Im September 1950 war es so weit. Chinas Volksbefreiungsarmee hatte ihre Vorbereitungen abgeschlossen. Die neue Straße zur tibetischen Grenze am Oberlauf des Jangtsekiang war fertig, und die Truppen hatten sechs Monate intensives Training hinter sich. Sie waren gerüstet für Kämpfe im Hochgebirge, für Märsche in hohem Tempo. In raschen Vorstößen sollten Tibets Truppen eingekesselt werden.

Der entscheidende Mann am Ort war Deng Xiaoping, später de facto Nachfolger Mao Tse-tungs, seinerzeit politischer Kommissar der Militärregion Südwest. Gewalt wollte er nur sparsam einsetzen. Stattdessen sollten möglichst viele Tibeter für das neue Regime gewonnen werden. Proklamationen versprachen »Garantie der Religionsfreiheit, Respekt vor Sitten und Gebräuchen und Schutz der Klöster und Tempel«. Die Soldaten bekamen Unterricht in tibetischer Religion, Kultur und Sprache. Unermüdlich wurde ihnen eingeschärft, »den Massen nicht eine Nadel wegzunehmen. […] Sprecht freundlich zu den Leuten.«

Direkte Verhandlungen hatte es zwischen Peking und Lhasa noch nicht gegeben. Aber die Tibeter wussten aus dem Radio, dass Chinas Truppen noch 1950 Tibet »befreien« wollten. Am 16. September traf sich immerhin in Delhi eine Delegation unter Leitung von Shakabpa Wangchuk Deden, einem Beamten vierten Grades, mit dem neuen chinesischen Botschafter Yuan Chung-hsien. Shakabpa versuchte Pekings Mann begreiflich zu machen, dass eine Befreiung Tibets vom Imperialismus ganz unnötig sei, denn es gebe keine imperialistischen Einflüsse. Dies freue ihn zu hören, erwiderte Yuan. Drei Punkte stünden allerdings nicht zur Verhandlung: Tibet sei als Teil Chinas zu betrachten, China sei verantwortlich für Tibets Verteidigung, und alle Verbindungen zu fremden Ländern würden von der Volksrepublik geregelt. Yuan erklärte, falls die Tibeter diese drei Punkte nicht akzeptierten, sei der Krieg unvermeidlich.

Shakabpa machte sich keine Illusionen. In Gesprächen mit ausländischen Diplomaten und Politikern hatte er mehrmals gefragt, ob Tibet auf Hilfe von außen hoffen könne. Vor allem die indische Haltung war wichtig. Premierminister Jawaharlal Nehru erklärte den Tibetern, sie sollten verhandeln. Beharrten sie auf ihrer Unabhängigkeit, werde es allerdings »sehr schwierig, eine Vereinbarung zu erzielen«. Offensichtlich wollte Nehru, der ohnehin darüber verärgert war, dass Tibet kurz zuvor noch territoriale Forderungen an sein Land gerichtet hatte, Indiens Verhältnis zu China nicht belasten. So empfahl Shakabpa schließlich seiner eigenen Regierung in Lhasa eindringlich, flexibel zu sein. Aber die regierenden Mönche und weltlichen Adeligen konnten zu keinem Entschluss kommen. Am 28. September wurde Shakabpa beschieden, er solle versuchen, die Chinesen hinzuhalten. Eine absurd hilflose Weisung.

Am 7. Oktober überquerte die Volksbefreiungsarmee an drei Stellen den Jangtsekiang. Die schwachen tibetischen Truppen wurden völlig überrascht und konnten nur sporadisch Widerstand leisten. Ngabö Ngawang Jigme, der örtliche Provinzgouverneur, erbat aus Lhasa Instruktionen. Aber er bekam keine Antwort. Die Spitzenbeamten waren beim Picknick und durften nicht gestört werden.

Ngabö entschloss sich zum Rückzug aus der Provinzhauptstadt Tschamdo. Aber wie Robert Ford, ein englischer Funkspezialist in tibetischen Diensten, beobachtete: »In der Stadt brach Panik aus. Die Leute liefen in alle Richtungen und versuchten mitzunehmen, was sie tragen konnten.« Um Tibets Truppen stand es derweil schlecht: »Die tibetische Armee war nicht auf einen Rückzug vorbereitet. Als die Soldaten an die Front gegangen waren, hatten sie ihre Familien mitgenommen. So begleiteten die Kämpfer Frauen und Kinder, dazu kamen halbe Haushalte, aufgetürmt auf Yaks oder Mauleseln. Man sah Zelte, Töpfe und Pfannen, Teppiche, Buttergefäße, Kleidungsbündel, und man sah Babys auf dem Rücken ihrer Mütter. Ein fantastischer Anblick.«

Am 19. Oktober unterzeichnete Ngabö die Kapitulation seiner Truppen. Die Tibeter mussten sich Ansprachen über den Sozialismus und die Einheit des Mutterlandes anhören, bekamen dann aber Geld und Lebensmittel und durften nach Hause gehen. Chinas Soldaten legten in der Tat eine mustergültige Disziplin an den Tag.