Von einer Männerfreundschaft konnte nie die Rede sein. Hochtief-Chef Herbert Lütkestratkötter war seinerzeit zwar froh, als der Spanier Florentino Pérez mit seiner Baufirma ACS im Jahr 2007 als Hauptaktionär beim deutschen Bauprimus einstieg. Doch obwohl Lütkestratkötter Spanisch spricht, wurde der weitgereiste Bergsteiger und Marathonläufer mit dem etwas hölzernen caballero nicht so recht warm.

Seit voriger Woche aber ist die Stimmung eisig. "Ich kann mir keine wirkliche Notlage vorstellen, die mich davon abhalten würde, meinen Partner vor Überraschungen zu schützen", rügte Lütkestratkötter die Initiative seines Partners, die ihn kalt erwischte. Deutlicher darf er nicht werden. ACS war einseitig mit der Ankündigung vorgeprescht, die Mehrheit bei Hochtief übernehmen zu wollen, und noch ist das Ganze in einem so frühen Stadium, dass das Aktienrecht dem Chef von Hochtief wenig Spielraum lässt.

Verblüfft hat ACS nicht nur die Essener Manager. Wenn derzeit von Spanien die Rede ist, dann als Land, das wegen der enormen Verschuldung von Privatleuten und Unternehmen in so großen finanziellen Schwierigkeiten steckt, dass zeitweilig sogar die EU als Retter ins Gespräch kam. Spaniens Firmen zeigen sich von alldem allerdings unbeeindruckt. In den vergangenen zwei Jahren gaben die zehn größten Eroberer mehr als 24 Milliarden Euro für ausländische Übernahmen aus. Bezieht man Käufe auf der Basis eines Aktientauschs mit ein, kamen sogar mehr als 30 Milliarden Euro zusammen. Auch ACS ist hoch verschuldet. Obwohl das Unternehmen bereits 2008 sein Aktienpaket an einem spanischen Energiekonzern und jüngst zudem noch einen Anteil am Mautstraßenbetreiber Abertis verkaufte, beträgt die Last noch immer rund 10 Milliarden Euro.

Viele Jahre lang konnte Spaniens größtes Bauunternehmen – nicht zuletzt dank der guten Kontakte seines inzwischen 63-jährigen Chefs in die Politik – von den Milliardensubventionen aus EU-Töpfen für Infrastrukturmaßnahmen profitieren. Nach Informationen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) stellte die Europäische Union Spanien zwischen 1999 und 2008 – also in den Jahren des frenetischen Baubooms – allein aus der sogenannten Kohäsionsförderung 70,4 Milliarden Euro zur Verfügung. Spanien sollte sozial und wirtschaftlich zu den wohlhabenderen Mitgliedsstaaten aufschließen. Zwar ist nicht bekannt, wie viel Geld davon am Ende bei ACS gelandet ist. Doch die spanische Bauwirtschaft prosperierte, sie legte in dieser Zeit jährlich um rund 5 Prozent zu.

Ausländische Konkurrenten tun sich bis heute schwer, Aufträge zu ergattern. Sie kommen nur selten zum Zug. "Aus dem Ausland an private oder öffentliche Aufträge in Spanien heranzukommen ist fast unmöglich", urteilt Georg Oster von Germany Trade and Invest, einer Gesellschaft für Außenwirtschaft und Standortmarketing.

Das Problem ist bei Hochtief bekannt. Die Essener versuchten mehrfach, auf dem spanischen Markt Fuß zu fassen – vergeblich. Umso mehr stößt auf, dass der Konzern nun als Melkkuh herhalten sollen. So zumindest betrachten zahlreiche Analysten und Branchenexperten den Vorstoß von ACS. "Das Unternehmen kann sich geografisch ausdehnen und gleichzeitig seine Finanzen sanieren", sagt etwa Manuel Romera, Finanzexperte an der Madrider IE Business School. Nachdem in Spanien – wie in den USA – die Immobilienblase geplatzt ist, muss Unternehmer Pérez sein Blickfeld erweitern. Alte Kontakte helfen ihm inzwischen nur noch bedingt weiter.