"Komm, lass uns Gitarre spielen", sagt Edwyn zu Grace, also steht sie auf und holt eine der bestimmt zwanzig, dreißig Gitarren, die herumstehen in Edwyns altem Musikstudio in West Hampstead, einem der netteren Londoner Stadtteile; draußen ist ein schöner Spätsommertag Anfang September. Grace setzt sich rechts neben Edwyn auf die Couch, ganz nah, sie legt sich den Gitarrenkorpus auf den linken Oberschenkel, Edwyn zählt ein, und dann spielt Grace die rechte Schlaghand und Edwyn die linke Greifhand. Ein paar Akkorde aus A Girl Like You, dem Lied aus dem Jahr 1994, von dessen Tantiemen sie ihr kleines Haus ein paar Kilometer weiter in Kilburn bezahlt haben und er einen Großteil der riesigen Sammlung alter Instrumente und Aufnahmegeräte gekauft hat, die hier im Studio, vier schmucklosen Hinterhofräumen, in den letzten Jahren meist ungenutzt herumstanden. A Girl Like You war rund um die Welt in den Top Ten, es sollte ursprünglich eine musikalische Hommage an Iggy Pop sein, aber es ist längst allein ihr Lied, das von Edwyns Frau Grace, einer kleinen Frau mit großer, rauer Lache und schottischem Singsang-Akzent: "I never met a girl like you before".

Edwyn Collins wird nie wieder allein Gitarre spielen. Außer es geschieht noch ein Wunder. Die Frage ist nur, ob er noch ein Wunder frei hat; ob Wille, Übung und Therapien allein einen gelähmten Arm und eine starr zur Faust geballte Hand wieder in Bewegung setzen können. Edwyn Collins ist fünfzig Jahre alt, mehr als dreißig davon hat er Musik gemacht, vier Alben mit seiner ersten Band Orange Juice, sechs Alben als Solomusiker, eine souveräne, aber zumeist unauffällige Pop-Karriere. Dann haben ihn zwei Schlaganfälle umgeworfen im Jahr 2005. Nun erscheint das siebte Soloalbum, es heißt Losing Sleep, die erste Platte mit neuen Liedern danach.

Edwyn könnte tot sein, es war knapp. Er könnte stumm und starr in einem Pflegeheim vor sich hindämmern, dieses Ende war nicht unwahrscheinlich. Er könnte auch kerngesund sein. Wenn er nur zum Arzt gegangen wäre vor jenem verhängnisvollen Februartag vor fünf Jahren. Über Monate hinweg hatte er heimlich Schmerztabletten geschluckt gegen die unerträglichen Kopfschmerzen, nicht mal Grace hatte er davon erzählt, gerade ihr nicht; der große, starke, sarkastische Edwyn, ein dunkler, heiterer Romantiker in seinen Liedtexten, ein blitzgescheiter Zyniker im Leben, hatte eine geradezu kindlich naive Angst vor der Diagnose Hirntumor. Dabei hatte er bloß hohen Blutdruck. Grauenhaft hoch zwar, aber sonst nichts.

Der 20. Februar 2005 war ein Sonntag, es war am frühen Abend, Grace war nur kurz fort gewesen, zwanzig Minuten vielleicht, Edwyn wollte in der Zwischenzeit das Stew aufkochen. Der Geruch von verbrannten Kartoffeln im Hausflur hatte Grace beim Nachhausekommen gleich seltsam erschreckt, sie hatte laut Edwyns Namen gerufen und ihn dann im ersten Stock im Wohnzimmer gefunden, der Fernseher lief, Edwyn lag auf dem Fußboden, reglos, kaum bei Bewusstsein. Als er ein paar Tage später aufwachte, nach dem zweiten Schlaganfall, der im Krankenhaus passierte, war nicht nur seine rechte Körperhälfte gelähmt. Er konnte nicht mehr sprechen, nicht mehr lesen, nicht mehr schreiben. Aphasie heißt die Krankheit, eine Folge der Hirnblutungen. Wäre Edwyns Gehirn ein Computer, dann wäre es, als wäre das Betriebssystem gelöscht worden.