In einem Lehrbuch für kreatives Schreiben wäre dies ein Beispiel für den perfekten Anfang: "Der Tag, an dem sie aufhörte, ihre Kinder zu lieben, war nicht anders als andere Tage." Ein kleiner Schock wird erzeugt, ein instabiler Zustand hergestellt durch ein irritierendes Verhältnis zwischen dem Ungeheuerlichen und dem Alltäglichen, und das in einem einzigen lakonischen Satz. So, weiß der Profi, zieht man den Leser in eine Geschichte. Ob das, was folgt, dem spektakulären Eröffnungszug standhalten kann, steht auf einem anderen Blatt.

Der Jurist Bernhard Schlink, der sich über Krimis den Schriftstellerberuf aneignete, dann die politische Vergangenheitsbewältigung als Thema für leichtgängige Erzählprosa entdeckte und seit seinem verfilmten Welterfolg Der Vorleser zu den verlässlichen Bestsellerautoren zählt, gebietet über ein ganzes Arsenal handwerklicher Tricks, vorzugsweise aus der angelsächsischen Schule. Und er kennt sich gut aus im Repertoire menschlicher Sehnsüchte und Selbsttäuschungen, Ängste und Schwächen. Vor allem aber beherrscht er einen Ton, der in seiner Mischung aus Distanz und Einfühlung für die Authentizität der geschilderten Milieus zu bürgen scheint.

Es handelt sich dabei um eine Sphäre, in der auch Schlinks Publikum entweder lebt oder nicht ungern leben würde – jene der gut dotierten akademischen oder künstlerischen Berufe, der sozial abgesicherten Weltläufigkeit. In seinem neuen Erzählungsband Sommerlügen ist das Personal, anders als in den Romanen und der Kurzgeschichtensammlung Liebesfluchten, überdies frei von politisch motivierten Altlasten und Gewissensnöten und darf sich auf das konzentrieren, was in globalen Krisenzeiten am nachhaltigsten ablenkt: Beziehungsprobleme, Liebesverstrickungen, Familienkonflikte, durch Alter oder Krankheit ausgelöste Sinnfragen.

Dass alles in einem gepflegten, ja entspannungsfördernden Rahmen bleiben soll, legt schon der Titel nahe. Zwar deutet er an, dass es dem notorischen Moralisten Schlink auch hier wieder um Wahrheit, Wahrhaftigkeit und deren Gegenteil geht, aber mit Sommerlügen assoziiert man Lügen, die weniger schwerwiegend sind als solche ohne jahreszeitliche Bestimmung. Und in der Tat sollte man von Erzählungen, die Nachsaison oder Die Nacht in Baden-Baden heißen, Johann Sebastian Bach auf Rügen, Der letzte Sommer oder Die Reise nach Süden, nichts anderes erwarten als eine Lektüre, die im Erster-Klasse-Abteil, auf der Hotelterrasse mit Seeblick oder im Strandkorb der gehobenen Kategorie einen standesgemäßen Zeitvertreib garantiert. Vor allem für Leserinnen, auf deren "Innen"leben ein gewiefter Autor wie Schlink gezielt hinschreibt, auch wenn sechs von sieben Geschichten aus männlicher Perspektive erzählt werden.

Ein Soloflötist begegnet beim späten Urlaub "auf dem Cape" einer nicht mehr ganz jungen reichen Erbin und lässt sich von ihr halbherzig zu einer gemeinsamen Zukunft überreden. Ein Dramatiker verschweigt seiner festen Freundin nicht nur die Nacht mit seiner platonischen Geliebten, sondern betrügt sie beim gemeinsamen Provence-Aufenthalt auch noch mit einer jungen Kellnerin. Ein als Schriftsteller erfolgloser Hausmann und Vater versucht verzweifelt, seine berühmte Autorengattin von der New Yorker Szene abzuschotten, weil er um den Bestand der Kleinfamilie fürchtet. Ein betagter, an Krebs erkrankter Professor hat in der Villa am See seinen Freitod vorbereitet, ohne seine Frau, die Kinder und Enkel darüber zu informieren. Ein Sohn lädt den Vater zu einer Musikreise ein, um endlich mit ihm ins Gespräch zu kommen. Ein Fluggast lauscht bei heftigen Turbulenzen der Lebensbeichte seines Sitznachbarn, in der es um Liebe und Schwerverbrechen geht. Und schließlich: Eine alte Dame reist mit ihrer Enkelin an den Ort ihrer Jugendliebe und erkennt, dass sie sich ein Leben lang selbst betrogen hat.

Alle Geschichten sind etwa gleich lang und in mundgerechte Portionen unterteilt, alle haben den moderaten Ton, die schlichte Sprache und die gedämpfte Gefühlslage gemeinsam, keine ist mit Untiefen oder doppelten Böden beschwert, aber jede kokettiert mit einem halbwegs offenen Schluss. Der ist freilich das Einzige, was offen bleibt, denn so ökonomisch der Verfasser seine erzählerischen Mittel einsetzt, so erschöpfend lässt er die Figuren ihre jeweilige Situation reflektieren und erörtern. Wie zum Beispiel den seitenspringenden Stückeschreiber: "Es ging nicht um diese oder jene Frau, sondern um Stetigkeit und Verlässlichkeit des Lebens überhaupt."

Je mehr es menschelt, desto weniger braucht mitgedacht zu werden. Und die Frage, inwieweit der Routinier Schlink mit Klischees und Stereotypen arbeitet, beantwortet sich von selbst, wenn man etwa liest, was ihm zu Johann Sebastian Bach einfällt. Aber warum soll man ihm das alles vorhalten? Wer handwerklich solide, humorfreie Unterhaltung für Mußestunden am Meer oder im Gebirge sucht, ist gut bedient. Wer Literatur als Kunstform schätzt, muss Schlink schließlich nicht lesen.