1 Plattenbauten abreißen

Erst kostete es Millionen und Abermillionen Euro, die trüben Plattenbauten der DDR zu sanieren. Jetzt kostet es Abermillionen, sie großflächig abzureißen, weil es im Osten zu wenige Menschen und zu viele leere Wohnungen gibt. Wären doch gleich 1990 die Bagger aufgefahren und hätten die Großsiedlungen abgeräumt! Dann wären viele Menschen in die wunderbaren Altstädte gezogen, und es gäbe dort heute nicht so großen Leerstand. Hanno Rauterberg

2 Bonn vergessen

Nichts scheint im Rückblick gespenstischer als die zähe Debatte um den Regierungsumzug von Bonn nach Berlin. Darauf lassen wir uns das nächste Mal nicht wieder ein! Und auch nicht auf das, wie es die Süddeutsche Zeitung nannte, hysterische Witwengetue der Stadt Bonn, das wir mit Doppelsitzen der Ministerien und tausend Vergünstigungen befrieden zu müssen glaubten. Nichts da! Bonn wird einfach vergessen (und das könnte man sogar heute noch mit etwas gutem Willen hinkriegen). Jens Jessen

3 Auch mal nach Westen gucken

Niemand will den neuen Bundesländern all ihre hübsch sanierten Altstädte, die neuen Autobahnen und renaturierten Industriekloaken streitig machen. Aber in aller Bescheidenheit mal den Blick nach Westen lenken, das darf man schon. Denn inzwischen bröckelt es dort in manchen Städten so wie im Osten anno 89. Etliche Westkommunen sind pleite, die bürgerliche Grundversorgung mit Schwimmbad, Bücherei, Theater ist kaum mehr gewährleistet, der sogenannte öffentliche Raum verkommt. Dennoch tragen diese Gemeinden weiterhin zum Beispiel 40 Prozent der Lasten aus dem Fonds Deutsche Einheit, mit dessen Hilfe der Osten saniert wurde. Eine Stadt wie das darbende Wuppertal muss dafür jährlich 25 Millionen Euro aufbringen. Die hat sie nicht und nimmt also für die Solidarität mit dem Osten neue Schulden auf, wo sie doch schon von den alten fast erdrückt wird. Das ist weder ökonomisch sinnvoll, noch fördert es geschwisterliche Gefühle zwischen hüben und drüben. Deshalb gehört zur Einheit eben auch, den Westen nicht zu vergessen. Christof Siemes

4 Währungstausch eins zu viereinhalb

Thilo Sarrazins aktuelles Buch mag die Republik bewegen, doch eine viel einflussreichere Schrift verfasste der umstrittene Ex-Bundesbanker vor über zwanzig Jahren. Damals, im Januar 1990, war Sarrazin Referatsleiter im Bonner Bundesfinanzministerium und arbeitete das entscheidende Konzept für die große deutsche Währungsreform aus. Am 1. Juli wurde sie Realität: Aus Ostmark wurden Westmark. Eins zu eins. Löhne, Gehälter, Spareinlagen – alles plötzlich echtes Geld.

Doch schon bald mussten die Ostdeutschen lernen, was Griechen und Spanier jetzt feststellen: Eine starke Währung ist nicht nur ein Vergnügen – vor allem nicht, wenn sie mit einer schwachen Wirtschaft zusammenfällt.

So schnell das neue Geld das Tor zur bunten kapitalistischen Warenwelt öffnete, so schnell verriegelte es dieses in geradezu dialektischer Manier wieder. Durch die Währungsreform standen die vergleichsweise unproduktiven Ostunternehmen plötzlich in direkter Konkurrenz mit den Westfirmen. Es war ein Kampf, den sie nicht gewinnen konnten. Massenhaft gingen die Betriebe pleite. Die Menschen bezahlten den schnellen Konsum mit dem Verlust ihrer Einkommensbasis.

Fachleute – darunter der damalige Bundesbankpräsident Karl Otto Pöhl – hatten genau davor gewarnt. Sie konnten sich jedoch in Bonn nicht durchsetzen, wo eine Massenflucht von Ost nach West befürchtet wurde. »Kommt die D-Mark, bleiben wir, kommt sie nicht, gehn wir zu ihr«, war schließlich auf den Transparenten der Montagsdemonstrierer zu lesen.

Die neue Währung nährte für kurze Zeit die Illusion, ein halbes Jahrhundert Wirtschaftsgeschichte lasse sich durch einen monetären Trick ungeschehen machen. Als die Ersparnisse aufgebraucht waren, blieb vielen Menschen in den entindustrialisierten Landstrichen doch nichts anderes als die Flucht oder das Leben von Transferleistungen aus dem Westen.

Dabei gab es durchaus Alternativen. Der alte Umtauschkurs der Ostmark zur D-Mark lag bei viereinhalb zu eins. Den Betrieben der DDR wurden für jede im Export erwirtschaftete Westmark vier Ostmark und fünfzig Pfennige gutgeschrieben. Das erlaubte es ihnen, ordentliche Löhne zu bezahlen und trotzdem günstig produzieren zu können. Durch die Eins-zu-eins-Umstellung verteuerten sich – ähnlich wie bei einer Währungsaufwertung – die Lohnkosten und damit viele Waren im Ausland schlagartig um den Faktor vierkommafünf. Sie wurden zu Ladenhütern.

Um das zu verhindern, brachte die Bundesbank eine Umstellung von zwei zu eins ins Spiel. Die Einkommen im Osten hätten sich dadurch halbiert, aber dafür hätten die solideren unter den DDR-Betrieben vielleicht gerettet werden können. Die marode Ostindustrie hätte immer noch enorme Anpassungsleistungen erbringen müssen, aber zumindest eine Überlebenschance gehabt.

Und warum nicht ein Kurs von fünf zu eins, wie ihn die SPD-Politikerin Ingrid Matthäus-Maier vorgeschlagen hatte, oder gar von sieben zu eins, wie er ebenfalls in der Diskussion war? Westwaren wären in diesem Fall für die Ostdeutschen unerschwinglich geblieben. Dafür hätten die Ostfirmen der Westkonkurrenz das Leben schwer gemacht statt andersherum. Ostprodukte hätten sich im Ausland erheblich verbilligt, aus der DDR hätte eine Art China Europas werden können – eine Volkswirtschaft, die dank einer Weichwährung mit Billigprodukten die Märkte überschwemmt.

»Eins zu eins, sonst werden wir niemals eins« lautete jedoch die Forderung aus dem Osten – und tatsächlich wäre das mit der politisch gewollten staatlichen Einheit bei anderen Umrechnungskursen wohl nicht so schnell über die Bühne gegangen. Die westlichen Sozialsysteme beispielsweise hätten für die Bürger aus dem Osten gesperrt werden müssen, womöglich auch die Grenze insgesamt. Durch Umzug in den Westen hätte ein Familienvater bei einem Umtauschkurs von eins zu sieben deutlich mehr an Sozialhilfe erhalten und an seine Angehörigen überweisen können als durch Arbeit im Osten.

Mit zwei Währungen wäre ein Staat nicht zu machen gewesen. Mark Schieritz