Küss die Hand. Joseph Goebbels (Moritz Bleibtreu), Ferdinand Marian (Tobias Moretti) und seine Frau Anna (Martina Gedeck) © Concorde Film 2010/Petro Domenigg, filmstills.at

Die Geschichte des österreichischen Schauspielers Ferdinand Marian, der in Veit Harlans berüchtigtem, von Joseph Goebbels persönlich beaufsichtigtem Film Jud Süß 1940 nach anfänglichem Widerstreben die Hauptrolle spielte, bietet allerbesten Stoff, um noch einmal jene subtilen Mechanismen darzustellen, mit denen der Nationalsozialismus sich die Kunst gefügig machte. Es ist die Geschichte des zunächst ablehnenden Künstlers, der sich, von Eitelkeit betäubt und vom Ehrgeiz gepackt, schließlich doch vom Teufel namens Goebbels verführen lässt.

Der Regisseur Oskar Roehler hat sich der Sache angenommen und mit Jud Süß – Film ohne Gewissen auf der diesjährigen Berlinale sogleich einen kleinen Skandal ausgelöst. Denn Roehler erfand zum Beispiel eine jüdische Herkunft von Marians Frau Anna (Martina Gedeck) und die Haushälterin Britta (Anna Unterberger), die Anna später bei Goebbels persönlich denunziert. Skandalös ist an solch künstlerisch freiem Umgang mit historischen Fakten zunächst einmal gar nichts. Problematisch allerdings ist die generelle Grundkonstruktion des Films, die ins Wanken gerät, weil nun zum Verführungsmotiv auch die Erpressbarkeit Marians hinzukommt – was die theoretisch raffinierte Konstellation doch reichlich versimpelt.

Noch schwieriger wird es durch die Überfrachtung des Plots. Roehler will offenbar das Antlitz des "Dritten Reichs" komplett zeigen, die groteske Farce und die kalte Brutalität, Verbrechen und Verführung, das Zusammenspiel von Lust und Gewalt. Dazu die zeitlos gültigen Antriebskräfte einer Schauspielerseele, die sich Goebbels (Moritz Bleibtreu) geschickt zunutze macht. Doch für solche ambitionierte Vielschichtigkeit fehlen Roehler die ästhetischen Einfälle. Es herrschen die Klischees; alle Bilder meint man schon in zahllosen Filmen über das "Dritte Reich" gesehen zu haben. Britta ist die eiskalte Blonde mit passendem SA-Freund, die Schauspieler Heinrich George (Armin Rohde) und Werner Krauss (Milan Peschel) sind opportunistische Knallchargen. Verführerische Frauen locken an der Bar oder im Bett und wälzen sich dort nach dem Krieg gleich weiter mit schmucken Amis.

Ferdinand Marian (Tobias Moretti als sympathischer Charmeur und Lebemann) spielt schließlich den Juden für Goebbels und Klavier für die Schönen. Er lässt sich durch Roehlers plakativen NS-Glanz treiben und will nicht mit Anna in den Flieger nach Casablanca steigen, obwohl sie bedroht ist. Nach ihrer Verhaftung flippt er aus und greift natürlich zur Flasche. Anteilnahme löst dies beim Zuschauer nicht aus, zu holzschnittartig läuft alles ab. Geradezu peinlich wird es, als die Kamera in Großaufnahme über das gelbe Ortseingangsschild des Städtchens Auschwitz schwenkt und Gräben aushebende Juden zu sehen sind: Eine Frau, die Anna ähnelt, stimmt lauthals ein jiddisches Lied an, die SS-Mannschaften brüllen und legen an, der vorbeispazierende Marian im Frontunterhaltungseinsatz verharrt unentschlossen, sein Begleiter rettet durch beherztes Agieren die Frau. Roehler liefert solchen Kitsch neben pseudometaphorischen Lachnummern: Die Frau eines KZ-Kommandanten (Gudrun Landgrebe) lässt sich von Marian beim Bombenangriff am Fenster von hinten vögeln, mit Blick auf den Berliner Dom: "Mach’s mir, Jude" – "Auge um Auge, Zahn und Zahn." Nun ja. Auf solche Weise wird der Film zu einem Ärgernis. Die Chance, sich mit einem Starensemble in die Geschichte großer filmischer NS-Auseinandersetzungen einzuschreiben, hat Oskar Roehler verpasst. Alexander Cammann