Die erste eigene Begegnung mit Politik, an die ich mich erinnern kann, hatte ich in der sechsten Klasse. Ich war – ich glaube, wegen eines überlegenen Konzeptes für die Organisation der Geisterbahn beim Schulfest – zur Klassensprecherin gewählt worden. Nun durfte ich an den Versammlungen der Schülermitverwaltung teilnehmen. Dort lieferten sich regelmäßig zwei »Große« (natürlich Jungs) aus dem 13. Jahrgang wilde Wortgefechte. Der Schülersprecher war in der Jungen Union, sein Widersacher in der DKP. Worum es im Einzelnen ging, weiß ich beim besten Willen nicht mehr. Was mich aber begeisterte, war die Leidenschaft. Hier ging es offensichtlich nicht um einen persönlichen Konflikt, es war Streit um eine Sache – und zugleich eine Art Rollenspiel, in dem man Punkte machte, wenn man schneller, witziger, wendiger war.

Die Erfahrung, dass Streit großartig und aufregend sein kann und eben nicht von vornherein etwas Hässliches, Unerfreuliches ist, scheint mir zentral für die Entwicklung eines politischen Gespürs, einer politischen Lebenseinstellung. Wer diese Erfahrung nicht möglichst früh und möglichst spielerisch machen kann, wird immer unter dem Politikbetrieb leiden, wird ihn nie richtig verstehen, wird, wie so viele, die verdrossen oder distanziert sind, nur über »Parteiengezänk« und »politische Streiterei« schimpfen.

Und wer den Streit nicht versteht, kann auch keinen Sinn für die Schönheit des Kompromisses entwickeln. Demokratische Politik ist ja gerade nicht dazu da, Maximalpositionen durchzusetzen, und sie hat auch nichts mit Expertenherrschaft zu tun – nach der diejenigen, die Streit und Kompromiss so hassen, sich oft sehnen. Nein, ganz normale Menschen dürfen sich in der Demokratie über ihre zum Teil weit voneinander entfernt liegenden Überzeugungen und Interessen austauschen – und das Ergebnis muss kein Wunder an Weisheit sein, sondern nur für alle erträglich.

Weil man diese Dinge – Streiten und Kompromisseschließen – tatsächlich am besten lernt, wenn man sie tut, ist es unglücklich, dass sich der Zeitdruck in den Schulen so sehr erhöht hat, dass sich die Schülervertretungen entpolitisiert haben und dass ängstliche Schulleiter heute darauf achten, die »böse« Politik möglichst von ihren Schützlingen fernzuhalten. Das ist kein banales bildungspolitisches Detail: Demokratie braucht Schulen! Und Lehrer.

Ein weiterer Aspekt meines Schulerlebnisses scheint mir interessant: Die Debatte in der Schülermitverwaltung war attraktiv, weil es ältere, aus der Perspektive einer Elfjährigen nahezu unerreichbare und würdevolle Schüler waren, die da argumentierten. So wollte man auch sein! Ein derart positives Image hat unser Politikbetrieb, hat besonders die Arbeit in den Parteien nicht. Wer heute tatsächlich Mitglied einer Partei ist, wird beäugt, als pflegte er ein exotisches, möglicherweise leicht perverses Hobby. Die Vorbehalte sind zum Teil berechtigt, zum Teil aber auch ungerecht: Auf nahezu jeder Parteiversammlung wird man Funktionäre finden, die, was ihre Wirklichkeitswahrnehmung angeht, auch vom Alpha Centauri stammen könnten – und kluge, freundliche Menschen, die sich in ihrer Freizeit nicht für sich selbst, sondern für die Belange anderer Menschen einsetzen.

Die ehemalige Bundestagsabgeordnete Lale Akgün hat in ihrem jüngst erschienenen Buch Der getürkte Reichstag einen wunderbaren Vergleich gezogen zwischen ihrer Familie und ihrer Partei. »In meiner Familie lieben sich alle sehr«, schreibt Akgün, »was nicht verhindert, dass jeder mit einem Messer im Rücken herumläuft. Mit einem klitzekleinen natürlich. In meiner Partei auch. In meiner Familie wird furchtbar viel geredet, jeder fällt jedem ins Wort. In meiner Partei auch. In meiner Familie versucht jeder jeden davon zu überzeugen, dass er im Besitz der ultimativen Wahrheit ist. In meiner Partei auch. In meiner Familie stöhnt jede und jeder darüber, wie furchtbar im Grunde genommen diese Familie ist, aber niemand käme auf den Gedanken, sie zu verlassen. In meiner Partei auch.«

Genau so ist es. In der öffentlichen Darstellung von Politik aber dominiert der Apparatschik; werden »die« Politiker häufig alle in einen Sack gesteckt; denken alle, so das Klischee, selbstredend nur an Vorteilsnahme und ihre Privilegien. Dass bei einem derart schmutzigen Geschäft mit solch fragwürdigen Akteuren immer weniger mitmachen wollen, dass Wahlbeteiligung, Bindungskraft der Parteien und Mitgliederzahlen seit Jahren sinken, ist kein großes Wunder.

Was uns in Deutschland fast vollkommen fehlt, sind Geschichten über Politik, die von der Attraktivität, der Faszination der politischen Sphäre erzählen und ein Mindestmaß an Identifikation erlauben. Der geniale Roman Mit aller Macht des amerikanischen Politikjournalisten Joe Klein schildert den ersten Wahlkampf des Präsidentschaftsbewerbers Bill Clinton. Selbstverständlich gibt es darin Schweinereien, Unehrlichkeiten, Verrat, Hass und Tücke. Aber der Leser bleibt nicht mit dem Gefühl zurück, wie schlecht, sondern wie spannend Politik ist. Die unzähligen amerikanischen Präsidentenfilme – ob sie nun wie Independence Day vom Kampf gegen Aliens oder wie Thirteen Days von der Kuba-Krise handeln – verbreiten keinen Verdruss, sondern unterhalten ausgezeichnet. Warum ist so etwas bei uns undenkbar? Warum gibt es keine mit der grandiosen amerikanischen Fernsehserie The West Wing vergleichbare Soap über das Kanzleramt? Warum keine Romane wie in Großbritannien, in denen Politik und Politiker ganz selbstverständlich vorkommen, mal gut, mal böse, mal mittelmäßig? Liegt es an der traditionellen Verachtung deutscher Intellektueller und Kulturschaffender fürs Politische? Wie immer man ihre Abstinenz erklären mag: Sie verzichten ohne Not auf fantastische Stoffe.