Ein Jahr nach ihrem Wahlsieg zeigt die schwarz-gelbe Regierung plötzlich Anflüge von Regierungswillen, die Kanzlerin demonstriert Führungsmut. Wenn das keine Überraschung ist! Hätte die Koalition den "Neustart" nicht schon so oft beschworen, man könnte glatt auf die Idee kommen, die jüngste Entwicklung unter diesen Begriff zu fassen.

Dabei ist die neue Entschiedenheit, mit der Angela Merkel und ihr Kabinett seit dem Ende der Sommerpause auftreten, nur das erste Indiz für eine Neuorientierung. Doch dass sie diesmal gelingen könnte, hat mit Machtverschiebungen innerhalb des Regierungslagers zu tun. Die Vorsitzenden der beiden kleinen Koalitionsparteien, Horst Seehofer und Guido Westerwelle, erleben in diesen Wochen ihre faktische Entmachtung. Von Beginn an hatten sie Koalition und Kanzlerin zu Geiseln ihrer unberechenbaren Einfälle gemacht – nun stehen sie vor dem Ende ihrer eigenwillig interpretierten Führungsrolle. Als Hauptverantwortliche für den rasanten Niedergang der Koalition fallen sie diesem nun selbst zum Opfer. Wie immer sich FDP und CSU mit ihren beiden Vorsitzenden arrangieren werden – beide haben die Kraft verloren, die Koalition noch einmal unter den Bann ihrer bizarren Egozentrik zu zwingen.

Für Angela Merkel bedeutet das eine Befreiung und zugleich die Chance, ihren Autoritätsverfall zu stoppen. Unfähig, ihre beiden Partner in die Schranken zu weisen, war sie selbst während des schwarz-gelben annus horribilis nahezu unkenntlich geworden. Dafür kann sie nun mit einiger Aussicht auf Erfolg – und zum ersten Mal, seit sie vor fünf Jahren ins Kanzleramt einzog – von ihrer Richtlinienkompetenz Gebrauch machen. Erste Kostproben, wie sie die Führungsrolle auszufüllen gedenkt, hat sie in den vergangenen Wochen gegeben: im Atomstreit, beim Eindämmen personeller Querelen im Kabinett, mit ihrer Rede in der Haushaltsdebatte im Bundestag, aber auch in ihrer unmissverständlichen Reaktion auf die Thesen Thilo Sarrazins.

Angela Merkel weiß allerdings, dass es mit der Neuinterpretation ihrer Rolle nicht getan sein wird. Deshalb setzt sie darauf, dass der Koalition in den kommenden Monaten auch inhaltlich ein Neubeginn gelingt. Bei der so entschlossen durchgepeitschten Atomentscheidung ist das weder in der Sache noch in der Kommunikation geglückt. Jetzt hofft die Koalition, bis Weihnachten mit weitreichenden Beschlüssen bei Energie, Bundeswehr, Gesundheit, Hartz IV sowie bei der Konsolidierung der Staatsfinanzen Tritt zu fassen.

Es wäre ein Kontrastprogramm zum lauen Beginn vor einem Jahr. Damals hatte die Kanzlerin vor allem Kontinuität angekündigt. Nun hat sich die Regierung plötzlich recht grundsätzliche Projekte vorgenommen: Die Bundeswehr wird zur Berufs- und Freiwilligenarmee; statt Steuersenkung steht langfristige Haushaltskonsolidierung auf der Tagesordnung; die Umfinanzierung der Gesundheitskosten wird vorangetrieben; die Lebens- und Bildungsperspektiven der Kinder aus den ärmsten Verhältnissen sollen verbessert werden. Manchmal klingt es, als wolle die Kanzlerin – vorsichtig noch – die reformpolitischen Impulse aus ihren Oppositionsjahren neu aufnehmen.

Und doch wird all das nicht reichen, Angela Merkel und ihre Regierung in sicheres Fahrwasser zu bringen. Selbst wenn wir nach den Monaten der Selbstdemontage demnächst eine Phase vernünftigen Regierens erleben sollten, wäre das Misstrauen, das sich zwischen dem Volk und seiner politischen Führung entwickelt hat, damit kaum schon behoben.

Selten hat eine Regierungskoalition sich so sehr geschadet wie die aktuelle; aber zugleich hat sie den Ansehens- und Vertrauensverlust gegenüber der Politik insgesamt weiter beschleunigt. Das Regieren selbst ist prekär geworden. Und nicht einmal der wirtschaftliche Aufschwung, das alte Wundermittel, bringt das Einvernehmen zwischen Volk und Regierung zurück.