Woran erkennt man einen historischen Augenblick? Woran merkt man, dass die ganze Welt sich verändert, während man selber noch so ruhig in seinem Pfarrhaus sitzt? Nun, einen historischen Augenblick erkennt man nicht. Nur in der Retrospektive begreift man, dass die ganze Welt im Wandel ist. Im November 1989 schaute ich aus meinem Pfarrhausfenster der Zionsgemeinde in Berlin und stellte erstaunt fest, dass die Stasi-Autos verschwunden waren. Sie hatten ständig das Haus mit seiner Umweltbibliothek im Keller beobachtet. Als sie weg waren, hatte ich ein ganz ambivalentes Gefühl. Was war geschehen?!

Ich habe in dieser Umbruchzeit ein politisches Abendgebet initiiert zu der Frage: Wie soll es weitergehen? Unter den Mitgliedern der Umweltbibliothek gab es einige "Linke", die schon sehr früh von "Bananenrepublik" redeten – andere jubelten. Aber bei fast allen war eine unterschwellige Angst spürbar: Was wird werden? Solche spannungsgeladenen Situationen muss man als Pfarrer auspendeln. Damit hatte ich Erfahrungen. Denn als Gemeindepfarrer saß ich ja immer zwischen den Stühlen – für die einen war ich ein Vertreter der Kirchenhierarchie, für die anderen ein Störenfried.

Die Genossen verwiesen mich oft auf das Wort des Paulus: "Jedermann sei untertan der Obrigkeit, die Gewalt über ihn hat." Ich schwieg dazu. Nein, das war und ist nicht mein Credo. Schon als junger Vikar in der DDR fand ich, dass Obrigkeit grundsätzlich hinterfragt werden muss. Die DDR-Oberen hatten wohl nicht begriffen, dass sie in der reformierten Kirche keine orthodox liturgische vor sich hatten, die sich selbstgenügsam hinter ihre Mauern zurückzog. Die Genossen meinten, wir seien für den Himmel da. Sie selbst aber hätten die "weltlichen Geschäfte" zu regeln. Dies widersprach meinem Verständnis von Kirche. Denn: Religion und Glauben schweben in einem luftleeren Raum, wenn sie nicht in der Welt verankert sind. Wer immer von Gott redet, muss von den Problemen der Menschen reden.

Also: "Heilig" ist mir die Einmischung des Glaubens in konkrete Weltwirklichkeit. Jesus ging aus der Synagoge, der Werkstatt des Glaubens, heraus auf den öffentlichen Markt, auf den religiösen und politischen Großmarkt Jerusalem, wo Pilatus und die angepassten Sadduzäer herrschten. Hier konfrontierte er die Mächtigen mit ihrem Tun. Das ist auch heute Aufgabe der Kirche.