Gabriel über SarrazinWelch hoffnungsloses Menschenbild!

Warum die SPD einen Thilo Sarrazin in ihren Reihen nicht dulden kann von Sigmar Gabriel

Damit zu Beginn kein Missverständnis entsteht: Unsere Gesellschaft braucht mit Sicherheit eine tabulose und offene Diskussion über die Misserfolge unserer Integrationspolitik. Und über die Erfolge, die es eben auch gibt und an denen man mehr für eine bessere Integration von Zuwanderern lernen kann als am Gegenteil. Aber kein Zweifel: Es gibt Parallelgesellschaften, in denen die Scharia wichtiger ist als das Grundgesetz. Es gibt Hassprediger und auch eine erkennbar höhere Kriminalität. Und es gibt auch Bildungsferne und Bildungsverweigerung. Vieles davon hat mit einer sich verfestigenden Unterschicht ohne wirkliche Aufstiegschancen zu tun. Das trifft auch deutsche Jugendliche und deutsche Erwachsene, aber Ausländerinnen und Ausländer sind dort überdurchschnittlich vertreten. Aber das ist nicht die einzige Erklärung, und die unübersehbaren Probleme haben ihre Ursachen nicht nur im Integrationsversagen der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrer Politik, sondern auch in erheblicher Integrationsverweigerung bei einem nicht kleinen Teil der betroffenen Migranten. Es gibt deshalb keinen Grund, Thilo Sarrazin oder andere zu kritisieren, wenn sie diese mangelnde Integrationsbereitschaft anprangern. Über all das darf, ja muss laut und vernehmlich geredet und auch gestritten werden. Und dafür sollte in Deutschland niemand aus der Bundesbank oder einer Partei geworfen werden.

Liest man allerdings sein Buch, stellt man fest: Es geht darin im Kern gar nicht um Integration. Es ist ein Buch über »oben« und »unten« in unserer Gesellschaft und darüber, warum es nicht nur gerecht, sondern auch aus biologischen Gründen völlig normal ist, dass es dieses »Oben« und »Unten« gibt. Dass in Sarrazins Buch Muslime vorkommen, liegt vor allem daran, dass sie in unserer Gesellschaft meist »unten« anzutreffen sind. Für Thilo Sarrazin sind sie fast zufällige Beispiele in einer wesentlich grundsätzlicheren Debatte.

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Eines steht fest: Man kann Thilo Sarrazin jedenfalls nicht vorwerfen, er würde nicht klar und deutlich schreiben, was er denkt und was er will. Sein Buch ist nicht mehr und nicht weniger als die Rechtfertigungsschrift für eine Politik, die zwischen (sozioökonomisch) wertvollem und weniger wertvollem Leben unterscheidet. Er greift dabei zurück auf bevölkerungspolitische Theorien, die Ende des 19. Jahrhunderts und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die Grundlage für die schrecklichsten Verirrungen politischer Bewegungen wurden. Staatliche Entscheidungen über gewünschtes und unerwünschtes Leben führten in Schweden – unter Anleitung von Sozialdemokraten (!) – zu 60.000 Sterilisationen. Und auch in Deutschland war es in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts sowohl in bürgerlichen wie in sozialdemokratischen Kreisen durchaus populär, für eine vom Staat getroffene Unterscheidung zwischen gewünschter und unerwünschter Fortpflanzung einzutreten. Am katastrophalen Ende bemächtigten sich die Nationalsozialisten der Eugenik. Andere hatten ihnen dafür den Boden bereitet, und Wissenschaftler lieferten die perversen Begründungen für die Auslöschung »unwerten« Lebens.

Es gibt also reale Erfahrungen mit den Allmachtsfantasien einer Politik, die meint, die besseren Menschen schaffen zu können. Thilo Sarrazin ist gewiss kein Rassist, aber obwohl er freimütig die Urheber dieser Bevölkerungstheorien zitiert und für sich in Anspruch nimmt, ist ihm diese historische Einordnung keine Zeile wert. Stattdessen formuliert er: »In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts gab es immer mehr Angriffe auf die Fragestellung. Diese Attacken waren letztlich Ausdruck von Wertungen, die gewisse Fragen als unzulässig verwarfen. Aber sie waren nicht empirisch begründet.« (S. 353) Wie weit muss man sich intellektuell verirren, um die Ereignisse in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollständig auszublenden, obwohl sie natürlich der grauenhafteste »empirische Befund« waren, den man für die Unzulässigkeit derartiger »Fragestellungen« finden kann. Das Grundgesetz ist ja – den Nürnberger Ärzteprozess noch vor Augen – gerade gegen diese Verbindung der sozialen mit der genetischen Frage geschrieben worden.

Diesen Hintergrund weder recherchiert noch veröffentlicht zu haben, ist übrigens der eigentliche Vorwurf, den man den Medien machen muss, die Thilo Sarrazins Buch zur Förderung des Buchverkaufs (und der eigenen Auflage) vorab publiziert haben. Wer so viel eigene Verantwortung für grundlegende Missverständnisse in der Rezeption des Buches trägt, von dem darf man wohl auch hinterher nicht viel mehr erwarten als ein bisschen Stilkritik zur Meinungsbildung in der SPD oder der Bundesbank.

Sarrazin hält das Entstehen von »oben« und »unten« in unserer Gesellschaft für das Ergebnis natürlicher Auslese durch Vererbung: »Intelligenz ist aber zu 50 bis 80 Prozent erblich. Deshalb bedeutet ein schichtabhängig unterschiedliches generatives Verhalten leider auch, dass sich das vererbte intellektuelle Potenzial der Bevölkerung kontinuierlich verdünnt.« (S. 91/92)

Das ist Sarrazins fast noch harmlos klingende Ausgangsthese. Nun könnte man ja durchaus in einen wissenschaftlichen Streit über den Anteil vererbbarer Intelligenz eintreten wie auch über die intellektuellen Entwicklungspotenziale eines Menschen, die vor allem von frühkindlicher Förderung, kognitiver und emotionaler Anregung abhängen und nicht überwiegend oder gar ausschließlich von den Erbanlagen der Eltern. Das ist aber nicht das eigentliche Problem dieser These. Sondern sie beinhaltet, dass die Angehörigkeit zu einer Schicht ganz primär mit der vererbten Intelligenz zu tun hat. Thilo Sarrazin behauptet denn auch, dass es »belegt ist (…), dass zwischen Schichtzugehörigkeit und Intelligenzleistung ein recht enger Zusammenhang besteht«. (S. 93)

Leserkommentare
  1. Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Kommentaren an der Diskussion. Die Redaktion/cs

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    • Crest
    • 15. September 2010 13:12 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/cs

    unsachlich?

    Ich verstehe, dass sozialdemokratisches Grundverständnis schwer mit Sarrazins Thesen vereinbar sind. Trotzdem - auch wenn ich mich emotional weigere - sind viele von Sarrazins Thesen richtig. Natürlich ist es Aufgabe der Politik, die Menschen - gerade im Bildungsbereich - optimal zu fördern. Aber man wird niemals aus einem minderbegabten Schüler ein Genie machen können. Da angeblich in Finnland 90 % das Abitur machen, würde mich interessieren, welches Niveau dieses Abitur hat und wie die PISA-Ergebnisse zustande gekommen sind. Im übrigen: Welchen Zweck hat das Elterngeld in Deutschland? Warum erhalten Gutverdiener die Höchstförderung, während für Hartz-IV-Empfänger überhaupt kein Elterngeld mehr vorgesehen ist? Kann es sein, dass man mehr Kinder von Akademikerinnen haben will - aber auf keinen Fall von Hartz-IV-Empfängerinnen? Könnte dies auch etwas mit Eugenik zu tun haben? Bitte an die eigene Nase packen!

    Wer Worte benutzt wie 'Anleitung zur Menschenzucht' oder 'ungeheure intellektuelle Entgleisung' um politisch Andersdenkende zu diffamieren, wie Herr Gabriel es tut, der erinnert mich unweigerlich an Goebbels. Mit Toleranz und dem Recht auf freier Meinungsaeusserung in Deutschland hat das nichts mehr zu tun.

    Tatsaechlich hat sich der Islamismus in den letzten 20 Jahren derart ausbreiten koennen, dass auch in Deutschland mittlerweile islamistisch-rituelle Zwangsbeschneidungen weiblicher Genitalien vorgenommen werden. Wir duerfen auch nicht vergessen das die Taeter des 9. September an deutschen Universitaeten ausgebildet wurden. Wer wie Herr Gabriel versucht Kritiker dieser Entwicklung aus der oeffentlichen Debatte auszugrenzen, der macht sich, wissentlich oder nicht, zum Wegbereiter eines neuen Unrechtsstaates auf deutschem Boden.

    Wehret den Anfaengen!

    Das ganz Tragische an der Wulff-Gabriel-Sarrazin-Debatte ist leider was denn geschehen wuerde, wenn, und auch nur wenn, Sarrazin am Ende tatsaechlich Recht behielte?

    Wenn, demographisch bedingt, Islamisten sich der europaeischen Demokratien bemaechtigten, in 20, 50 oder 100 Jahren? Wenn deutsche Schluesseltechnologien von radikalen Islamofaschisten missbraucht wuerden um Israel, Amerika und den ganzen Rest der freien Welt zu zerstoeren? Bei aller Liebe zu Freund Gabriel, aber wir muessen tatsaechlich ganz genau aufpassen wen und was wir da foerdern in Deutschland, und sogar 'Bildung, bildung, bildung' wie Gabriel es fordert, kann viel Unheil stiften, wenn diese Bildung missbraucht wird. Wollen wir dieses Experiment tatsaechlich unveraendert weiterlaufen lassen und stattdessen die Kritiker zum Schweigen bringen? Wehe, wehe, wehe, wenn ich auf das Ende sehe...

    • Crest
    • 15. September 2010 13:12 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Beiträgen an der Diskussion. Die Redaktion/cs

    Antwort auf "Das wird ..."
  2. für den hervorragenden Artikel.

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    • anonym_
    • 15. September 2010 17:50 Uhr

    ...schließe ich mich an. in dieser debatte ist dieser artikel für mich der beste.

    Diese Stellungnahme bringt auch meine tief empfundene Abneigung gegen die geistige Brandstifterei des Herrn Sarrazin auf den Punkt und weisst zurecht auf die gedanklichen Väter der sarrazischen Ideen hin.

  3. Entfernt. Bitte kommentieren Sie sachlich. Die Redaktion/cs

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    S. ist der einzige der rect hat, oder?

    Bitte beteiligen Sie sich mit ausführlichen und sachlichen Argumenten an der Diskussion. Die Redaktion/sh

    sind sie auch in der Lage, Ihre Aussage sachlich zu begründen?

    • gorgo
    • 15. September 2010 13:47 Uhr

    Wie immer andere reagieren, die Sie "Volk" nennen - ich habe den Eindruck, dass die SPD in bestimmten Schichten, die diese Partei längst aufgegeben hatten, mit dieser klaren und klugen Analyse neue Wähler dazu gewinnt...

    • dafe
    • 15. September 2010 13:25 Uhr

    der Schiefe schichtspezifischer Geburtenraten, nach meinem bisherigen Eindruck, und um die möglichen Folgen, nicht um ein Aldous Huxley-Szenario.
    Im Übrigen: gilt denn die "Akademikerinnen-Gebärprämie" nicht für Alle?

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