Wer rettet unsere Kommunen vor dem Finanzkollaps? Wer baut Netze für die Energie der Zukunft? Wer hilft, wenn das nächste Hochwasser droht? In unserer zwölfteiligen Serie besuchen wir Frauen und Männer, die schon heute in Berufen arbeiten, die morgen noch wichtiger sein werden.
Teil 4: Entwicklungsberater

Helfersyndrom? Bei dem Wort wird Paul van der Poel kurz ärgerlich. »Damit hat meine Arbeit nichts zu tun«, sagt er. Van der Poels Alltag besteht aus Planen und Überwachen, Finanztabellen und Statusberichten. Stimmen die Zahlen nicht, so hakt er nach, übt Kritik, fordert Rechenschaft. Er erledigt die Aufgaben eines Managers; Mitleid ist da nicht angebracht. Der 50-jährige Forstwirt arbeitet zwar in der Entwicklungszusammenarbeit – doch wer dabei automatisch an Hilfsorganisationen denkt, liegt falsch. Längst haben sich auch private Consultingunternehmen auf dem Markt etabliert. Eine davon ist van der Poels Arbeitgeber.

Bei der Hamburger GFA Consulting Group betreut Paul van der Poel Waldbauprojekte in ganz Asien. Entweder als Teamleiter vor Ort in Indonesien, Afghanistan, China oder von seinem Schreibtisch in Hamburg aus. Seine Branche sprach bis vor etwa 15 Jahren noch von »Entwicklungshilfe« – nur geht es inzwischen weniger um tatkräftiges Helfen als um das Vermitteln von Fachwissen. Salopp gesagt: Brunnen können die Menschen vor Ort mittlerweile allein bauen, das Management aber übernehmen oft Experten aus dem Ausland . Gefragt sind Fachleute wie der Forstwirt van der Poel, die von der Provinzverwaltung bis hinauf in die Ministerien Entscheider beraten. Immer öfter kommen diese Berater von privaten Firmen: Etwa einer von acht Entwicklungsexperten wird von ihnen entsandt. Ein zweiter Trend: Umwelt- und Klimathemen gewinnen an Bedeutung. Denn wenn extreme Wettersituationen zunehmen, sind vor allem Entwicklungsländer betroffen.

Wenn jetzt, wie angekündigt, die deutschen Schwergewichte der Entwicklungszusammenarbeit zu einer einzigen Institution zusammen gelegt werden , dann, so ist die Hoffnung, wird sich die Arbeit fokussieren. Übersichtlicher soll sie werden. Berater und Umweltexperten werden eine zunehmend wichtigere Rolle spielen.

Schon jetzt werden Klimaprojekte bevorzugt gefördert, vor allem zum Forst- und Naturschutz. Zum Beispiel in Vietnam. Jahrzehntelang wurden dort die Wälder abgeholzt, um sie zu Geld zu machen, Anfang der neunziger Jahre erreichte die Waldfläche einen historischen Tiefstand. Nun forsten Kleinbauern den Wald wieder auf. Experten wie Paul van der Poel helfen den einheimischen Fachkräften und Behörden dabei. Welche Baumarten sollen gepflanzt werden? Was kosten neue Setzlinge pro Hektar? Wie managt man die Projekte effizient, was sind realistische Etappenziele? Weil Vietnam besonders stark von den Folgen der Klimaerwärmung betroffen sein wird, ist außerdem der Bau von Deichen geplant. Van der Poel muss deshalb beraten, verhandeln, vermitteln und etwa bei Kreditanträgen helfen.

2008 gab die Bundesrepublik 6,2 Milliarden Euro für bilaterale Entwicklungsarbeit aus – fast drei Milliarden mehr als noch fünf Jahre zuvor. Hinzu kommt Geld aus internationalen Organisationen wie EU und Weltbank. »Für Jobeinsteiger gibt es auf dem deutschen Markt weiterhin viele interessante Arbeitsplätze«, sagt denn auch Thomas Fues vom Deutschen Institut für Entwicklungspolitik (DIE), einer Art Thinktank der Entwicklungszusammenarbeit. Dennoch sollte sich jeder bewusst sein: Ohne Konflikte laufen Einsätze in der Entwicklungszusammenarbeit selten ab. »Wir sind manchmal Berater und Aufpasser in einem«, sagt Paul van der Poel. Oft kommt es vor, dass Projektpartner mit dem Geld aus Deutschland zu großzügig umgehen möchten oder Berichte schönen. »Zu meiner Arbeit gehört, dass ich auch Kritik äußere.« Das kommt nicht in jedem Land gut an. Während in China hart verhandelt und dabei gern auch Klartext geredet wird, muss man in Vietnam oder Indonesien diplomatisch auftreten. Dass van der Poel mit seiner tiefen Stimme und den unaufgeregten Gesten das gelingt, ist nicht schwer vorstellbar.