Als vor einigen Monaten Aygül Özkan in ihr Amt eingeführt wurde, schrieben die Zeitungen von Bild bis taz, nun habe Deutschland die "erste muslimische Ministerin". Wann der erste Jude, der erste Hindu, der erste Agnostiker hierzulande ein öffentliches Mandat übernahm, wurde nicht berichtet. Normalerweise spielt es auch keine Rolle, welchem Glauben ein Politiker anhängt. Bei Özkan aber, deren Eltern aus der Türkei stammen, eben doch.

Ähnlich ergeht es gerade vielen, die ein wenig fremdländisch aussehen. Egal ob sie einen deutschen Pass haben oder nicht, spätestens seit den Tiraden des Thilo Sarrazin sind sie wieder die anderen, irgendwie muslimisch, islamisch, migrantisch und natürlich: problematisch. Selbst eine Ausstellung mit Kunstwerken aus dem arabischen Raum ist heute nicht einfach nur eine Ausstellung, sondern unwillkürlich ein Beitrag zur Integrationsdebatte.

Entsprechend verkrampft geht es zu in den Museen von Bochum, Karlsruhe und München, die sich der islamischen Kunst widmen wollen und zugleich daran zweifeln, ob es dergleichen überhaupt gibt. Die drei Ausstellungshäuser präsentieren die wunderbarsten Messingteller, Miniaturen, Krüge und Teppiche, aber handelt es sich dabei um Kunst im westlichen Sinne? Und warum tragen selbst jene Dinge den Sichtvermerk "Islam", die keinerlei kultisch-religiöse Bedeutung haben?

Es waren Wissenschaftler aus Europa, die im 19. Jahrhundert die Kategorie "Islamische Kunst" erfanden und große Sammlungen für ihre Museen zusammentrugen. Der Islam selbst war nie auf die Idee gekommen, dass man von dem Islam überhaupt sprechen könne. Auch "Kunst" war dort als Wort und Idee lange unbekannt. Und so betreibt jedes der drei Museen in Bochum, Karlsruhe und München – analog zur Muslimifizierung der Ministerin – eine Art von Kunstifizierung.

Lange galt das als Fortschritt, geradezu als Akt der Emanzipation. Denn bis vor gut 100 Jahren waren die kunstvollen Bilder und Skulpturen nur als jahrmarkthafte Wunderstücke aus dem Orient präsentiert worden, eingebettet in kamelreiche und bauchtanzfreudige Inszenierungen. Erst mit der großen Ausstellung von 3600 Meisterwerken muhammedanischer Kunst in München 1910 war es mit der Folklore vorbei. Von nun an zollte man den Artefakten aus Nahost ebenso viel wissenschaftlichen Respekt wie denen aus Nahwest.

Im Münchner Haus der Kunst sind nun einige der Exponate von damals wieder zu sehen, und wieder soll es eine Ausstellung mit Nachhall werden. Sie erinnert mit rund 30 Werken an die Zäsur von 1910 und ergänzt zugleich den historischen Rückblick mit vielen Installationen und Gemälden der Gegenwart. Ähnlich wie auch die Ausstellung im Kunstmuseum Bochum möchte sie beides: Verzückung über das Gestern und Aufregung über das Heute. Mit besten Absichten vereinen die Kuratoren das Unvereinbare – und tappen doch nur in die große Identitätsfalle.

Die historischen Ausstellungsstücke mögen vielleicht noch von einer gemeinsamen Kunstgeschichte geprägt sein. Anders als viele christliche Bilder, die zeigen, was anderswo geschrieben steht, verbinden sich in islamisch geprägten Kunstwerken oft die unterschiedlichsten Funktionen: Auf den ersten Blick sehen wir nur ein Pferd, wunderbar drall und geschmeidig. Auf den zweiten Blick sehen wir Schriftzeichen und Schmucksymbole, die den Pferdeleib überziehen oder, besser: die den Leib erst bilden. In vielen Werken des islamischen Raums ist die Heilige Schrift zugleich Ornament, ist das Ornament ein Körper, ist der Körper ein Pferd, ein Krug oder Teller – Alltag und Andacht, Zeichen und Bezeichnetes verschmelzen.