Am Ort des Schreckens spielen sie Blasmusik. Gleich wird der Passauer Oberbürgermeister seinen Holzhammer ins Bierfass treiben, gleich wird im Bierzelt die Herbstdult eröffnet, das jährliche Volksfest. Sebastian Frankenberger, der Initiator des bayerischen Rauchverbotes, möchte da jetzt nicht rein. Wer weiß, wie viel Wut ihn erwartet? Seit zehn Minuten ist er, der gerne redet, ziemlich still. Er sucht den Hintereingang, vorn hinein kommt nicht infrage. Er, 29 Jahre alt, der Fremdenführer, Notfallseelsorger, wäre jetzt lieber woanders, doch er ist Stadtrat der ÖDP, und ein Stadtrat kann die Herbstdult nicht einfach schwänzen. Er atmet tief durch und greift den Schlüsselbund fester, an dem sein CS-Gas hängt. Er will gegen jeden Angriff gewappnet sein.

Eigentlich hatte er anders auftreten wollen, in Lederhosen, die Haare lang und offen, so, "wie man mich kennt", begleitet vom Kamerateam eines Privatsenders. Frankenberger im Bierzelt, das ist was fürs Fernsehen. Denn seit dem 1. August, dem Tag, an dem das strikteste Rauchverbot der Republik in Kraft trat , ist er kein gern gesehener Gast in Bayerns Bierzelten. Schließlich war er die treibende Kraft hinter dem Volksbegehren: keine Zigaretten mehr in Gaststätten, Bars und Festzelten, ja, nicht einmal in Raucherclubs.

Alle anderen Bundesländer erlauben das Rauchen in kleineren Kneipen , wenn Minderjährige keinen Zutritt haben. Manche Länder kultivieren Sonderregelungen, so macht es in Berlin einen Unterschied, ob der Wirt Speisen selbst zubereitet oder Würstchen nur aufkocht – die amtlichen Inspektoren treibt das zur Verzweiflung.

Im bayerischen Deggendorf war Frankenberger gar nicht erst ins Zelt gekommen, die Bedienungen versperrten ihm den Eingang mit Besenstielen:Er möge sich schleichen. Danach attackierte ihn ein Betrunkener vor laufender Kamera mit einem Bierkrug. Auch im Festzelt von Waldkirchen hätte ihn fast ein Bierkrug getroffen, der Wirt warf hernach nicht den Angreifer, sondern den Initiator aus dem Zelt. Vor Bars werfen sie brennende Kippen nach ihm, im Internet und auf der Straße wird er bedroht. Weil er gegen einen heranfliegenden Bierkrug wenig ausrichten kann, will er in Passau nicht provozieren. Das Kamerateam ist zu Hause geblieben, die Lederhose ebenso.

Werden sich die Massen an das Rauchverbot halten? Die Frage stellt sich mit Blick auf das Münchner Oktoberfest, das an diesem Samstag beginnt. Dort darf erstmals nicht geraucht werden, wobei eine Ausnahmegenehmigung besagt, dass qualmende Gäste und durchsetzungsschwache Wirte keine Bußgeld zahlen müssen – im nächsten Jahr soll das anders sein.

Als Frankenberger das Passauer Bierzelt betritt, empfangen ihn Pfiffe. Er taucht sofort ab, flüchtet sich an einen Tisch, an dem die Jugendlichen seiner Ministrantengruppe sitzen. Hier mögen sie ihn, ein Mädchen im rosafarbenen Kleid, die Zunge schwer vom Bier, will ihre Hände gar nicht von ihm lassen. Sie nestelt an seinem Zopf, will seine Haare öffnen. "Wir leben in gefährlichen Zeiten", sagt sie und legt den Arm um seinen Hals, ihr Blick sagt: Ich nehm es mit zehnen auf.

"Ich geh jetzt zu den Stadträten", sagt er und nickt mit dem Kopf in Richtung Tribüne. "Dort werden wir mit Tomaten beworfen", gibt sie zu bedenken. Er geht dann nicht zu den Stadträten. Vielmehr bewegt er sich im Umkreis von zwei Tischen, die Distanz legt er schnell und halb gebückt zurück, als renne er durch einen Schützengraben.