Deutsche Bahn Das verstehe, wer will

Künftig soll in den deutschen Zügen weniger Englisch zu hören sein. Schade, findet Mark Spörrle

Der Verlust einer Sprache ist zu beklagen. Die Deutsche Bahn will ihre legendären englischen Durchsagen weitgehend abschaffen. Das erklärte Bahnchef Rüdiger Grube jüngst in einem Interview. Als Verfasser eines Buchs namens Senk ju vor träwelling ist man keineswegs froh, das zu hören. Zwar hat die Bahn auf das Erscheinen des satirischen Machwerks zweier bekennendermaßen durchgeknallter Bahnfahrer gewohnt humorlos reagiert. Lesungen in Bahnhofsbuchhandlungen wurden verhindert, Verlagsanzeigen in Zügen selbst neben den Toiletten untersagt. Doch wann immer ein Zugchef sein »Senk ju vor träwelling wizz Deutsche Bahn« in die Bordsprechanlage radebrach – er machte unentgeltlich Werbung für den Titel. Damit ist es wohl bald vorbei.

Doch weit trauriger stimmen die vermeintlich Gleichgesinnten, die jetzt triumphieren. Die Oberlehrer, Hämebesessenen und Immergenervten. Die jeden noch so kleinen Ver- oder Falschaussprecher in einer bahnenglischen Ansage mit Grimassen oder gequältem Aufjaulen begleiten. Die bei jedem »Schentelmeen«, »lokel träään« und »näxxt stopp« ostentativ zusammenzucken, ostentativ den Kopf schütteln, als wollten sie sagen: Gelt, wir sind klüger als der.

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Genau darum aber ging es bei Senk ju vor träwelling nicht. Das Buch ist ein humorvoller Überlebensführer für den alltäglichen Bahnwahnsinn. Wo der tobt und worüber man sich aufregen kann, weiß jeder treue Kunde: Verspätungen, ausgefallene Züge, ausgefallene Klimaanlagen, heftige Körpergerüche, kaffeelose Bordbistros, abgestumpfte Vielzulauttelefonierer. Die Durchsagen auf Bahnenglisch sind daneben eine Kleinigkeit. Nur deswegen lassen sie sich auch so leicht abschaffen.

Leider ist das ein Fehler. Der Bahnchef beraubt sich eines Instruments zur Besänftigung unzufriedener Kunden, ja einer Geheimwaffe. Bahnkunden sind ja nicht allesamt Rechthaber, die sich kraft ihres Englisch-Leistungskurs-Wissens über die Unbildung des Zugpersonals mokieren. (Über jene, die in doitschen Zügen nur doitsche Ansagen hören wollen, schreiben wir hier nichts.) Die allermeisten sind einfach Menschen, die menschlich behandelt werden möchten.

Darum geben andere Unternehmen viel Geld aus für Entschuldigungsbriefe, für hochcharmante Anruferinnen, die ein Lächeln auf die Gesichter enttäuschter Kunden zaubern sollen. Aber, und der Effekt ist der gleiche, in einem Zug der Deutschen Bahn schallt aus den Lautsprechern eine Ansprache wie diese: »We ärreive ... Augs..., äh ... Nürn..., äh Erfurt. It wos ä pläschure. Senk ju for (Pause) träwelling wizz Deutsche Bahn! And Gut! (Knacken, Pause) Beiii!« Und schon hellen sich die verbitterten Mienen der gebeutelten Reisenden auf. Lassen sich Wenigbahnfahrer und Nativespeaker darüber aufklären, um welche Sprache es sich handelt, und kichern. Kurz: Die Laune hebt sich.

Zum ganz großen Akt der Kundenbindung aber wird das im – bahnalltäglichen – Ausnahmefall. Dann, wenn der IC XY im thüringischen oder sächsischen Kernland auf freier Strecke unvermittelt stoppt. Die mitreisenden Pendler sacken zusammen und sparen sich ihre Handyakkus für Notrufe; bei denen, die in Leipzig den letzten ICE erwischen müssen, wächst das Entsetzen. Im Zug ist es viel zu heiß oder, sofern das die größere Qual bedeutet, viel zu kalt. Und dann, endlich, das Knacken aus den Lautsprechern und zuerst: »Sehr geehrte Fahrgäste, unsere Weiterfahrt verzögert sich aufgrund von Störungen im Betriebsablauf.« Aber, noch bevor sich die ersten Fäuste ballen: »Leediiies änd Schentelmeen, because of (Pause) ähhh, turbulances in, ähhh, our (lange Pause) Bäääätriiieeejjjjbsablauuf. (Pause) We can’t go on together wizz ... (Pause) We, ähem, have to wait (dreimaliges Handyklingeln, Poltern, leises Fluchen) ... we have to wait ... until the police has catched all the kaus... (lange Pause) kouws, nein ... (qualvolle Pause, nervöses Husten) hoses ... horses. (stolz) Horses! Senk ju!«

Leser-Kommentare
  1. Interessant, ich war mir nicht bewußt, dass bisher in deutschen Zügen Englisch wurde. Jetzt weiß ich es. Danke!

    • Ron777
    • 27.09.2010 um 18:49 Uhr

    Zunächst: Nicht jeder Autor ist ein Meister der Satire.

    Aber nun mal im Ernst: Das ewige Geschwallere in den Fernverkehrszügen ist schon sehr nervig. Jedes Wort weniger eine Wohltat. Englisch in Vorstadtzügen war sowieso ein schlechter Treppenwitz eines Unternehmens, dass nun auch noch schnell auf International machen wollte. Auf den Bahnhöfen das Gleiche. Vor lauter Anglizismen wusste der rüstige Rentner gar nicht mehr wohin...

    Eine Leser-Empfehlung
  2. Das Gegenteil wäre wünschenswerter: Die Wirtschaft (und damit auch der Konsument) könnte massivst Geld sparen, wenn wir uns endlich auf eine einheitliche Sprache festlegen würden. Englisch, Deutsch ... vollkommen egal. Hauptsache eine in denen man viele Konsumenten erreicht.

    Endlich würde das leidige (und teure) Übersetzen von Programmen, Bedienungsanleitungen und Co entfallen. Und wer sich heute die Bedienungsanleitung eines Mittel- / Oberklassewagens anschaut: die versuchen das mit Bildern zu umgehen, die nun wirklich keine S... mehr versteht und an der Grenze des zulässig tolerierbaren sind.

    Und wenn man ehrlich ist: alles unterhalb 60 ist des Englischen weitgehend mächtig. Damit wäre Englisch wohl erste Wahl - und wer es nicht kann wird halt langfristig ohnehin keinen Computer, TV Gerät, Auto und Co mehr bedienen.

    • Zenith
    • 27.09.2010 um 19:32 Uhr

    ich verstehe native speaker meist schlechter als Leute, die wie ich, die englische Sprache erst erlernen mussten. Meist sprechen sie langsamer, akzentuierten, verschlucken keine Wortteile und verwenden keine Abkürzungen oder gar Dialekte. Deswegen befremdet mich jeder Spott darüber. Und, nur so zum Bedenken: die englischsprachige Welt könnte sich auch um Fremdsprachenkenntisse bemühen, ein wenig zumindest.

  3. @Nachtauge: Nein, Nein! Unsere geschätzten Senior-Jahrgänge, im Bahnverkehr vorzugsweise verloren und hilflos am Fahrkartenautomaten zu finden, werden wir noch eine Weile an der Backe haben. Komischerweise werden das nämlich nicht weniger, sondern mehr!
    Wenn nun außer gehörschwachen Greisen auch noch unschuldige Engländer bei Durchsagen nur nur noch ratlos den Kopf nach Erläuterungen drehen, dann stelle ich mich taubstumm!
    Whatever, ich persönlich hatte immer viel Spaß mit (im Englischen) sächselnden Zugbegleitern..Nein wirklich, die Unesco sollte imo dringend einschreiten und dieses wichtige Kulturgut retten!

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    Na ja - fairerweise sei erwähnt: unsere "geschätzten Seniorjahrgänge" sind am Bahnkartenautomaten ohnehin verloren.

    Vollig egal in welcher Sprache der daher kommt.

    (Und wenn man sich die eine oder andere Benutzerführung des Automaten mal so anschaut - dann bekommt man glatt Mitleid mit der armen Person, die davor steht - und fragt sich welcher offensichtlich ortskundige wenn nicht gar fetischistisch mit dem Zielort verwachsene (aka dort geborener = einheimischer) Hornochse sich dieses "Jhusermenü" ausgedacht hat.)

    Na ja - fairerweise sei erwähnt: unsere "geschätzten Seniorjahrgänge" sind am Bahnkartenautomaten ohnehin verloren.

    Vollig egal in welcher Sprache der daher kommt.

    (Und wenn man sich die eine oder andere Benutzerführung des Automaten mal so anschaut - dann bekommt man glatt Mitleid mit der armen Person, die davor steht - und fragt sich welcher offensichtlich ortskundige wenn nicht gar fetischistisch mit dem Zielort verwachsene (aka dort geborener = einheimischer) Hornochse sich dieses "Jhusermenü" ausgedacht hat.)

  4. Na ja - fairerweise sei erwähnt: unsere "geschätzten Seniorjahrgänge" sind am Bahnkartenautomaten ohnehin verloren.

    Vollig egal in welcher Sprache der daher kommt.

    (Und wenn man sich die eine oder andere Benutzerführung des Automaten mal so anschaut - dann bekommt man glatt Mitleid mit der armen Person, die davor steht - und fragt sich welcher offensichtlich ortskundige wenn nicht gar fetischistisch mit dem Zielort verwachsene (aka dort geborener = einheimischer) Hornochse sich dieses "Jhusermenü" ausgedacht hat.)

    Eine Leser-Empfehlung
    Antwort auf "Doch, schon richtig!"
    • remur
    • 27.09.2010 um 19:54 Uhr
    7. Frech

    Die meisten Zugbegleiter haben kein Gymnasialenglisch in den letzten 10 Jahren genossen, bzw einen längeren Auslandsaufenthalt in ihrem Lebenslauf stehen, die meisten älteren ostdeutschen Zugbegleiter hatten vorher nie Englisch praktisch gesprochen oder dauerhaft lernen können.

    Nun dürfen sie sich von "Bildungsbürgern" anhören ihr Englisch wäre miserabel und beschämend, anstatt eine Anerkennung dafür zu kriegen sich z.B. mit 45 auf einem mies bezahlten Posten in der sächsischen Provinz so etwas noch zu erarbeiten.
    So wird in Deutschland wie immer eine Leistung ordentlich runtergemacht und ein ganzer Berufsstamm als dümmlich dargestellt.

    Klar leidet man oft genug an einer Bahnfahrt und genießt es wieder anderswo, aber die Englischkenntnisse als Aufhänger solch einer Geschichtensammlung sind einfach abwertend gegenüber den Mitarbeitern.

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    Diese Diskussion um schlechtes Bahn-Englisch finde ich beschämend - für die Diskutanten.

    Ein guter Service der Bahn, für den sie zu loben, und nicht zu kritisieren wäre. Jetzt weniger für mehr zu halten zeigt die schlechte Servicequalität bei der Bahn. Denn wie in dieser Glosse richtig beschrieben, scheitert das verklausulierende alte Amtsdeutsch der Bahn eher am Englischen als die Mehrzahl der Mitarbeiter der Bahn.

    Vielen Dank für diesen schönen Artikel, er hat mich zum schmunzeln gebracht. Wie schon im Schlussteil des Artikels gesagt wird: Der arme Schaffner kann gar nichts dafür und es geht auch nicht darum die Bahnbediensteten für ihre Bemühungen Englisch zu sprechen zu kritisieren. Vielmehr trägt die Englische Durchsage mit sächsischer Färbung oder einem unüberhörbarem rheinischen Einschlag dazu bei, dass man sich viel besser mit dem Bahnpersonal identifiziere kann und sich ein bisschen mit Ihnen innerlich solidarisiert.

    Anstatt das Englische aus dem Bahnalltag zu Verbannen sollte sich die DB mal von den Baden Württembergern inspirieren lassen ("Wir können Alles ausser Hochdeutsch") und diese gemütssteigernde Form der Kundeninteraktion als Alleinstellungsmerkmal nutzen ("Wi kän äwärissing ...äh... apart.. äh .. from Inglisch").

    Und überhaupt besseres Englisch, wie der durchschn. Englische Bahnbeamte Deutsch kann, spricht mit Sicherheit jeder Schaffner von Castrop-Rauxel bis Nieder-Tupfingen. Da brauch man sich für nichts schämen.

    Diese Diskussion um schlechtes Bahn-Englisch finde ich beschämend - für die Diskutanten.

    Ein guter Service der Bahn, für den sie zu loben, und nicht zu kritisieren wäre. Jetzt weniger für mehr zu halten zeigt die schlechte Servicequalität bei der Bahn. Denn wie in dieser Glosse richtig beschrieben, scheitert das verklausulierende alte Amtsdeutsch der Bahn eher am Englischen als die Mehrzahl der Mitarbeiter der Bahn.

    Vielen Dank für diesen schönen Artikel, er hat mich zum schmunzeln gebracht. Wie schon im Schlussteil des Artikels gesagt wird: Der arme Schaffner kann gar nichts dafür und es geht auch nicht darum die Bahnbediensteten für ihre Bemühungen Englisch zu sprechen zu kritisieren. Vielmehr trägt die Englische Durchsage mit sächsischer Färbung oder einem unüberhörbarem rheinischen Einschlag dazu bei, dass man sich viel besser mit dem Bahnpersonal identifiziere kann und sich ein bisschen mit Ihnen innerlich solidarisiert.

    Anstatt das Englische aus dem Bahnalltag zu Verbannen sollte sich die DB mal von den Baden Württembergern inspirieren lassen ("Wir können Alles ausser Hochdeutsch") und diese gemütssteigernde Form der Kundeninteraktion als Alleinstellungsmerkmal nutzen ("Wi kän äwärissing ...äh... apart.. äh .. from Inglisch").

    Und überhaupt besseres Englisch, wie der durchschn. Englische Bahnbeamte Deutsch kann, spricht mit Sicherheit jeder Schaffner von Castrop-Rauxel bis Nieder-Tupfingen. Da brauch man sich für nichts schämen.

  5. Diese Diskussion um schlechtes Bahn-Englisch finde ich beschämend - für die Diskutanten.

    Ein guter Service der Bahn, für den sie zu loben, und nicht zu kritisieren wäre. Jetzt weniger für mehr zu halten zeigt die schlechte Servicequalität bei der Bahn. Denn wie in dieser Glosse richtig beschrieben, scheitert das verklausulierende alte Amtsdeutsch der Bahn eher am Englischen als die Mehrzahl der Mitarbeiter der Bahn.

    Antwort auf "Frech"
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    • elron
    • 29.09.2010 um 9:59 Uhr

    Bin in Sachsen aufgewachsen, mein Englisch ist rudimentär.
    Habe jahrelang in Brasilien gearbeitet und dabei potugiesisch
    gelernt. Nie hat sich ein Brasilianer über mein radebrechen lustig gemacht. Man hielt mich oft für einen dort sehr geschätzten deutschstämmigen Gaucho. Peinlich finde ich dieses verklemmte Besserwissertum jüngerer Leute, die einen guten Englischunterricht hatten und meinen, sie müssten jeden Fehler korrigieren oder belächeln. Ich werde weiterhin so "falsch" englisch reden, wie ein Schwabe, Bayer oder Ostfriese in seiner Mundart deutsch redet.

    • elron
    • 29.09.2010 um 9:59 Uhr

    Bin in Sachsen aufgewachsen, mein Englisch ist rudimentär.
    Habe jahrelang in Brasilien gearbeitet und dabei potugiesisch
    gelernt. Nie hat sich ein Brasilianer über mein radebrechen lustig gemacht. Man hielt mich oft für einen dort sehr geschätzten deutschstämmigen Gaucho. Peinlich finde ich dieses verklemmte Besserwissertum jüngerer Leute, die einen guten Englischunterricht hatten und meinen, sie müssten jeden Fehler korrigieren oder belächeln. Ich werde weiterhin so "falsch" englisch reden, wie ein Schwabe, Bayer oder Ostfriese in seiner Mundart deutsch redet.

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