DIE ZEIT: Frau Haase, Sie führen Besucher in einer »Tour de Toilette« durch Berlin. Wie kamen Sie auf dieses Thema?

Anna Haase: Ich mache immer beim Welttag der Gästeführer mit, einer jährlichen Veranstaltung. Einmal war das Motto »Oasen der Ruhe«. Ich hatte keine Lust, die zigste Führung in Kirchen oder Parks anzubieten. Lieber wollte ich ein Tabu brechen.

ZEIT: Was erlebt man denn auf Ihrem Rundgang?

Haase: Ich beginne am Gendarmenmarkt. Dort steht noch ein grünes Toilettenhäuschen von etwa 1880. »Café Achteck« heißt es im Volksmund, da wird man den Kaffee los. Dann fahren wir mit U- und S-Bahn von Toilette zu Toilette, und ich berichte deren Geschichte.

ZEIT: Warum sollte sich ein Tourist für WC-Historie interessieren?

Haase: Weil das vom Alltag der Leute erzählt! Das »Café Achteck« etwa war, wie die alten Toilettenhäuschen am Chamissoplatz und am Senefelderplatz, ursprünglich nur für Männer gedacht. Frauen mussten sich ins Gebüsch hocken. Das ging ganz gut, sie trugen ja Röcke und keine Unterwäsche. Erst um 1900 gab es auf den Plätzen auch Damen-WCs. Vorher ging man wohl davon aus, dass Frauen sowieso nicht groß am öffentlichen Leben teilnehmen.

ZEIT: Probieren Ihre Kunden die WCs unterwegs auch mal aus?

Haase: Na klar! Genau deshalb reiche ich ihnen oft am Anfang der Tour einen Schluck.

ZEIT: Welches öffentliche WC benutzen Sie selbst am liebsten?

Haase: Das im »Klo«, einer Erlebniskneipe in der Leibnizstraße. Es stammt aus Japan und hat den Preis eines Kleinwagens. Der Sitz ist beheizt, es duscht und reinigt den Körper von unten. Das ist großartig! Da will man gar nicht weg.

ZEIT: Normalerweise sind Klos Orte, die man lieber rasch verlässt.

Haase: Sie können aber auch Treffpunkte sein. An der Joachimsthaler/Ecke Kurfürstendamm etwa gibt es im Souterrain eine Damentoilette, in der sich eine Bank befindet. Auf der sitzen oft Frauen und zeigen sich ihre Einkäufe. Diese Toilette hat sich total verändert. Früher waren da Fixer, und es stank, heute ist die blitzsauber. Man kann auch sehr nett mit der Frau Hygieneinspektor, so heißen die heute, plaudern.