Am 26. Dezember 1910 sorgt ein Telegramm für große Aufregung im weihnachtlichen Berlin. "Oktober, 18., Boeder, Brauckmann, Hollborn, Häfner und 5 eingeborene Bootsjungen auf Dschokadsch von Sokehs ermordet. Diese seitdem aufständisch. Bisher übriges Ponape durchaus ruhig und größtenteils loyal. Nach Niederwerfung strenge Bestrafung, sonst unsere Autorität in Ponape erledigt." Ponape? Selbst altgediente Mitarbeiter im Reichskolonialamt müssen überlegen, wo das liegt.

Pohnpei – dies die heutige Schreibweise – ist mit 347 Quadratkilometern die größte Insel der Karolinen. Als erste Europäer erreichten spanische Seefahrer im 16. Jahrhundert die aus über 700 Eilanden bestehende Inselgruppe im Westpazifik und nahmen sie für ihren König in Besitz. Da die Karolinen, anders als die benachbarten Marianen, ohne strategische oder wirtschaftliche Bedeutung waren, verzichtete Spanien jedoch auf jede Form der Herrschaftsausübung. Die Deutschen kamen später.

Die deutsche Südsee um 1900: Klicken Sie auf das Bild, um die Karte zu öffnen © ZEIT Grafik

Mitte des 19. Jahrhunderts engagierten sich vor allem hanseatische Firmen wie das Hamburger Handelshaus Johann Cesar Godeffroy & Sohn im Pazifik und erlangten eine dominierende Stellung. Das wichtigste Handelsgut war Kopra, das getrocknete Fruchtfleisch der Kokosnuss. Daraus wurde Öl gewonnen, das wiederum für Seife, Parfüm, Speiseöl, Kokosbutter, Palmin und Nitroglyzerin benötigt wurde. Mit einer Kokosölseife begann nicht zuletzt die von einem Schotten 1821 in Hamburg gegründete Parfümerie Douglas ihre Erfolgsgeschichte.

Als Anfang der 1880er Jahre die Kolonialmächte darangingen, die letzten vermeintlich "herrenlosen" Gebiete nicht nur in Afrika, sondern auch in Ozeanien unter sich aufzuteilen, beteiligte sich das Deutsche Reich an diesem Wettlauf. Auf Drängen der im Pazifik tätigen Handelsfirmen stellte Reichskanzler Otto von Bismarck im November 1884 ein 240.000 Quadratkilometer großes Gebiet im Norden Neuguineas unter deutschen "Schutz", das sogenannte Kaiser-Wilhelms-Land und das Bismarck-Archipel. Ein Jahr später folgten die Marshallinseln, die im 20. Jahrhundert durch die Atomtests der Amerikaner traurige Berühmtheit erlangten. Hinzu kam im Jahr 1900 als letzte Erwerbung Deutsch-Samoa.

Auf den Karolinen hissten Matrosen 1885 die deutsche Flagge, obwohl man in Berlin von den spanischen Besitzansprüchen wusste. Der nachfolgende Streit um die Inselgruppe führte die eigentlich befreundeten Länder an den Rand eines Krieges. Schließlich sprach der zum Schiedsrichter bestimmte Papst Leo XIII. im Oktober 1885 Spanien die Karolinen zu, mit der Auflage, dort rasch eine funktionierende Verwaltung einzurichten.

Gegen die Rebellen setzen die Deutschen auf eine Strategie der "verbrannten Erde"

Besonders glücklich wurden die Spanier nicht mit den Karolinen. Vor allem auf Ponape, wo rund 3000 Menschen in den fünf selbstständigen Staaten der Not, Sokehs, U, Kiti und Metalanim lebten, kam es immer wieder zu Aufständen. Spanien versuchte mehrfach, den Widerstandswillen der Bevölkerung durch Militärschläge zu brechen. Vergeblich. Nachdem einige Hundert Soldaten gefallen waren, gaben die Spanier auf und wagten sich nicht mehr aus der befestigten Hauptstadt Kolonia heraus.

1899 wurden die Karolinen doch noch deutsch. Nach der vernichtenden Niederlage im Krieg gegen die USA 1898 wollte Spanien die nutzlos gewordenen Marianen und Karolinen möglichst schnell loswerden. Diese Chance ließ man sich in Berlin nicht entgehen. Um seinen Besitz in der Südsee zu "vervollständigen", kaufte das Reich die Inselgruppen für die gewaltige Summe von fast 17 Millionen Mark. Nun besaß Deutschland ein zusammenhängendes Kolonialreich im Pazifik, das sich über eine riesige Fläche von Neuguinea im Süden bis zu den Marianen im Norden erstreckte.