Die Predigt für das Freitagsgebet liegt schon auf seinem Schoß. In einer Hamburger Moschee wird Samir El-Rajab später vor Hunderten Gläubigen auftreten. Der 38-Jährige ist Imam. Doch früh am Morgen sitzt er noch mit seinem Sohn Mohammed auf einer kleinen Schulbank in der Hamburger Ganztagsschule Osterbrook und hilft ihm, eine Wolke in Form eines Flugzeugs auf ein Blatt Papier zu malen. »Meine Wolke ist ein Flugzeug«, schreibt Mohammed auf Deutsch dazu. Sein Vater schreibt es auf Arabisch.

Mohammed und sein Vater machen mit bei Family Literacy (Fly), einem Hamburger Integrationsprojekt, bei dem Einwandererkinder gemeinsam mit ihren Eltern bereits mit der Vorschule beginnend lesen und schreiben lernen. 44 Schulen in sozialen Brennpunkten, die von besonders vielen Kindern mit Migrationshintergrund besucht werden, beteiligen sich bisher an der vor fünf Jahren gestarteten Initiative. Von der Unesco wurde sie gerade mit dem König-Sejong-Alphabetisierungspreis ausgezeichnet – eine Würdigung, die bislang überwiegend in Länder der Dritten Welt gegangen ist. Mit dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg (LI) hat sich die internationale Jury in diesem Jahr zum ersten Mal für eine deutsche Einrichtung entschieden.

Mit Mama und Papa Deutsch lernen – das ist zusammengefasst die Idee hinter Fly. »Die Eltern sind die ersten und wichtigsten Lehrer der Kinder«, sagt Gabriele Rabkin, Projektleiterin beim LI. Doch diese ersten Lehrer haben oft selbst Probleme mit der deutschen Sprache. Viele Kinder könnten keine ganzen Sätze bilden, sagt Mohammeds Lehrerin Ute Stather. »Fernseher, Playstation, Handy – in vielen Familien wird viel zu wenig gesprochen«, bedauert die 54-jährige Pädagogin. Oft gebe es zu Hause keine Bücher, viele Mütter hätten keine Schulbildung, so manches Kind komme zudem mit motorischen Störungen in die Schule oder habe Schwierigkeiten, einen Stift zu halten.

Besonders Eltern, die aus sozial schwachen Milieus stammen oder als Migranten Sprachschwierigkeiten haben, sollen bei Fly unterstützt werden, ihre Kinder für Sprache und Bücher zu begeistern. Die Hoffnung dabei ist, Schulabbrüche und späteren funktionalen Analphabetismus zu verhindern. Die Hamburger Erziehungswissenschaftlerin Maren Elfert vom Unesco-Institut für Lebenslanges Lernen warnt davor, dass Kinder, die zu Hause nur wenige Anregungen zum Lesen und Schreiben fänden, mit Defiziten in die Grundschule kämen, die kaum aufzuholen seien: »Denn in der Familie liegt der Ursprung von Bildung.«

Fly steht aber nicht nur für die Sprachförderung von Migranten, es soll auch eine Brücke zwischen Eltern und Schule schlagen, Einblicke in das deutsche Schulsystem geben und Ängste und Hemmungen, zum Beispiel vor Elternabenden, abbauen. »Das Verhältnis zwischen Schule und Eltern hat sich durch Fly enorm verbessert«, sagt Ute Stather, die im Hamburger Stadtteil Hamm eine bunt gemischte zweite Klasse unterrichtet. Die multikulturelle Prägung des Stadtteils spiegelt sich auf den Schulbänken wider: Drei deutsche Schüler gibt es in der Klasse, die Wurzeln der anderen 15 Kinder liegen in der Türkei, in Makedonien, im Irak, in Polen und Pakistan. Mit neun Müttern und einem Vater sind über die Hälfte aller Eltern der Klasse zum Fly-Unterricht erschienen. Alle zwei Wochen gibt Ute Stather eine Doppelstunde Fly – und richtet sich dabei auch nach den Wünschen der Familien. Während des Ramadans wird nur eingeschränkt unterrichtet, und für berufstätige Eltern gibt es die Möglichkeit des Nachmittagsunterrichts.

Weil es aber nicht genügt, wenn das Lernen mit dem Schulschluss aufhört, kümmert sich Family Literacy auch um das, was zu Hause passiert. »Wir zeigen den Familien, wie man sich Bücher ausleiht, wie man mit Wörtern spielt«, sagt Projektleiterin Rabkin. Wie die Familien mit den Anregungen, die sie in der Schule bekommen, am Ende umgehen, ist ganz unterschiedlich.

Ghassan und Riham gehen in dieselbe Klasse der Ganztagsschule Osterbrook. Beide sind sieben Jahre alt. Ihre Eltern kamen jeweils vor acht Jahren aus dem Libanon nach Hamburg. Es gibt viele Parallelen zwischen ihnen, doch große Unterschiede, wenn es um den Umgang mit der Sprache geht: Bei Ghassan zu Hause wird nur Arabisch gesprochen und auch ferngesehen. »Weil es viel einfacher ist«, gibt Mutter Amal Ardati in gebrochenem Deutsch zu. Ghina Kabbani, Rihams Mutter, legt dagegen großen Wert auf Zweisprachigkeit. Im Fernsehen laufen nur deutsche Sendungen. Seitdem sie durch Fly mit ihrer Tochter Deutsch lerne, falle es ihr viel leichter, ihren Kindern bei den Hausaufgaben zu helfen. Sie traue sich jetzt auch zu den Elternabenden. Jede Woche geht Ghina Kabbani mit ihren drei Kindern zum Bücherbus im Hamburger Stadtteil Harburg und leiht deutschsprachige Bücher aus. Daraus liest sie dann Gutenachtgeschichten vor.

Für Projektleiterin Rabkin ist das der Idealfall: »Zehn Minuten am Tag sollte in den Familien vorgelesen, sich mit Büchern beschäftigt werden.« In welcher Sprache man das tut, ist für Rabkin zweitrangig. Wichtig ist, dass Lesen und Schreiben bereits von der Vorschule an alltäglich sind. Deutschlehrerin Stather wünscht sich dabei kreativere Eltern. Sie selbst schickt ihre Schüler gerne los und lässt sie auf der Straße »Buchstaben sammeln«. Auf Litfaßsäulen, Straßenschildern, Graffiti. Ghassan mag am liebsten arabische Buchstaben. Die sehen schöner aus. »Und man kann sie von rechts nach links lesen.« Sein Lieblingsbuch aber, das mit dem Krokodil mit den Zahnschmerzen, gibt es nicht in Arabisch. Ghassan will es trotzdem ausleihen. Seine Mutter hat versprochen, es mit ihm zu lesen. Auf Deutsch.

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