren, den man für die Unzulässigkeit derartiger »Fragestellungen« finden kann. Das Grundgesetz ist ja – den Nürnberger Ärzteprozess noch vor Augen – gerade gegen diese Verbindung der sozialen mit der genetischen Frage geschrieben worden.

Diesen Hintergrund weder recherchiert noch veröffentlicht zu haben, ist übrigens der eigentliche Vorwurf, den man den Medien machen muss, die Thilo Sarrazins Buch zur Förderung des Buchverkaufs (und der eigenen Auflage) vorab publiziert haben. Wer so viel eigene Verantwortung für grundlegende Missverständnisse in der Rezeption des Buches trägt, von dem darf man wohl auch hinterher nicht viel mehr erwarten als ein bisschen Stilkritik zur Meinungsbildung in der SPD oder der Bundesbank.

Sarrazin hält das Entstehen von »oben« und »unten« in unserer Gesellschaft für das Ergebnis natürlicher Auslese durch Vererbung: »Intelligenz ist aber zu 50 bis 80 Prozent erblich. Deshalb bedeutet ein schichtabhängig unterschiedliches generatives Verhalten leider auch, dass sich das vererbte intellektuelle Potenzial der Bevölkerung kontinuierlich verdünnt.« (S. 91/92)

Das ist Sarrazins fast noch harmlos klingende Ausgangsthese. Nun könnte man ja durchaus in einen wissenschaftlichen Streit über den Anteil vererbbarer Intelligenz eintreten wie auch über die intellektuellen Entwicklungspotenziale eines Menschen, die vor allem von frühkindlicher Förderung, kognitiver und emotionaler Anregung abhängen und nicht überwiegend oder gar ausschließlich von den Erbanlagen der Eltern. Das ist aber nicht das eigentliche Problem dieser These. Sondern sie beinhaltet, dass die Angehörigkeit zu einer Schicht ganz primär mit der vererbten Intelligenz zu tun hat. Thilo Sarrazin behauptet denn auch, dass es »belegt ist (…), dass zwischen Schichtzugehörigkeit und Intelligenzleistung ein recht enger Zusammenhang besteht«. (S. 93)

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Kommentare

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Gabriel über Sarrazin

Ich verstehe, dass sozialdemokratisches Grundverständnis schwer mit Sarrazins Thesen vereinbar sind. Trotzdem - auch wenn ich mich emotional weigere - sind viele von Sarrazins Thesen richtig. Natürlich ist es Aufgabe der Politik, die Menschen - gerade im Bildungsbereich - optimal zu fördern. Aber man wird niemals aus einem minderbegabten Schüler ein Genie machen können. Da angeblich in Finnland 90 % das Abitur machen, würde mich interessieren, welches Niveau dieses Abitur hat und wie die PISA-Ergebnisse zustande gekommen sind. Im übrigen: Welchen Zweck hat das Elterngeld in Deutschland? Warum erhalten Gutverdiener die Höchstförderung, während für Hartz-IV-Empfänger überhaupt kein Elterngeld mehr vorgesehen ist? Kann es sein, dass man mehr Kinder von Akademikerinnen haben will - aber auf keinen Fall von Hartz-IV-Empfängerinnen? Könnte dies auch etwas mit Eugenik zu tun haben? Bitte an die eigene Nase packen!

Wehret den Anfaengen!

Wer Worte benutzt wie 'Anleitung zur Menschenzucht' oder 'ungeheure intellektuelle Entgleisung' um politisch Andersdenkende zu diffamieren, wie Herr Gabriel es tut, der erinnert mich unweigerlich an Goebbels. Mit Toleranz und dem Recht auf freier Meinungsaeusserung in Deutschland hat das nichts mehr zu tun.

Tatsaechlich hat sich der Islamismus in den letzten 20 Jahren derart ausbreiten koennen, dass auch in Deutschland mittlerweile islamistisch-rituelle Zwangsbeschneidungen weiblicher Genitalien vorgenommen werden. Wir duerfen auch nicht vergessen das die Taeter des 9. September an deutschen Universitaeten ausgebildet wurden. Wer wie Herr Gabriel versucht Kritiker dieser Entwicklung aus der oeffentlichen Debatte auszugrenzen, der macht sich, wissentlich oder nicht, zum Wegbereiter eines neuen Unrechtsstaates auf deutschem Boden.

Wehret den Anfaengen!

Wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe...

Das ganz Tragische an der Wulff-Gabriel-Sarrazin-Debatte ist leider was denn geschehen wuerde, wenn, und auch nur wenn, Sarrazin am Ende tatsaechlich Recht behielte?

Wenn, demographisch bedingt, Islamisten sich der europaeischen Demokratien bemaechtigten, in 20, 50 oder 100 Jahren? Wenn deutsche Schluesseltechnologien von radikalen Islamofaschisten missbraucht wuerden um Israel, Amerika und den ganzen Rest der freien Welt zu zerstoeren? Bei aller Liebe zu Freund Gabriel, aber wir muessen tatsaechlich ganz genau aufpassen wen und was wir da foerdern in Deutschland, und sogar 'Bildung, bildung, bildung' wie Gabriel es fordert, kann viel Unheil stiften, wenn diese Bildung missbraucht wird. Wollen wir dieses Experiment tatsaechlich unveraendert weiterlaufen lassen und stattdessen die Kritiker zum Schweigen bringen? Wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe...

Danke!

Ich bin etwas überrascht, dass Herr Gabriel, den ich früher sehr kritisch gesehen habe, den bisher besten Beitrag zu der unsäglichen Sarrazin-Debatte hiermit geleistet hat. Ich fand schon den Auftritt zuletzt bei Maybritt Illner sehr überzeugend. Klasse argumentiert! Chapeau! Weiter so! Dieser Artikel sollte die unselige Debatte der letzten Wochen endlich beenden. Hier ist alles Notwendige gesagt worden. Das kann ich wortwörtlich so unterschreiben.

Ich stimme Ihnen zu

Herr Gabriels Beitrag ist ausgezeichnet. Der erste, der die Eugenik wieder in die oeffentliche Diskussion holt, ist Sarrazin aber nicht. Den Anfang hat bereits Norbert Bolz 2007 mit "die Helden der Familie" gemacht - sogar unter Berufung auf den bei den Nationalsozialisten sehr beliebten Hans-Buerger Prinz, der Homosexualitaet als Erbkrankheit bezeichnet hatte,die durch entsprechende Zuchtauswahl ausgemerzt werden koenne.

Eugenik

Warum machen die Leute so ein Problem daraus.
Sobald die Medizin wieder ein Gen herausgefunden hat, welches man bei der künstlichen Befruchtung beinflussen kann, lassen es die Eltern machen. Und das geht ja heute schon. Ein Designkind ist doch nicht mehr realitätsfremd.

Warum regt sich da niemand auf. Und wenn es ein Intelligenzgen gibt und es bestimmbar ist, werden als ersten die Eltern daraufpochen es posiitv zu manipulieren. Und das sind genau diejenigen, welche sich heute noch über den Begriff aufregen.

Herr Gabriel, Sie haben Dank verdient

Sehr geehrter Herr Gabriel,

Ihre Analyse des Buches von Sarrazin ist die bisher beste, die ich gelesen habe. Herzlichen Dank! Als Genetiker finde ich es erschreckend, wie meine Wissenschaft durch unverstandenes Viertelwissen wieder in Verruf gerät . Herr Sarrazin hat von Genetik nichts verstanden und trägt nur zur Verdummung der Bevölkerung mit seinen Thesen bei. Wer sich über die wissenschaftliche Definition des Erblichkeitsbegriffs informieren möchte, kann z. B. hier nachlesen: http://www.zum.de/neuroge...

Der wissenschaftliche Gebrauch des umgangssprachlich mit anderer Bedeutung belegten Begriffes "Erblichkeit" für den genotypischen Varianzanteil an der Gesamtvarianz eines Merkmals erzeugt Verwirrung, offenbar auch bei Herrn Sarrazin. Ein hieraus resultierendes, besonders schwerwiegendes Missverständnis ist die Behauptung, wegen der hohen „Erblichkeit" der menschlichen Intelligenz sei diese durch Umweltfaktoren nicht förderbar. In Wirklichkeit sagt der genotypische Varianzanteil über die prinzipielle Formbarkeit eines Merkmals durch Umweltfaktoren nichts aus. Da der genotypische Varianzanteil eines Merkmals bei für alle optimaler Umwelt 100% beträgt, kann jeder kleinere Wert als Nachweis für die Existenz von Umweltdefiziten für die Ausbildung des Merkmals gewertet werden.

Karl-Friedrich Fischbach

Geht doch

Warum wurde ein derartiger Kommentar nicht gleich zu Beginn der Debatte in der Bild etc. veröffentlicht? Dann hätte man sehr viel Dampf aus der Diskussion nehmen können und die Sache als das betrachten, was es ist - ein zusammengeklaubter Schrieb aus vorgestrigen Thesen zu einem aktuellen Thema. Und von der Bild gehyped, um Kohle zu machen. Mehr nicht.

Bin sehr gespannt auf die Erwiderung, denn um da zu überzeugen, müsste Sarrazin weiten Abstand von vielem in seinem Buch nehmen. Ich denke, es wird auf ein "ich bin missinterpretiert worden" hinauslaufen. Aber warten wir ab.