Das Fremdeln mit Deutschland gehört zum Lebensgefühl der Grünen wie der Stolz auf die Wiedervereinigung zur CDU. "Gibt es ein Land auf der Erde / wo der Traum Wirklichkeit ist?", hieß es in einer finsteren Anti-Nationalhymne von Rio Reiser, dessen Lieder für Hausbesetzer, Atomkraftgegner und Friedensdemonstranten unverzichtbar waren. "Ich weiß es wirklich nicht", lautete die verzweifelte Antwort, "ich weiß nur eins, und da bin ich sicher: dieses Land ist es nicht!" Claudia Roth war die Managerin der Band Ton Steine Scherben. Heute ist sie Vorsitzende einer Partei, die manche angesichts ihrer neuesten Umfragewerte schon "Volkspartei" nennen. Beim Wort "Volk" hätten viele der Zehntausenden, die am vergangenen Wochenende das Berliner Regierungsviertel umzingelten, nach ihrem Pfefferspray gegriffen.

Aber mit 27 Prozent der Stimmen, wie sie eine Umfrage jüngst für die Landtagswahl in Baden-Württemberg im März in Aussicht gestellt hat, ist man nicht mehr draußen vor der Tür. Keine kleine, radikale Minderheit im schwarz-gelben "Atomstaat". Man regiert auch nicht mehr nur irgendwie mit. In Berlin, in Baden-Württemberg oder in Schleswig-Holstein könnte die frühere Anti-Parteien-Partei schon sehr bald in die Verlegenheit kommen, das Zepter in die Hand nehmen zu müssen – und sogar den Regierungschef zu stellen. Die Haltung zu Deutschland ist nicht mitgewachsen mit den atemberaubenden Zahlen. Verantwortung für ein Land übernehmen, dem man doch zutiefst misstraut – hat Claudia Roths Partei da die Grenzen des Wachstums erreicht? Was genau würden die Grünen machen, wenn sie König von Deutschland wären?

Wenn es irgendwo einen Ort gibt, wo die Grünen längst Volkspartei sind, dann ist es Berlin-Kreuzberg. Christian Ströbele, 71, hat hier 2002 erstmals ein Direktmandat für den Bundestag gewonnen. Seitdem ist der Wahlkreis grün. Hier hatte die Partei mit den sagenhaft anschwellenden Sympathiewerten Jahre Zeit zu beweisen, was sie auf Bundesebene derzeit nur versprechen kann: dass sie die Partei des Gemeinwohls ist. Die Partei derjenigen, die nicht lange fragen, was für sie dabei herausspringt. Die Partei, die an das Ganze denkt, auch das von morgen und übermorgen. Die den Leuten die Wahrheit sagt, auch wenn es wehtut. In Kreuzberg aber, so sieht es jedenfalls ein ziemlich verbitterter Grünen-Kritiker, sind sie an dieser Aufgabe kläglich gescheitert. "Die Leute hier, die sind nicht glücklich mit uns. Die fragen: Warum hört man von Christian Ströbele zwar viel zum Krieg in Afghanistan , aber nichts zum täglichen Kleinkrieg an Kreuzberger Schulen? Wir wollen gute Bildung, er fordert die Einführung islamischer Feiertage. Warum fällt ihm zu Sarrazin nichts ein? Hat er schon mal mit einem Hartz-IV-Empfänger oder einem Junkie am Kottbusser Tor gesprochen? Wahrscheinlich nicht, denn er wohnt ja im Grunewald."

Der Kritiker will seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. Schließlich dürfen die Grünen in Berlin bei der anstehenden Wahl zum Abgeordnetenhaus mit zweistelligen Zuwächsen und vielen, vielen neuen Listenplätzen und Mandaten rechnen, und er möchte eins davon. Aber viele in der Partei fürchten, was er fürchtet: Dass die stetigen Stimmengewinne, die Renaissance des Atomthemas, die Straßenproteste in Stuttgart genau die Art von linkem Populismus – er spricht sogar von "Bigotterie" – befeuerten, wie er in Kreuzberg regiert.

Bei der Frage, ob die Grünen das Zeug zu einer verantwortlich agierenden Volkspartei haben oder doch im Zweifel in der Provinz ihrer Wohlfühl-Themen hocken bleiben werden, stößt man auf einen Riss. Er verläuft nicht unbedingt zwischen den Generationen, wie man erwarten könnte, sondern zwischen Nord und Süd. Es ist der Norden, der eher zur Pflege der linksgrünen Bewegungstradition neigt, während grüne Mandatsträger im Süden neue Wege gehen, eine eigene grüne Form von Loyalität zu ihren Ämtern, Gemeinden und Rathäusern entwickeln. Es ist vermutlich kein Zufall, dass alle vier grünen Oberbürgermeister aus dem Süden stammen.

"In Brokdorf hat mich mein Land mit Wasserwerfern gejagt", sagt Roth

In Kiel, wo die Grünen eine Neuwahl erzwungen haben und auf Verdoppelung ihrer Mandate hoffen dürfen, sitzt der Schriftsteller und grüne Spitzenkandidat Robert Habeck und bastelt an einem "Patriotismus ohne Deutschland". In Berlin hat die Bundesgeschäftsführerin Steffi Lemke dafür gesorgt, dass die Heinrich Böll Stiftung das Wort "Volkspartei" von den Plakaten nahm und in "Grüne Mehrheitspartei" umbenannte. Die Grüne Jugend fordert dringend die Abschaffung des Paragrafen gegen Verunglimpfung der Symbole der Bundesrepublik.