DIE ZEIT: Herr Löscher, Sie meinten einmal in einem Interview: »Mit 28 habe ich gesagt: ›Ich bin ein Weltbürger.‹ Aber je älter man wird, desto mehr besinnt man sich auf seine Wurzeln. Jetzt bin ich zu Hause angekommen.« Wo ist dieses Zuhause?

Peter Löscher: Ich habe nach dem Studium Österreich verlassen und bin im Grunde nie mehr zurückgekehrt. De facto habe ich keinen einzigen Arbeitstag in meiner Heimat verbracht. Meine Vorfahren waren aus Italien, meine Eltern aus Österreich, mein Frau ist Spanierin, zwei meiner drei Kinder sind US-Amerikaner, eines Spanier. Das heißt, ich kenne das Gefühl, eine Minderheit zu sein. Als Heimat empfinde ich aber dennoch Kärnten, meine Familie und die Berge und Seen. Zuhause ist für mich aber auch meine Wahlheimat Barcelona, das Meer, die Offenheit und die Familie meiner Frau.

ZEIT: Die Siemens-Zentrale in München haben sie jetzt nicht genannt.

Löscher: Die zähle ich zu meinem Kulturkreis.

ZEIT: Sie sind in der 160-jährigen Geschichte von Siemens der erste Konzernchef, der nicht aus dem Unternehmen kommt, zudem kamen Sie 2007 vom Erzfeind General Electric. Ist man Ihnen mit Vorbehalten begegnet?

Löscher: Nein. Damals befand sich Siemens nach dem Bekanntwerden des Korruptionsskandals in einer schwierigen Phase. Am Anfang war ich natürlich mit vielen Fragen konfrontiert. Wer ist dieser Peter Löscher? Was macht er? Setzt er sich für uns ein? Diese Fragen rasch zu beantworten war für mich entscheidend. Also habe ich mich daran gemacht, so schnell wie möglich die Standorte zu besuchen, um die Mitarbeiter kennenzulernen. So ist es mir gelungen, in kurzer Zeit Vertrauen aufzubauen.

ZEIT: Es heißt, Sie hätten, bevor Sie Ihren Dienst antraten, nicht nur die Geschichte des Konzerns studiert, sondern auch Angehörige der Familie Siemens aufgesucht. Was haben sie Ihnen mit auf den Weg gegeben?

Löscher: Wenn man sich das Leben der Siemens-Brüder vor Augen führt, dann ist es beeindruckend, wie die bereits im 19. Jahrhundert mit ihren Produkten in die Welt hinausgingen. Heute würde man das als globalen Roll-out bezeichnen. Die Verbindung von Technologie, Unternehmertum und sozialer Verantwortung – das sind Werte, die auf die Gründerväter zurückgehen. Die Familie hält heute noch rund sechs Prozent des Aktienkapitals. Deshalb bin ich natürlich auf die Mitglieder zugegangen. Dass sich die Familie bei meiner ersten Hauptversammlung hinter das Management gestellt hat, war ein tolles Signal. Dafür bin ich sehr dankbar.

ZEIT: Sie haben ein Jahr nach Ihrem Amtsantritt in einem Interview gesagt: »Die haben mich damals kräftig unterschätzt.« Was haben Sie damit gemeint?

Löscher: Genau das. (lacht)

ZEIT: Als Sie bei Siemens das Ruder übernahmen, haben Sie sich doch sicher irgendwann die Frage gestellt, wie es zu diesem Sumpf kommen konnte? Wie sieht Ihre Analyse aus?

Löscher: Da bedarf es keiner langen Analysen, sondern man setzt sich hin und beginnt mit der Arbeit. Ich habe klar die Marschrichtung ausgegeben, dass Siemens in Zukunft immer und überall für saubere Geschäfte steht. Warum das passiert ist, war für mich eher zweitrangig.