Nein, mit der Ächtung des sexuellen Missbrauchs ist es nicht getan. Die Reformpädagogik muss endlich hart mit sich selbst ins Gericht gehen.

Erinnern wir uns: Im März schockierten immer neue Enthüllungen über Missbrauchsfälle an der hessischen Odenwaldschule die Öffentlichkeit (siehe oben: Der Schock). Die Odenwaldschule galt bis dato als der Leuchtturm der Reformpädagogik, jener einflussreichen Strömung in der Erziehungswissenschaft, die von der Orientierung am Kind und nicht am Stoff redet, die auf die Selbsttätigkeit der Schüler baut.

Ist Odenwald nur ein Betriebsunfall in der Geschichte der Reformpädagogik, wie manche Anhänger uns glauben machen wollen? Vom Kongress der Deutschen Gesellschaft für Erziehungswissenschaft über die Erklärung der reformpädagogischen Landerziehungsheime bis zum ebenfalls reformpädagogischen Schulverbund namens Blick über den Zaun scheint es einen gemeinsamen Reflex der Reformgemeinde zu geben: sich abgrenzen von jeder Art sexueller Übergriffe, aber Rettung der Reformpädagogik. So leicht jedoch kann man sich nicht davonstehlen.

Zwar gibt es kein einheitliches reformpädagogisches Programm. In der Realität gibt es aber eine Gemeinschaft von Reformpädagogen, die großen Erfolg mit ihrem selbstgerechten Anspruch hatte, das Leitbild für die Schule überhaupt vorzugeben. Wenn in der Vergangenheit nur leise Zweifel an der Reformpädagogik und ihren Leuchttürmen geäußert wurden, fuhren die Emotionen hoch.

Was haben wir uns nicht alles anhören müssen! Wir, das sind die ganz normalen Lehrerinnen und Lehrer, die in ganz normalen Schulen in der Regel gern arbeiten, wir als Schulleiterinnen und Schulleiter, die wir systematisch, engagiert und manchmal zähneknirschend die öffentlichen Schulen weiterentwickeln, auch wir Bildungspolitikerinnen und Bildungspolitiker, die auf Qualitätsentwicklung und Lernstandards setzen.

Den »ganzen Menschen« sollen wir bilden, »nicht Fächer, sondern Kinder unterrichten«, »ganzheitliche Methoden« gegen die »Verkopfung« setzen, Kinder selbst entscheiden lassen, was und wann sie lernen, die Individuen sehen und annehmen, die Schule als Lebensraum, in der »alle gemeinsam« leben und lernen, die ganze Litanei – als sei die »Gemeinschaft« das Wichtigste, als dürfte es kein Leben außerhalb der Schule geben. Mit manchmal liebenswerter und manchmal erschreckender Verve und mit großem Idealismus auf den großen Kongressen seit den sechziger Jahren vorgetragen, entwickelte das Programm große Verführungskraft.

Einfach schrecklich wurde es, wenn die getreuen Adepten der verschiedenen reformpädagogischen Richtungen – und davon gab und gibt es viele – die Alltagstauglichkeit solcher Theorien unter Beweis zu stellen meinten, voller Selbstgerechtigkeit, mit großem missionarischem Eifer, der aus pädagogischen Prinzipien Heilslehren machte und dabei geprägt war von einem Zerrbild der Regelschulen.

Antistaatliche Affekte wurden mobilisiert gegen die »verwaltete Schule«, eine Schulaufsicht wurde per se als unpädagogisch wahrgenommen, Gleiches galt für fachliches Lernen, Lehrer an Regelschulen waren empathielose Vollstrecker unmenschlicher Fachvorgaben und Handlanger staatlicher Repression. Regelhaftigkeit und Grenzziehungen wurden als Ausfluss autoritärer Gesinnung diskreditiert. Und weil es um Kinder und Jugendliche ging, musste Wärme, Zuwendung und Liebe im Vordergrund stehen und nicht kalte Sachorientierung.