Reformpädagogik Lehrer müssen nicht geliebt werden

Die Reformpädagogik hat versagt. Sie kann nicht einfach so weitermachen wie bisher.

Nein, mit der Ächtung des sexuellen Missbrauchs ist es nicht getan. Die Reformpädagogik muss endlich hart mit sich selbst ins Gericht gehen.

Erinnern wir uns: Im März schockierten immer neue Enthüllungen über Missbrauchsfälle an der hessischen Odenwaldschule die Öffentlichkeit (siehe oben: Der Schock). Die Odenwaldschule galt bis dato als der Leuchtturm der Reformpädagogik, jener einflussreichen Strömung in der Erziehungswissenschaft, die von der Orientierung am Kind und nicht am Stoff redet, die auf die Selbsttätigkeit der Schüler baut.

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Gabriele Behler

Die SPD-Politikerin, 59, war von 1995 bis 2002 Kultusministerin von Nordrhein-Westfalen, von 1998 an zusätzlich Ministerin für Wissenschaft und Forschung

Ist Odenwald nur ein Betriebsunfall in der Geschichte der Reformpädagogik, wie manche Anhänger uns glauben machen wollen? Vom Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft über die Erklärung der reformpädagogischen Landerziehungsheime bis zum ebenfalls reformpädagogischen Schulverbund namens Blick über den Zaun scheint es einen gemeinsamen Reflex der Reformgemeinde zu geben: sich abgrenzen von jeder Art sexueller Übergriffe, aber Rettung der Reformpädagogik. So leicht jedoch kann man sich nicht davonstehlen.

Zwar gibt es kein einheitliches reformpädagogisches Programm. In der Realität gibt es aber eine Gemeinschaft von Reformpädagogen, die großen Erfolg mit ihrem selbstgerechten Anspruch hatte, das Leitbild für die Schule überhaupt vorzugeben. Wenn in der Vergangenheit nur leise Zweifel an der Reformpädagogik und ihren Leuchttürmen geäußert wurden, fuhren die Emotionen hoch.

Was haben wir uns nicht alles anhören müssen! Wir, das sind die ganz normalen Lehrerinnen und Lehrer, die in ganz normalen Schulen in der Regel gern arbeiten, wir als Schulleiterinnen und Schulleiter, die wir systematisch, engagiert und manchmal zähneknirschend die öffentlichen Schulen weiterentwickeln, auch wir Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitiker, die auf Qualitätsentwicklung und Lernstandards setzen.

Den »ganzen Menschen« sollen wir bilden, »nicht Fächer, sondern Kinder unterrichten«, »ganzheitliche Methoden« gegen die »Verkopfung« setzen, Kinder selbst entscheiden lassen, was und wann sie lernen, die Individuen sehen und annehmen, die Schule als Lebensraum, in der »alle gemeinsam« leben und lernen, die ganze Litanei – als sei die »Gemeinschaft« das Wichtigste, als dürfte es kein Leben außerhalb der Schule geben. Mit manchmal liebenswerter und manchmal erschreckender Verve und mit großem Idealismus auf den großen Kongressen seit den sechziger Jahren vorgetragen, entwickelte das Programm große Verführungskraft.

Einfach schrecklich wurde es, wenn die getreuen Adepten der verschiedenen reformpädagogischen Richtungen – und davon gab und gibt es viele – die Alltagstauglichkeit solcher Theorien unter Beweis zu stellen meinten, voller Selbstgerechtigkeit, mit großem missionarischem Eifer, der aus pädagogischen Prinzipien Heilslehren machte und dabei geprägt war von einem Zerrbild der Regelschulen.

Antistaatliche Affekte wurden mobilisiert gegen die »verwaltete Schule«, eine Schulaufsicht wurde per se als unpädagogisch wahrgenommen, Gleiches galt für fachliches Lernen, Lehrer an Regelschulen waren empathielose Vollstrecker unmenschlicher Fachvorgaben und Handlanger staatlicher Repression. Regelhaftigkeit und Grenzziehungen wurden als Ausfluss autoritärer Gesinnung diskreditiert. Und weil es um Kinder und Jugendliche ging, musste Wärme, Zuwendung und Liebe im Vordergrund stehen und nicht kalte Sachorientierung.

Leser-Kommentare
  1. entfernt. Bitte unterlassen Sie es, eine politisch linke Richtung als menschenverachtend zu bezeichnen. Die Redaktion/ew

  2. Frau Behler trat aus der GEW aus, bevor sie ausgeschlossen wurde. Ihren Job als Lehrerin übte sie nur kurz aus. UNTER Schwier wurde sie zügig ins Ministerium nach Düsseldorf geholt. Als Ministerin war sie bei den Lehrern sehr unbeliebt.

  3. Ich weis nicht, wie kompetent Frau Behler als Praktikerin ist, aber hier legt sie den Finger in die Wunde.
    Das sie Mancherorts unbeliebt sein soll, kann kaum verwundern, sind doch große Teile der Lehrerschaft und gerade der GEW genau dieser reformpädagogischen Ideologie verhaftet.
    Dabei muss ja nicht alles verworfen werden, aber der harte Boden der Realität lässt ähnlich wie bei den Religionen eine große Distanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit zurück, der Rechnung getragen werden muss.
    Damit sind nicht die Ideale falsch, aber die Methodik muss endlich hinterfragt werden und sich vor allem an der Wirklichkeit messen.

    "Gut gemeint ist das Gegenteil von gut" das sollte jeder, der sich für das Bessere engagiert niemals vergessen, will er nicht ungewollt in diese Falle tappen.

    H.

  4. Was für ein ergriffener, "wichtiger" und "sachkundiger" Beitrag der Frau Behler.

    Es wäre schon ratsam Päderasten, die sich hinter einer bestimmten Pädagogikform verstecken und deren Filz, von eben dieser Pädagogikform auch getrennt betrachten zu können.

    Es ist natürlich zu hinterfragen was ausgerechnet die Reformpädagogik zum Hort und zur Tarnkappe von Pädophilen machte, aber eben darum, um es im Pädagogikansatz bekämpfen zu können.

    Oder glaubt irgendwer, das alle Reformpädagogen im Ansatz Päderasten sein müssen oder zu diesen werden.

    Es geht zu nächst um ein pädagogisches Modell was mehr oder weniger gut ist, bei den heutigen Anforderungen in der Berufswelt jedoch nachwievor seine Berechtigung hat weil dazu Lösungen bietet.

    Was lief in der Reformpädagogik in Deutschland falsch?
    Wenn dann ist die Vergötterung falsch gelaufen und Absolutheitsanspruch. Aber: Muss ich diesen auch so annehmen?

  5. Und jetzt ist darum das Modell an sich falsch? Vermittlung und Training von demokratischer Teilhabe, was Eigenverantwortung, eigenständigem lernen & arbeiten, Teamwork u.w. sind also in der heutigen Welt falsch, weil ein "Label" dem eigenen Welt-(Feind)bild nicht entsprechen.
    Päderasten & Kriminelle haben in keinem Pädagogikbetrieb etwas zu suchen und müssen rechtzeitg, am besten vor der Ausbildung aussortiert werden, ebenso wie alle Strukturen die Päderasten u.ä. nützen.
    Trotzdem ist es mit der Reformpädagogik als heutiges Unterrichtsmodell eher wie mit der Demokratie als heutiges Staatsmodell nach Churchill: "Die Demokratie ist nicht die beste Staatsform, ich kenne aber keine die besser ist."

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    ... ist ja bewundernswert, natürlich sollte man alle Päderasten möglichst früh "aussortieren".
    Haben Sie aber mal daran gedacht, dass Menschen, die sich an Kindern vergehen, nicht unbedingt schon so geboren werden, dass man sie "aussortieren" kann?
    Sie blenden irgendwie völlig aus, welche Folgen sich aus der angepriesenen und intensiv gelebten, teilweise fast totalitären Intimität ergeben können:
    Nicht nur können Menschen mit schon vorhandender pädophiler Neigung diese in solchen Strukturen besser ausleben und verdecken. Die fehlende Distanz zwischen Autoritätsperson (, die die Lehrer trotz allem auf vielen Ebenen immer noch sind und immer bleiben werden,) und Schülern kann eben zu großer emotionaler Bindung führen und daraus kann im Einzelfall auch Mißbrauch dieser Bindung entstehen.
    Dass dies nicht immer durch Päderasten, die nur nach Opfern suchen, geschieht, sollte einsichtig sein, ist psychologisch aber natürlich nicht einfach und knapp darstellbar. Aber sicher sind es nicht nur hartgesottene Päderasten, die sich getarnt der Reformpädagogik bedienen, um ihre Neigung zu befriedigen. Aber dass viele die schädlichen Auswirkungen dieser fehlenden Distanz zum Lehrer auf zu vielen Ebenen nicht wahrhaben möchten, ist ja nicht neu. Man hat es an den Reaktionen gesehen, als die Fälle an der Odenwaldschule bekannt wurden!

    Freundliche Grüße

    Clownkiller

    ... ist ja bewundernswert, natürlich sollte man alle Päderasten möglichst früh "aussortieren".
    Haben Sie aber mal daran gedacht, dass Menschen, die sich an Kindern vergehen, nicht unbedingt schon so geboren werden, dass man sie "aussortieren" kann?
    Sie blenden irgendwie völlig aus, welche Folgen sich aus der angepriesenen und intensiv gelebten, teilweise fast totalitären Intimität ergeben können:
    Nicht nur können Menschen mit schon vorhandender pädophiler Neigung diese in solchen Strukturen besser ausleben und verdecken. Die fehlende Distanz zwischen Autoritätsperson (, die die Lehrer trotz allem auf vielen Ebenen immer noch sind und immer bleiben werden,) und Schülern kann eben zu großer emotionaler Bindung führen und daraus kann im Einzelfall auch Mißbrauch dieser Bindung entstehen.
    Dass dies nicht immer durch Päderasten, die nur nach Opfern suchen, geschieht, sollte einsichtig sein, ist psychologisch aber natürlich nicht einfach und knapp darstellbar. Aber sicher sind es nicht nur hartgesottene Päderasten, die sich getarnt der Reformpädagogik bedienen, um ihre Neigung zu befriedigen. Aber dass viele die schädlichen Auswirkungen dieser fehlenden Distanz zum Lehrer auf zu vielen Ebenen nicht wahrhaben möchten, ist ja nicht neu. Man hat es an den Reaktionen gesehen, als die Fälle an der Odenwaldschule bekannt wurden!

    Freundliche Grüße

    Clownkiller

  6. ... dass die Autorin ihre Vorschläge gleich als Anweisungen und Erlasse formuliert - der Königsweg für Regierungspräsidien, Schulleitungen und Lehrer?

    Weniger amüsant die unlautere Argumentation, denn wer hätte je das Schülerrecht bestritten, Lehrer und Mitschüler abzulehnen - um nur ein Beispiel zu nennen?

    Die Lust der Autorin am liebevoll gepinselten Schreckensszenario sei ihr unbenommen - mit dem Alltag schülerzentrierten Arbeitens hat es nicht viel zu tun - aber Reformbashing ist halt gerade hipp, da kann jeder was beitragen.

  7. gesprochen wird, sollte erst mal eine Entschädigung der Opfer erfolgen, unabhängig von Verjährung, wie es z.B. die katholische Kirche handhabt.

    Wenn man bedenkt, wie weit die Verstrickung war, man nehme nur mal Florian Lindemann, der den deutschen Kinderschutzbund mit in diese Angelegenheit eingebunden hat und somit auch Schuld auf diese Institution geladen hat, ist dieser Artikell fehl am Platz.

    Es ist vieleicht sogar notwendig die Odenwaldschule, bezüglich seiner Vergangenheit, zu schliessen und mit dem Verkauf dieser Anlage und seiner Wertgüter die Entschädigung zu unterstützen.

    • Atan
    • 23.09.2010 um 18:37 Uhr

    Wir hatten davor Beitrag eines Bildungsforschers, der mMn recht plausibel darstellte, dass Lehrer bei uns auf der Beziehungsebene scheitern. Frau Behler schwebt hingegen anscheinend der austauschbare Unterrichtsbeamte vor. Bei richtiger Methodik kann das Kind also nicht scheitern, macht der Lehrer alles richtig, wie Didaktik und Lehrplan es vorschreiben, ist das Kind also vermutlich unwillig oder zu doof.
    Nach meiner persönlichen Erfahrung haben mich vor allem diejenigen Lehrer inspiriert, die auch als Persönlichkeiten überzeugen konnten, in dem Sinne, dass sie die Faszination des unterrichteten Stoffes weitergaben. Das mag nicht für jeden Schüler das richtige sein, dass aber alleine die "wissenschaftliche Methodik" in der Pädagogik zu tragen vermag, ist die Wahnidee aller Bildungsapparatschiks, die in Deutschland sowieso schon viel zu viel Einfluß im System haben.
    Zum anderen ist "Reformpädagogik" ein sehr weites Feld mit einer Vielzahl unterschiedlicher Ansätze, die sich keinesfalls nur auf die tatsächlich ziemlich sonderlichen "Lebensreformer" zum Ende des 19. Jh. beschränken. Es geht hier auch um eine Bewegung gegen ein Schulsystem, dass jeden preußischen Feldwebel für den geborenen Pädagogen hielt.
    Und ob Missbrauch überhaupt etwas mit Reformpädagogik oder eher mit Machtstrukturen im Heim-,Internats- und Schulwesen zu tun hat, ist noch längst nicht geklärt.

    Eine Leser-Empfehlung

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