Friedensgebete in der Leipziger Nikolaikirche im November 1989 © dpa/isn

DIE ZEIT: Herr Neubert, wann haben Sie sich zuletzt in die Politik eingemischt?

Ehrhart Neubert: Gegenfrage! Sie glauben wohl, ein Mann der Kirche muss sich immer einmischen? So sehe ich das keineswegs. Ich finde, dass Kirche nur in Ausnahmesituationen einen politischen Auftrag hat. Und zwar dann, wenn Politik nicht funktioniert oder sich gegen die Interessen der Menschen richtet. In der DDR war die Politik gewissermaßen abgeschafft. Damals war Kirche notwendig als Freiraum. Heute ist sie, politisch gesehen, nur ein Ort, wo alle über Parteigrenzen hinweg miteinander reden können.

ZEIT: Dafür, dass die Kirche in Deutschland ihren Auftrag erfüllt hat, sind Sie aber ziemlich aktiv.

Neubert: Also, ich gebe zu, dass ich lange in der Grundwertekommission der CDU saß und dass ich in mehreren Vereinen Geschichtspolitik mache. Neulich habe ich das Innenministerium beraten bei einem Film über die deutsche Einheit.

ZEIT: Sie sind, gerade jetzt vorm Einheitsjubiläum, schwer erreichbar. Wo waren Sie gestern?

Neubert: Unter anderem in Berlin, wo ich ein Bürgerbüro für Opfer der Diktatur leite, wir beschäftigen uns mit Folgeschäden politischer Haft, kümmern uns um ehemalige Insassen von Jugendwerkhöfen. Viele brauchen einfach das Gespräch. Vorgestern habe ich eine Vorlesung in Köln über religionspolitische Folgen der SED-Herrschaft gehalten. Davor war ich in Görlitz, wo ostdeutsche Bürgerrechtler und polnische Dissidenten an einem Bildungsprojekt arbeiten: Wie macht man Zivilcourage aus der Vergangenheit heraus fruchtbar für die Gegenwart?

ZEIT: Vielleicht, indem man sich auf Leute wie Sie verlässt. Im Ernst: Obwohl einige Pfarrer bis heute politisch aktiv sind – etwa Christian Führer in Leipzig, Friedrich Schorlemmer in Wittenberg –, verschwand die kirchliche Opposition nach der Wende schnell von der Bildfläche. Die Aufmüpfigen zogen nicht ins Parlament. Die Kirchen wurden nie wieder so voll. Schmerzt Sie das?

Neubert: Nein. 1989 war ein tolles Bestätigungserlebnis, aber deshalb muss man nicht sentimental werden. Ich fände es schlecht, wenn die Pfarrer von der Kanzel herunter politische Überzeugungen predigen würden. Sie müssen Religion von Politik trennen – es sei denn, das Maß des Unerträglichen ist voll.

ZEIT: Dietrich Bonhoeffer hat gesagt: Wir müssen dem Rad in die Speichen greifen! Wann wäre für Sie dieser Moment erreicht?

Neubert: Wenn das geltende Recht Ungerechtigkeit befestigt. Aber diese Grenze lässt sich nicht genau definieren, darüber hat sich schon Thomas von Aquin den Kopf zerbrochen. Wann der Status confessionis erreicht ist und man sich öffentlich wehren muss, das ist eine Frage der Überzeugung und der Intuition. Das muss jeder für sich selbst entscheiden. Da lasse ich mir auch von keinem Bischof dreinreden.

ZEIT: Das klingt sehr lutherisch.

Neubert: Natürlich haben die Protestanten sich unentwegt eingemischt. Aber Luthers Aufsässigkeit hatte ein höheres Ziel: das Reich Gottes.

ZEIT: Und was wird unterdessen mit der Gerechtigkeit auf Erden?

Neubert: Den Armen zu helfen ist eine eindeutige Botschaft der Bibel. »Was Christum treibet« ist nach Luther das Mitleid für die Schwachen, also muss sich Kirche um sie kümmern. Der Sozialismus hat daraus aber eine Ideologie gemacht und Gerechtigkeit auf die soziale Frage verkürzt. In Wahrheit sind Opfer von Menschenrechtsverletzungen oder politische Häftlinge eben auch Arme.