Diese Geschichte beginnt mit einem Traum in einem anderen Land. Sturm und Regen peitschen über das Feld auf der Halbinsel Krim, wo ein verlorener Haufen Wehrmachtssoldaten im Oktober 1943 auf den "siegreichen Rückzug" wartet. In einem Zelt kauert der Obergefreite Gregor Siutz und schreibt an die Familie im fernen Kärnten: "Nach etlichen Tagen finde ich endlich Zeit, Euch bekannt zu geben, daß ich noch lebe. Obwohl das Leben, das wir hier führen, schon mehr den ersten Menschen gleich sieht als jetzt dem hochkultivierten Deutschland."

Wut und Verzweiflung sprechen aus Gregors hingekritzelten Zeilen. Sein Bruder Hans ist bereits gefallen, der andere, Jure, ist in englischer Gefangenschaft. Dann berichtet der Briefschreiber noch von einem Traum, den er auf dem stürmischen Feld gehabt hat: "Der Krieg war aus, der Jure und ich kamen nach Hause und heirateten beide zugleich. Wie wir so im Stift mit unserem Fuhrwerk ankamen und zur Kirche gingen, erscheint ein schöner Wagen. Aus ihm steigen ein junger Herr und eine alte Dame, schön angezogen. Wie sie näher kamen, waren es Hans und Großmutter. Nach der Trauung verschwanden sie wieder. Das merkte ich mir gut und sagte mir, das schreibst du heim." Es ist das letzte Lebenszeichen. Am 2. November 1943, seinem dreißigsten Geburtstag, fällt auch Gregor Siutz, der Onkel des Schriftstellers Peter Handke.

65 Jahre später hat auch Handke einen Traum: "Prozession der toten Vorfahren, auch Nachbarn, aus dem Dorf, zwischen Erhabenheit und Bedrohlichkeit, und ich uralt wie sie alle", notiert er im Januar 2008 in seinem Tagebuch. Es ist nicht der einzige Traum dieser Art. Sie lassen ihn nicht los, die Vorfahren, richtig lästig können sie manchmal werden. Und doch: ohne sie kein Schreiben.

Nun hat Handke ein neues Theaterstück verfasst. Es heißt Immer noch Sturm, und die Literaturkritik wird es wie üblich als eines jener zwischen Lyrik und Epos traumwandelnden Handke-Bücher rezensieren. Als erfundenes Traumstück, nicht als gefundenes. Selbst die Klappentext-Verantwortlichen bei Suhrkamp konnten sich nicht entscheiden: Ist es eine Familientragödie? Ein Epos der Kärntner Slowenen? Ein Geschichtsdrama? Ein historisches Traumspiel über den Kärntner Widerstand "und die Geschichte meiner Familie" hat Handke sein neues Stück genannt. Er sei, gestand der Autor, beim Durchlesen selbst bewegt davon gewesen. Seinen Kritikern, die ihn seit Jahrzehnten als selbstbeweihräuchernden Hohepriester religiöser Utopien abkanzeln, macht es der Autor mit solchen Aussagen gerne leicht. Poesie, Politik und Partisanen, kann das gut gehen?

Schon seine Reiseberichte wie Gerechtigkeit für Serbien hat man dem Dichter als unbefugtes Betreten von fremdem Diskursland verübelt. Vollends in öffentliche Ungnade fiel Handke, als er 2006 demonstrativ am Begräbnis von Slobodan Milošević teilnahm. Zuletzt munkelten die Feuilletons, es sei "still geworden" um Peter Handke. Sein neues Stück, ein großes Alterswerk im besten Sinne, zeigt: Es war die Ruhe vor dem Sturm. Vorweg: Das Werk hat lange Wurzeln. Den Titel hat Handke sich bereits vor 20 Jahren in seinem Tagebuch vorgemerkt: "Storm still" lautet die Regieanweisung im dritten Akt von Shakespeares King Lear, in dem der alte König über die stürmische Heide irrt. Bei Handke findet der "Welt- wie Familienkrieg" auf einer Heidesteppe im Kärntner Jaunfeld während des Zweiten Weltkriegs statt. Die Großeltern, die Mutter, ihre Brüder und eine Schwester treten auf und ab, reden miteinander und auch mit dem "Ich", welches die Vorfahren vom Rande der Szene her beobachtet: "Was willst du von uns, Nachfahr? Warum wir? Wir haben doch verloren. Sind kein Thema. Und auch kein Stoff zum Träumen."

Ja, Verlierer im großen Welttheater scheinen sie alle, diese Mitglieder einer bäuerlichen slowenischen Familie in Kärnten. Ihre Sprache (die im Stück häufig erklingt) wird im "Dritten Reich" als "Untermenschenkauderwelsch" verboten. Die Mutter lässt sich von einem "reichsdeutschen Ziegenbock" schwängern, der sie noch vor der Geburt verlässt. Zwei ihrer Brüder fallen im Krieg.

Nur Gregor, der Älteste, überlebt und schließt sich mit seiner Schwester Ursula den jugoslawischen Partisanen an, die in Kärnten gegen die Nationalsozialisten kämpfen. In den dreißiger Jahren hat dieser Gregor in Slowenien Obstbau studiert und der Familie nach seiner Rückkehr nicht nur den Weg in die wirtschaftliche Unabhängigkeit gezeigt. Er hat ihnen auch unablässig den Stolz auf die slawischen Vorfahren eingeimpft.